Ruth Wodak, prominente Sprachwissenschafterin und Wittgenstein-Preisträgerin, lebt seit ihrer Emeritierung an der Universität Lancaster wieder in Wien. Die Veränderungen in Post-Brexit-England gefallen der 1950 in London Geborenen so wenig wie die Diskursverschiebungen durch Trump und die europäische Rechte. Im Interview mit der APA macht die Soziolinguistin und Diskursforscherin deutlich, dass es erhöhter Anstrengungen bedarf, der „Retrotopie" Alternativen entgegenzusetzen.
Frau Professorin Wodak, reißt es Sie als Sprachwissenschafterin auch jedes Mal, wenn Sie US-Präsident Donald Trump im O-Ton hören?
Ruth Wodak: Ich habe Donald Trump und seine Rhetorik schon während seiner ersten Amtszeit analysiert. Wirklich überrascht war ich noch bei seiner Wahlkampagne 2015/16, von der Explizitheit und Brutalität seiner Beleidigungen. Ich habe schon damals gesagt: Wir müssen aufpassen, Trump ist ernst zu nehmen! Er spricht durch diese Art des Diskurses viele Menschen an, die ihn als „einer von uns" empfinden, obwohl er das natürlich nicht ist. Sein Ausspruch, er könne auf der 5th Avenue jemanden erschießen, und es wäre egal, hat sich im metaphorischen Sinn bewahrheitet: Alles geht durch! Was mich heute überrascht, ist seine total bizarre Politik, dieses Hin und Her. Man kann nicht mehr vorhersagen oder -sehen, was passieren wird. Man gewinnt auch zunehmend den Eindruck, dass er sehr alt geworden ist. Und es ist nicht sicher, ob er wirklich immer so klar weiß, was er sagt und ankündigt.

Das hieße, er ist mehr situationsgetrieben, als dass er eine echte Agenda verfolgt?
Wodak: Die Form ist von den Inhalten eines Diskurses nicht zu trennen. Die Beleidigungen, Provokationen, Lügen und Rechtsverletzungen sind durchaus intendiert und quasi ein Katalysator, um gewisse Politiken durchzubringen. Ich bezeichne das als schamlose Normalisierung. Trump positionierte sich mit dem Dokument „2025 Presidential Transition Project", das viele leider nicht ernstgenommen haben, und setzt dieses Vorhaben Schritt für Schritt um. Er legitimiert diese Vorgangsweise, indem er Schuldige und Sündenböcke definiert. Damit verbreitet er Angst und hat zudem durch Massenentlassungen bewusst viele institutionelle Bereiche sofort geschwächt. Er hat Gesetze gebrochen und die National Guard und die ICE in Städte und States geschickt, obwohl dies gesetzlich verboten ist. Ich selbst habe, als ich Ende März eine Woche in den USA war, die Angst der Menschen miterlebt. Die ist auch ein Grund, warum es bisher kaum zu Massenprotesten gekommen ist.
„Ich glaube, dass die 'Big Daddy'-Haltung nichts mehr nützt“
Das jüngste Dokument der Trump-Administration richtete sich nicht nach innen, sondern nach außen: Die neue „Nationale Sicherheitsstrategie" der USA ist eine einzige Kampfansage gegen ein vereintes Europa. Bisher war die Strategie europäischer Spitzenpolitiker, „Big Daddy" bei Laune zu halten, so entwürdigend das ist. Kann das so weiter gehen?
Wodak: Ich bin keine Politikwissenschafterin, ich kann nur sagen, was diese Diskursverschiebung bedeutet. Sie ist eine Kampfansage, eine klare Intervention in die EU-Politik, aber auch in nationalstaatliches Eigenleben, indem er gezielt die jeweiligen Rechtsaußenparteien anspricht. Er will seine traditionellen, konservativen und autoritären Werte, für die MAGA steht, auch in Europa durchsetzen. Ich persönlich glaube, dass die „Big Daddy"-Haltung nichts mehr nützt.
Faktenbasiert gegen die „Retrotopie“
Auch in Europa werden lange tabuisierte Begriffe bewusst verwendet, um sie wieder salonfähig zu machen. Wie lässt sich gegen diese Diskursverschiebung angehen?
