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Foto: Marcelo Leal/Unsplash

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Meine Tage auf Nord 1: „Haben wir gut geschlafen?“ 

Im BKH Lienz gab man sich alle erdenkliche Mühe, mir den Aufenthalt so unvergesslich wie möglich zu machen.

Dafür, dass Herbert Kickl angeblich kerngesund ist, geht er auffallend häufig zum Arzt. Schon im September 2021 musste ihm ein Internist vor laufender Kamera attestieren, dass er nicht gegen Corona geimpft ist, und neulich hat er ein ärztliches Gutachten vorgelegt, das ihm „einen sehr guten Allgemein- und Ernährungszustand“ bescheinigt. Damit parierte der FPÖ-Chef die vom Profil-Journalisten Gernot Bauer im ORF angemeldeten Zweifel an seinen politischen Ambitionen: „Ich bin gespannt, ob er überhaupt die Robustheit hat, dass er ganz oben ist.“

Ich selber war bis vor Kurzem nie ernsthaft krank und wahrscheinlich gerade deshalb auch niemals ganz oben. Obwohl einmal dorthin zu gelangen mir, als gläubigem Katholiken, natürlich ein Herzensanliegen ist, habe ich es damit nicht sonderlich eilig. Trotzdem wäre es mir jetzt beinahe gelungen. Kardinal Ratzinger, der einst im Gespräch mit Intendant August Everding den Verlust des bis Goethes Faust gebräuchlichen dreigeschossigen Bühnenaufbaus bedauerte, räumte ein, dass die entsprechende Einteilung der Welt in Himmel, Erde und Hölle auch Stockwerke vorsah, „aus denen man wieder herausgeholt werden konnte“. Ich selbst war vorübergehend auf Nord 1 stationiert.

Einquartiert im BKH Lienz. Für mich Neuland. Foto: Rudi Ingruber

Mit Krankenhäusern hatte ich bis dahin so gut wie keine Routine. An meine Geburt, die ja längst schon verjährt ist, kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, und an den nächtlichen Sturz auf dem Heimweg, der noch nicht so lang her ist, Gott sei Dank, auch nicht. Ob der kurze Verlust des Bewusstseins diesbezüglich als Ursache oder als Wirkung zu werten ist, wird wohl bis zu seiner Verjährung ungeklärt bleiben.

Diesmal jedoch gaben sich Ärzte und Ärztinnen, vor allem aber Pflegerinnen und Pfleger alle erdenkliche Mühe, mir den Aufenthalt so unvergesslich wie möglich zu machen, mir das Gefühl zu vermitteln, dazuzugehören und dieselbe Sprache zu sprechen: Tachykardings, Insuffundsoweiter, die paar Brocken Latein oder Griechisch konnte man googeln und weg’n in Suff und so weiter hatte ich ja, wie bereits angedeutet, schon einen Spitalsaufenthalt absolviert. Im Übrigen aber war man mit Diagnosen aus Datenschutzgründen äußerst diskret und hielt sie, so bekam ich den Eindruck, auch untereinander geheim. 

Mit der Zeit lernte ich, die Krankenschwestern an ihrer Bekleidung zu unterscheiden.

Mit der Zeit lernte ich auch, die Krankenschwestern an ihrer Bekleidung zu unterscheiden: Kasack, und Schlupfhose in Weiß oder Grün für die Profis, grünweiß gestreift für die Auszubildenden und in Blau für den Operationssaal. Dazu in den nämlichen Farben das Schuhwerk – Clogs, Sneakers oder Sandalen. Hauben gibt es im Lienzer Krankenhaus nur für die Küche. Gerne hätte ich dazu den einen oder anderen Beitrag für die Dolomitenstadt-Serie „Jetzt werd's guat“ verfasst, aber wie im Lienzer Krankenhaus gekocht wird, will vielleicht niemand so genau wissen.

Aufregender war da schon die jeden Morgen von einer Krankenschwester in der ersten Person Mehrzahl an mich gerichtete Frage, ob „wir gut geschlafen“ hätten, die durchaus in der Lage war, meine Vorstellungskraft zu beschäftigen und die ich jedoch zu meinem Bedauern die längste Zeit nur für meinen Teil beantworten konnte. Bis dann zu nächtlicher Stunde immer öfter weibliche Gesichter aus der Finsternis emportauchten, und ich, unfähig, meinen Augen von den ihren zu lösen, spürte, wie mir das Blut aus den Adern abgesaugt wurde.

Während ich das Schauspiel mit von Mal zu Mal wachsender Ungeduld herbeisehnte, war ich tagsüber immer seltener aus dem Bett zu bewegen. Bei der Morgentoilette mied ich den Spiegel, da ich dort erste Ansätze zu Fangzähnen zu beobachten fürchtete. Außerdem war ich mir keineswegs sicher, dass ich überhaupt noch ein Spiegelbild hatte. Als jedoch eines Nachts die Krankenhaus-Seelsorgerin mit der geweihten Hostie das Zimmer betrat und die Gesichte kreischend die Flucht ergriffen, wurden meine Ängste Gewissheit.

Wie zur Beglaubigung meiner Entdeckung wurde ich am nächsten Morgen einen Stock tiefer geschickt, wo ich auf Vlad den Pfähler zu treffen gefasst war. Es ist ein weit verbreiteter Aberglaube, dass ein Urologe ausschließlich Männer behandelt. Anders als der Gynäkologe behandelt er alle Geschlechter und nicht nur Teile davon. Aber nur Männer hat er fest in der Hand. Oder zumindest am Finger. Und nicht gerade am kleinsten. Anstatt seine Untersuchung, wie erwartet, mit ein paar satanischen Versen zu kommentieren, entließ mich der Urologe jedoch mit einem freundlichen, Salman Rushdie abgelauschten Zitat: „Falls Ihnen noch nie ein Katheter in Ihr Geschlechtsteil eingeführt wurde, belassen Sie es dabei!“

Bevor darüber die Träne quoll und die Erde mich wieder hatte, verließen noch schnell zwei weitere Prominente ihre Station. Die Berichte von Dolomitenstadt erweckten den Eindruck, als wäre man auf einer Musikseite gelandet, und die Zahl der Postings ließ vermuten, Dolomitenstadt würde zum Abtritt von Olga Reisner und Oberst Rott Eintrittskarten verlosen. Mein eigener Heimgang bedurfte weder eines Marschbefehls noch wurde er von einem Paukenschlag eingeleitet, und darüber berichten werde ich, sachlich wie immer, wohl selbst.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

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4 Postings

Laurenzia9
vor 2 Wochen

Und wenn man einfach dankbar wäre, dass einem im Krankenhaus geholfen wurde?

 
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Bahner Bernd
vor 3 Wochen

ich hoffe , nicht ohne Eigennutz, Ihre Genesung hat inzwischen weitere Fotschritte gemacht.Alles Gute.

 
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c.haplin
vor 3 Wochen

Sehr geehrter Herr Ingruber - sie wurden schmerzlich vermisst. Den Vlad Tepes trifft man üpbrigens eher hier im Forum als auf der Urologieambulanz.

 
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arlingriese
vor 3 Wochen

… Rudi scheint wieder wohlauf und über den Damm zu sein. Gott sei Dank! Bei vollen Kräften und guter Gesundheit schreibt er wieder mit spitzer Feder und gibt nichts "Stumpes" von sich! Dankeschön dafür.

 
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