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Wenn Gentechniker zur Schere greifen

Der „Chrysanth-Hanser-Roggen“ ist nur dem Namen nach ein Mischwesen aus Mensch und Getreide.

„Während das Wachstum der Weltbevölkerung, Klimawandel, Insektensterben und Bodenverbrauch nach ertragreichen, klima- und schädlingsresistenten Nutzpflanzen verlangen, bleiben einige Methoden ihrer Züchtung ebenso umstritten, wie ihr Einsatz und ihre Vermarktung. Doch wie rational ist die Skepsis der Gentechnik-Gegner und wie fundiert sind die meist hitzig geführten Debatten?“ Während einer so angekündigten Diskussionsveranstaltung kam mir neulich im Halbschlaf folgende Begebenheit in den Sinn:

Der Teufel bittet den lieben Gott, er möge doch endlich die Ethiker zur Räson rufen, welche beharrlich den Eingriff der Gentechnik in die menschliche Keimbahn blockieren. Schließlich seien sämtliche Pioniere auf diesem Fachgebiet gut katholisch, von Gregor Mendel bis zum heiligen Augustinus, dem bekanntlich der Eintrag der Sünde in das menschliche Erbgut gelang. Wenn das so weitergeht, käme bald niemand mehr in den Himmel, während die Hölle aufgrund von Überbevölkerung mit Versorgungsengpässen, Verteilungskämpfen und Bürgerkriegen zu rechnen hat. Dabei sei der Schere zwischen Arm und Reich kostengünstig, treffsicher und effizient mit der Genschere zu begegnen. Nein, sagte der liebe Gott, denn dann hätte nämlich der Himmel in kürzester Zeit dasselbe Problem.

Geschichten über Himmel und Hölle haben die Menschen schon immer beschäftigt. Etliche Zeugnisse nähren aber auch den Verdacht, dass die Angst vor der ewigen Strafe die Fantasie von Gelehrten, Künstlern und einfachen Gläubigen allemal stärker befeuerte als die Hoffnung auf ewige Freuden. Sind nie enden wollende Qualen eine höchst furchteinflößende und schon im irdischen Dasein oft unerträgliche Angelegenheit, kann die Aussicht auf einen immerwährenden Glückszustand schnell zur Langeweile entarten. Während die Hölle trotz ausgesuchter Foltermethoden alles daran setzt, um ihre Bewohner am Leben zu halten, droht im Himmel der Wärmetod?

Nicht unbedingt, meint um das Jahr 1900 der Münsteraner Dogmatiker Josef Bautz, denn schließlich wird das Höllenspektakel ja nicht zur Belustigung der auf ewig Verdammten, sondern zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Seligen aufgeführt. Um seine Theorien auf objektive Beine zu stellen, bemüht der von Fachkollegen als „Höllenbautz“ apostrophierte Gelehrte auch die moderne Naturwissenschaft: Damit die Verdammten bei ihrer Auferstehung sich bester Gesundheit erfreuten, um „für die Einwirkung des Strafübels in höherem Maße empfänglich zu sein“, sei das Feuer der Hölle nicht imstande, den Körper, seine Teile und Moleküle aufzulösen. Und schließlich sei für den Fortbestand des höllischen Feuers durch „gewisse chemische Prozesse“ auch nach dem Weltende gesorgt.

Nein, das ist nicht der Chrysant-Hanser-Roggen, sondern ein Gemälde von Guiseppe Archimboldo mit dem Titel „Vier Jahreszeiten in einem Kopf“, gemalt um 1590. Es hängt in der National Gallery of Art in Washington. Foto: Wikicommons

Schon vor einigen Jahren haben Wissenschaftler mit der Injektion menschlicher Stammzellen in Affenembryos einen Aufschrei der Ethiker provoziert: „So könnten chimärische Embryonen erzeugt werden, durch die Mischwesen entstehen, bei denen nicht mehr abgrenzbar ist, ob sie Tier oder Mensch sind,“ war am 19.04.2021 in der Wiener Zeitung zu lesen. In den Höllendarstellungen eines Hieronymus Bosch aber hat es schon vor einem halben Jahrtausend von solchen Chimären nur so gewimmelt.

Als ich zwischenzeitlich aus meinem Tagtraum erwachte, ging es dann doch um weniger weltfremde Dinge. Der „Chrysanth-Hanser-Roggen“ aus Osttirol ist nämlich nur dem Namen nach ein Mischwesen aus Mensch und Getreide, vielmehr eine alte Kulturpflanze, besonders zum Anbau in schneereichen alpinen Lagen geeignet und dort auch bei Bäckern und deren Kunden beliebt. Allerdings hat er aufgrund seines hohen Wuchses klimabedingten Umwelteinflüssen wenig entgegenzusetzen. Er kippt dann leicht um und liefert sich so dem Befall durch Mutterkorn aus.

Mit der Genschere CRISPR-Cas9, welche die für das übertriebene Wachstum verantwortliche DNA-Sequenz aus dem Erbgut seziert, ließe sich der Mangel beheben: statt Chrysanth-Hanser- wächst nun Rudolf-Ingruber-Roggen! Der ist um die Hälfte kürzer, witterungsbeständig, und fällt in der Regel erst nach dem Konsum von Inhaltsstoffen des Mutterkorns um. Der einzige Nachteil: Sein Stroh geht sich für keine Erntedankkrone, sondern höchstens für einen Pileolus aus.

Allerdings würde diese Kopfbedeckung ihren Träger als Global Player ausweisen und in die Lage versetzen, das Gespräch zwischen Naturwissenschaftlern und Philosophen zu moderieren sowie für den Abstand zwischen dem technisch Machbaren und dem ethisch Vertretbaren einen brauchbaren Maßstab zu etablieren. Denn in der Diskussion war man sich über zweierlei jedenfalls einig: Dass es nicht darauf ankommt, Brot zu vermehren, sondern in erster Linie dem ausbeuterischen Turbokapitalismus die Stirn zu bieten.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

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r.ingruber

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