Wodak: Man muss etwas Positives, einen Gegendiskurs bieten. Aus den vielen Analysen politischer Kommunikation weiß ich: Man kann nicht nur immer dagegen sein, man muss auch sinnvolle Alternativen bieten und mit positiven Erzählungen an die Wählerinnen und Wähler herantreten. Die „Retrotopie", die jetzt verbreitet wird, beinhaltet u.a. eine revisionistische Vergangenheitspolitik und ein Zurück zu einer sehr traditionellen Geschlechterpolitik. Da muss man faktenbasiert und mit positiven Metaphern und attraktiven Bildern eine Alternative herausarbeiten, um das hochzuhalten, wofür die EU steht: für Grundwerte und Menschenrechte.
„Man kann nicht nur immer dagegen sein, man muss auch sinnvolle Alternativen bieten und mit positiven Erzählungen an die Wählerinnen und Wähler herantreten.“
Ruth Wodak, Sprachwissenschaftlerin
In eine ganz andere Richtung geht die Entwicklung von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz. In welchem Ausmaß wird das unsere Sprache und unser Denken verändern?
Wodak: Das kann man heute noch gar nicht richtig abschätzen. Wir sind alle gefragt, etwas Positives aus dieser neuen Situation zu machen. Wichtig ist, sich nicht der Geschwindigkeit der neuen Medien zu beugen. Oligarchen wie Elon Musk versuchen, uns mit dieser Geschwindigkeit - vor allem von Desinformation - vor sich herzutreiben. Alles geschieht so schnell, dass Gerichte und Medien nicht mehr nachkommen. Dies ist natürlich eine bewusste Strategie. Es ist wichtig, diese Dynamik zu durchbrechen und Zeit zur Reflexion zu haben, um der sogenannten „Alternativlosigkeit" etwas entgegnen zu können. Wir brauchen eine „reflektierte Entschleunigung": Vertrauen, Beziehungen und Empathie, die in der Face-to-Face-Kommunikation aufgebaut werden, werden nicht so schnell von der KI ersetzt werden können. Da bin ich nicht so pessimistisch.
„Wichtig ist, sich nicht der Geschwindigkeit der neuen Medien zu beugen.“
Ruth Wodak, Sprachwissenschaftlerin
Antisemitismus ist ein Feld, mit dem Sie sich ebenfalls immer wieder auseinandergesetzt haben. Im Vorjahr haben Sie ein Update Ihres Buches über diesbezügliche Erfahrungen herausgebracht: "Das kann immer noch in Wien passieren." Judenhass scheint weltweit stark zuzunehmen.
Wodak: Ich nenne es das „Judeus ex machina-Phänomen". Antisemitismus war nie verschwunden, und wenn es Angst vor Kontrollverlust gibt, kann man leicht wieder auf dieses kollektive Narrativ zurückgreifen. In Zeiten der Polykrise überrascht es mich nicht, dass Verschwörungsnarrative wieder scheinbare Erklärungsmodelle bieten. Braucht man Sündenböcke, kommen Juden rasch wieder infrage, so wie auch Roma, Muslime oder kriminalisierten Migrant:innen. Das bildet einen toxischen Mix.
„Mehrsprachigkeit ist Teil der neuen Zeit"
Sie wohnen nach vielen Jahren in England heute in Wien-Favoriten, einer jener Bezirke, in denen dieser Mix angeblich besonders toxisch ist.
Wodak: Ich fahre oft mit der 6er-Straßenbahn. Was ich da an Code-Switching höre, ist wunderbar. Dieses Phänomen ist wirklich interessant, ich bin ja Soziolinguistin. Heutzutage manifestiert sich sprachlich eine Diversität, mit der wir einfach leben und umgehen müssen. In vielen Bereichen haben sich die soziopolitischen Kontexte verändert. Es gibt einen Begriff, der gut beschreibt, dass Menschen dazu neigen, Angst vor Veränderungen zu haben und diese nicht wahrnehmen wollen: Status-quo-Bias. Man kann sozialen Wandel und auch Sprachwandel vielleicht nicht mögen, aber sie sind Teil unserer Gegenwart, der globalen medialen Gesellschaft und unserer Einwanderungsgesellschaft. Wir müssen beispielsweise akzeptieren: Mehrsprachigkeit ist Teil der neuen Zeit.
Das Gespräch führte APA-Journalist Wolfgang Huber-Lang.
ZUR PERSON: Ruth Wodak, geb. 1950 in London, ist eine österreichische Sprachsoziologin und Diskursforscherin. Wodak gilt als eine der Entwicklerinnen der kritischen Diskursanalyse, sie hat sich intensiv mit politischer Kommunikation, Populismus und Vorurteilsforschung beschäftigt. Eines der zentralen Interessen dieses Wissenschaftsfeldes ist die Analyse, wie über politische Diskurse Menschen in bestimmte Kategorien eingeteilt werden, welche positiven oder negativen Attribute diesen Gruppen zugeschrieben werden und wie darauf basierende Diskriminierung gerechtfertigt wird. Wodak erhielt unter anderem den Wittgenstein-Preis für Spitzenforschung, den Wiener Frauenpreis und das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.
3 Postings
Die Dame findet eine Fahrt mit der 6er spannend. Ist es auch! Unter Eingeborenen werden die U6, die 6er und der 66A auch Linien 666 genannt. Bereise die Stadt ja in der Regel auf die für mich einzig akzeptable Art und Weise, mit dem viel zu grossen und übermotorisierten SUV/Taxi. Aber gelegentlich kauf ich mir einen Fahrschein und mache sozusagen Sozial-Safari. Sollte ihr Dolo-Leser bei eurem nächsten Aufenthalt auch mal machen! Start Westbahnhof mit der 6er, bis Reumanplatz. Eine kleine Runde über den Platz flamieren und beim Tichy auf der Terrasse einkehren und dem bunten Treiben zuschauen, herrlich! Dann durch die Favoritenstrasse zum Keplerplatz und um die Eindrücke richtig einordnen zu können, immer bedenken: wäre Favoriten eine eigene Stadt, sie wäre knapp hinter Graz die drittgrösste in AT. Ach ja, das Jausenmesser bitte im Hotel lassen! Dort ist seit einiger Zwit Waffenverbotszone! Und ja, als Mehrsprachiger mit bspw. Deutsch-Farsi/Urdu...mit Zulassung blüht einem als Gerichtsübersetzer eine goldene Zukunft! Aufträge ohne Ende.....wegen all den zu Unrecht kriminalisierten Migranten, weil die alljährlich Statistik ist sicher gefälscht
Sehr gutes Interview, das warnen muss, aber auch Hoffnung gibt.
Wir sehen gerade, wie sich die USA durch einen Schreier und Populisten, Egoisten und Extremisten negativ verändert.
Auch in Österreich haben wir aktuell einen solchen Mann, nur dass dieser halt zwei Köpfe kleiner ist, als Trump. Und dass sich auch dieser NUR negativ zu ALLEM äußert, was die aktuelle Politik verändert bzw. versucht.
Allein dieser Pessimismus, den diese Partei ständig ausstrahlt, lässt uns innerlich aufgeben, da man nur noch das Gefühl hat, es nützt eh alles nichts mehr, der totale gesellschaftliche und wirtschaftliche Absturz ist vorprogrammiert, wenn nicht doch endlich diese Schreierpartei an die Macht käme und alles "rettet". Das ist natürlich Unsinn, aber das ist deren Ziel, durch negative Rhetorik und Angstmache.
Sinnvolle Lösungen werden selten angeboten, warum sollte man also solche Politiker wählen? Unser Herr Hauser ist doch das beste Beispiel, solch ein Mann vertritt diese Partei in der EU, ja gibts da echt niemanden Besseren, außer einen Verschwörungstheoretiker und Schwurbler? Sehr peinlich für unser Land und unseren Bezirk, dass man so etwas zulässt, da man genau solche Menschen als unsere Vertreter wählt.
Ich hätte wieder gerne eine normale Rhetorik in der Politik, die auf Fakten basiert und diskutiert und die vorallem positiv in die Zukunft schaut.
Wir sind doch nicht irgendwer in Europa, immerhin versuchen die meisten Staaten Demokratie und Rechtssicherheit noch hoch zu halten. Möchte mir nicht ausmalen, was passiert, würden die Rechtspopulisten tatsächlich an die Macht kommen, dann haben wir auch sehr schnell amerikanische oder sogar russische Verhältnisse in unserem schönen Land.
Also ich möchte das nicht, deshalb müssen auch die gemäßigten Parteien endlich endgültig aufwachen und aufpassen, ansonsten sind sie tatsächlich bald Geschichte. Und dann keine Ahnung, wie es weiter geht, wenn nur noch Gier, Gewalt und Unsicherheit regiert. Zumindest wäre dann auch die Meinungsfreiheit abgeschafft, dann kann man hier sicher nichts mehr schreiben, ohne dass man Probleme bekäme...
@Ist es so...."Zumindest wäre dann auch die Meinungsfreiheit abgeschafft, dann kann man hier sicher nichts mehr schreiben, ohne dass man Probleme bekäme"...... wenn ich mir das Weltgeschehen so anschaue scheint das schneller zu gehen als ich mir jemals hätte ausmalen können....Jetzt heisst wachsam sein, und keinen cm nachgeben!
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