Martin Kofler, Historiker und Leiter des Tiroler Fotoarchivs breitet eine Karte aus dem Jahr 1854 vor sich aus und zeigt auf einen Ort, an dem er selbst aufgewachsen ist: Den Grafenanger. Der war einst eine große Wiese, wie das Wort „Anger“ selbstredend erklärt, und lag außerhalb der Stadtmauern. Deshalb wurde auch hier das 1334 erstmals urkundlich erwähnte „Siechenhaus“ platziert, um Menschen mit gefährlichen ansteckenden Krankheiten von anderen Patienten im damaligen Bürgerspital – heute BORG – abzusondern.
Das Gespräch mit dem Historiker ist Teil unserer Stadtteil-Reportage über den Grafenanger, der eine bewegte und durchaus außergewöhnliche Geschichte hat, geprägt von Krieg, Schule und traditionellem Gewerbe. All diese Aspekte erläutert Martin Kofler im Video, illustriert mit alten Aufnahmen einer ausgedehnten Barackensiedlung, aus der sich langsam der heutige Stadtteil entwickelte. Wussten Sie, dass 1943, also während des Weltkriegs, hier um die 1000 Franzosen gefangen gehalten wurden?
Nach dem Krieg entstand hier ein Schulbezirk, mit dem Gymnasium und einem Konvikt, in dem bis zu 300 Kinder und Jugendliche untergebracht waren. Auch darüber kann Kofler einiges erzählen.
Seit 55 Jahren wohnt Gerlinde Murrer im Grafenanger. Sie liebt den sonnigen Bezirk mit seiner guten Infrastruktur. Die Wohnblöcke, die in den sechziger Jahren gebaut wurden, grenzten damals unmittelbar an die Barackensiedlung und hatten das „Brennerle“ als natürlichen Spielplatz für die Kinder in der Nähe. Frau Murrer ist fit, auch deshalb, weil die vierstöckigen Blöcke aus dieser Zeit ohne Lift gebaut wurden.
Brot für den Bezirk liefert seit den fünfziger Jahren die Bäckerei Gruber. „Die war immer schon da“, sagt Gerlinde Murrer und Martin Kofler spannt noch einmal den Bogen zum Konvikt, für das immerhin um die 600 Semmeln täglich benötigt wurden!
Also besuchen wir zum Ende des Stadtteilrundgangs die Backstube und treffen dort drei Generationen „Gruber-Bäcker“. Erich, Werner und Julian Gruber sind in der Wolle gefärbte „Grafenangerer“, die nicht nur über die Entwicklung ihres Betriebes viel erzählen können, sondern ihre ganz persönlichen Erinnerungen und Erlebnisse teilen. Es gab sogar einen Fußballplatz im Stadtteil samt „Grafenanger Sportclub GSC“, der in lokalen Derbys gegen Gaimberg antrat!
Viel Spaß bei einem „Stadtgespräch“ aus dem Grafenanger in Lienz! Hinter der Kamera: Alexandra Hassler und Nils Klinger.
15 Postings
Das Fotodatum kann nicht stimmen : "...genau vor 70 Jahren..." weil es ist keine Plonerstraße, keine Rennerstraße usw. oben. Das Foto ist vor 1950!! Bitte korrigieren!
du hast recht, das ist eher 1945. Denn meine Eltern haben 1950 auf die ganz linke Baracke aufgebaut. Da gabs noch keine Nachbarn, Troger und Forcher kamen Jahre später, mein Vater musste sich auch oft den Vorwurf gefallen lassen, in der 'Wildnis', inmitten Maisfelder, gebaut zu haben. Und das ist auch nicht die Nussdorferstraße, sondern die heutige Zettersfeldstraße.
Ist es überhaupt ein Foto von Lienz??
... bist Du deppat, so a hässlicher Talboden, gemmagemma, jetzt kommt der Fortschritt mit den ganzen Günstlingen ...
@W_C, ast du schon vergessen, wer aller da heute Nutznieser ist und Dreck auf ander Leute wirft?
... da haben noch viele Autostrassen Platz, und viel Lärm und die neue Leitung erst, a Wahnsinn so klass, und Leit sind s a nit mehr geworden wie damals ...
Man weiss es, nur a paar gstopfte und deswegen sinds nit mehr geworden, seit damals, gel, wolfi
Das Bild wurde sicher in den 50ern aufgenommen. Beispielsweise wurde das am Bild ersichtliche neue Bahnhofsgebäude erst 1950 fertiggestellt.
Sehr schöner Bericht über den Grafenanger - Danke. Stimme @Medan zu, alles war nicht rosig, weder im Gymnasium noch im Konvikt (historischer Baugrund=>Gefangenenlager), wie schon Johannes Schmidl in seinem Essay bemerkt hat. Traurig stimmt mich immer, wenn ich am Konviktsplatz vorbeikomme: Ich habe beim Bau des 2. Hauses als Ferialarbeiter bei der Fa. Urbaner mitbetoniert. Dass "mein" Werk nicht mehr steht macht mich ein wenig melancholisch. So ist der Lauf der Zeit, von Wiesen über Barackenlager über Schülerheim zurück zur Wiese. Danke nochmal für den interessanten Film.
Die allermeisten ehemaligen Insassen des Konvikts dürften glücklich sein dass "Ihr" Werk nicht mehr steht.
Irgendwann werden wir alle renaturiert.
Danke für den Bericht! Da wurden viele Erinnerungen wach, beginnend im Dezember 1958, als meine Familie in eines der damals neu gebauten Doppelhäuser (die ersten Bauten der heutigen OSG) im Grafenanger übersiedelte.
So rosig war das Bundeskonvikt nicht. Ich weiß aus Gesprächen und aus eigener Erfahrung, dass das BK sehr "prägend" war, v.a. für manche/mehrere/etliche Zöglinge.
Die NS-Zeit arbeitet der Herr Historiker mit großer Hartnäckigkeit und Energie auf, die Geschichte des Konvikts seltsamerweise nicht.
die beginnt u. endet mit dem Wort 'Zõgling'; da ist der 'Konvikt' folglich inkludiert.
Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren