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Dieses Rinnsaal soll gefährlich sein? Wenn man sich den Zustand der Sperrbauwerke ansieht, lautet die Antwort eindeutig: ja! Foto: Wildbach/Pussnig

Dieses Rinnsaal soll gefährlich sein? Wenn man sich den Zustand der Sperrbauwerke ansieht, lautet die Antwort eindeutig: ja! Foto: Wildbach/Pussnig

Hang in Bewegung: Wie gefährlich ist der Grafenbach?

2021 kamen Millionen Kubikmeter Erdreich ins Rutschen. Sie zu stoppen, kostet mehr als kalkuliert.

Hanspeter Pussnig ist stellvertretender Gebietsbauleiter der Wildbach- und Lawinenverbauung im Bezirk Lienz. Wenn er über sein Berufsfeld spricht, dann spürt man den Ingenieur: Wassereinträge, Großmassenbewegung, Gleithorizont – das klingt nach Beherrschbarkeit der Elemente, nach Zähmung der Natur durch Technik. Und doch ließ Pussnig im Lienzer Gemeinderat am 26. Juni manchmal zwischen den Zeilen aufhorchen.

Der Unterton seiner Ausführungen klang streckenweise subtil bedrohlich, wie die Musik in einem Thriller, dessen Handlung auf den Spannungshöhepunkt zusteuert. Pussnig sprach über den Grafenbach, der meist nur ein Grafenbachl ist, im Extremfall aber zu einem anderen Osttiroler Wildbach aufschließen könnte: „Aus fachlicher Sicht ist das schon die Liga Bretterwandbach“, erklärte der Fachmann den Gemeinderäten, von denen die meisten wohl nicht wussten, was das bedeutet.

Hanspeter Pussnig bemühte sich um den sachlichen Ton eines Ingenieurs. Dennoch klangen viele seiner Ausführungen wie eine Warnung vor dem Zerstörungspotenzial des Grafenbachs. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Der Bretterwandbach hat in der Tauerngemeinde Matrei dafür gesorgt, dass manches Haus einen zweistöckigen Keller hat, weil es von gewaltigen Schlammlawinen so hoch verschüttet wurde, dass man sich nicht die Mühe machte, es auszubuddeln und einfach ein Stockwerk oben drauf setzte. Und das könnte am Grafenbach auch passieren?

Offensichtlich ja. Und so klingt das Szenario in der Sprache des Ingenieurs: Nach starken Regenfällen kam es 2021 zu einer „Großmassenbewegung“ über dem Grafenbach: „Das ist keine Übertreibung“, sagt Pussnig und rechnet vor, dass sich auf einer Fläche von 14 Hektar oberhalb von Gaimberg und Lienz plötzlich das Erdreich talwärts zu schieben begann. Dabei sei der „untere Gleithorizont“ zwischen 20 und 30 Metern gelegen, was nichts anderes bedeutet, als dass sich diese gigantische Erdmasse nicht nur über eine Riesenfläche ausdehnte, sondern in großer Tiefe abzudriften begann.

„Da sind Millionen Kubikmeter in Bewegung. Am Beginn bewegte sich diese Masse im unteren Bereich mit ca. 5 Zentimeter am Tag. Das ist für solche Großmassenbewegungen etwas sehr, sehr Seltenes.“

Hanspeter Pussnig

Pussnig: „Da sind Millionen Kubikmeter in Bewegung. Am Beginn bewegte sich diese Masse im unteren Bereich mit ca. 5 Zentimeter am Tag. Das ist für solche Großmassenbewegungen etwas sehr, sehr Seltenes, denn bei diesen großen Dingen ist eine gewisse Trägheit zu unterstellen. Nur: Fünf Zentimeter, das ist nicht wirklich träge.“

Die schlechte Nachricht: Diese gewaltige Masse bewegt sich zwei Jahre später noch immer. Die gute Nachricht: Das Tempo hat sich auf einen Zentimeter pro Monat verlangsamt. Die Wahrscheinlichkeit eines Unglücks ist also deutlich kleiner geworden, die brachiale Wucht einer möglichen Riesenmure jedoch nicht. 2021 schrammten Gaimberg und Lienz offenbar haarscharf an einer Katastrophe vorbei.

Pussnig zeigt den Gemeinderäten Bilder von Betonsperren am Grafenbach, die sich nach vorn neigen. „Die Sperren, die gekippt sind, das sind keine kleinen Bauwerke, das sind massive Betonsperren. Der Gleithorizont liegt dabei weit unter der Fundierung dieser Bauwerke. So etwas hatten wir im Bezirk noch nie, solche großen Dinge.“

Gefährlich war der Bach allerdings schon in den Sechzigern: „1966, als sich die sogenannte 'Grüntalrutschung' am Grafenbach in Bewegung setzte, da waren das sechs Hektar und der Gleithorizont war in einer Tiefe von 2 bis 3 Metern. Das ist überschaubar, solche Bewegungen lassen sich kontrollieren bzw. schutztechnisch verbauen,“ sagt der Ingenieur. Doch diesmal sind viel weitergehende Maßnahmen nötig, vor allem konsequente Entwässerung, denn „Wasser ist der Motor jeder Massenbewegung“.

Nach starken Regenfällen öffnete sich 2021 das Erdreich über Gaimberg. Mittlerweile sind die Spalten verschlossen und werden laufend überwacht. Der Hang bewegt sich noch immer. Foto: Wildbach

Juli 2021 – an diesem Tag wurde nach heftigen Regenfällen die Gefahr erstmals sichtbar. Plötzlich öffnete sich das Erdreich über Gaimberg und gab breite Spalten frei. „Wir haben an diesem Tag ein Sofortmaßnahmenpaket geschnürt“, erzählt Pussnig. Es sei wichtig, dass die Wildbachverbauung im Extremfall sofort handeln kann und keine Bewilligung braucht. Nur 14 Tage später, am 3. August 2021, war das Schlimmste verhindert: „Wir haben die Risse verschlossen und die Wässer um diese Risse herumleiten können. Dadurch haben sich die Bewegungsraten stark reduziert. Das war extrem wichtig.“

So gewannen die Experten der Fachabteilung Zeit für die Ausarbeitung einer umfassenden Strategie zur Absicherung der Hänge und Bändigung des Baches. Ein Projekt in drei Stufen wurde geplant. Stufe 1 hatte das Ziel, die rutschenden Hänge zu stabilisieren, trockenzulegen und zu sichern. Hunderte Meter Drainageleitungen wurden verlegt, „mehr als erwartet“, sagt Pussnig. Böschungen wurden mit massiven Stahlkonstruktionen gesichert, Wasserfassungen und zwei Zubringer für den Bach gebaut, Holzsperren und zwei Meter hohe Stahlsperren aufgestellt. So sollten Sohle und Ufer des Grafenbaches wieder stabilisiert und kleinere Rutschungen verhindert werden. All das kostete bisher 1,7 Mio. Euro und ist doch erst der Anfang.

Nach unten drängende Erdmassen beschädigen auch massive Sperren. Bricht so ein Bauwerk weg, kann es zu einem Dominoeffekt kommen.
So wird die Geschiebesperre bei der Egger-Brücke konstruiert sein. Sie wird 60 Meter breit und neun Meter hoch.

Aktuell wird mit Stufe 2 begonnen, dem Bau einer „Geschiebedosieranlage“. Das klingt ein wenig wie „Seifenspender“, meint aber ein Bauwerk, das eher an die Sauriersperren in Jurassic Park erinnert. 60 Meter breit und 9 Meter hoch ist diese Beton- und Stahlkonstruktion, deren Fundamentplatte derzeit am Standort bei der Egger-Brücke betoniert wird. Dort steht schon eine Sperre, die aber viel zu putzig ist für die „erheblichen Feststoffmassen, die wir seit dem Prozess erwarten,“ sagt Hanspeter Pussnig. Die neue Sperre wird 20 Meter hinter der alten stehen, allein das Fundament kostet eine halbe Million Euro, aber wenn das Bauwerk in zwei Jahren fertig ist, kann es 30.000 Kubikmeter Geschiebe an der Talfahrt hindern.

Dann wird, nach Plan im Jahr 2026, die dritte Stufe der Bach- und Hangzähmung eingeleitet. Ein gutes Dutzend zerstörte oder schwer beschädigte Sperrbauten werden saniert und erneuert. Sie stehen in einer ganzen Kette von Sperren und stellen ein Risiko dar. Der Experte bringt den passenden Vergleich: „Man muss sich vorstellen, wenn aus dieser Staffelung eine Sperre herausbricht, dann kann ein Dominoeffekt entstehen und weitere Sperren brechen nach. Das wäre ein Szenario, das wir um jeden Preis hintanhalten wollen.“

Um jeden Preis – das ist das Stichwort. 6,3 Millionen Euro wurden 2021 für die dreistufige Bändigung der Natur über Gaimberg kalkuliert. Schnell war klar, das wird nicht reichen. Ein Puffer für „Unvorgesehenes“ von 800.000 Euro, der in der Gesamtkalkulation enthalten ist, reicht nicht aus, um die Kostensteigerung abzufangen.

Für bisher eingeleitete Maßnahmen wurden kalkulierte 1,7 Millionen mittlerweile auf 2,2 Millionen Euro nach oben revidiert. Pussnigs Auftritt im Lienzer Gemeinderat diente der Argumentation für diese Erhöhung und verfehlte seine Wirkung nicht, zumal die Stadt ohnehin „nur“ mit 72.000 Euro Mehrkosten konfrontiert ist, da fast vier Fünftel der Gesamtkosten von Bund und Land übernommen werden. Lienz zahlt 14,5 Prozent, Gaimberg 6,5 Prozent der Verbauungsmaßnahmen. Das Geld ist gut investiert. Der Gemeinderat genehmigte die Kostenerhöhung ohne Gegenstimme.

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von „Dolomitenstadt“. Der promovierte Politologe arbeitete als Kommunikationsberater in Salzburg, Wien und München, bevor er nach Lienz zurückkehrte und 2010 „Dolomitenstadt“ ins Leben rief. 2025 erhielt Pirkner für seine journalistische Arbeit den Walther-Rode-Preis.

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