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Artistic research: „Pferde sind doch nicht blau!“

In Klagenfurt kann man demnächst ein Kunststudium mit einem Doktortitel krönen.

„Pferde sind doch nicht blau!“ sagte der Ausstellungsbesucher zum Maler. Franz Marc, dessen Gemälde „Die blauen Pferde“ einer ganzen Künstlerbewegung den Namen lieh, entgegnete knapp: „Das sind ja auch keine Pferde, das ist ein Bild!“ Die Frage ist also nicht, welcher Teufel Franz Marc, sondern welcher Reiter seine Pferde geritten hat. „Der Blaue Reiter“, gegründet von Marc und Wassily Kandinsky, existierte von 1911 bis 1914. Mit dem Anführer einer Bewegung der politischen Gegenwart Österreichs hat er, trotz des kriegerischen Vortrags seiner Theorien, gar nichts zu tun.

Franz Marc – Die blauen Pferde. Walker Art Center, Public domain

Worum es Franz Marc aus heutiger Sicht ging, waren die Überwindung des Naturalismus, der Ausdruck von Gefühlen, von Rhythmus und Kraft, und „mit neuen Bewegungen und mit Farben, unseres alten Staffeleibildes zu spotten“. Und doch wollte er nicht auf das überkommene Sujet des Tierbildes verzichten: „Ich sehe kein glücklicheres Mittel zur Animalisierung der Kunst als das Tierbild.“ Der Beschauer sollte gar nicht nach dem Pferdetyp fragen, sondern das innerlich zitternde Tierleben herausfühlen können. „Daher z.B. das Gewaltsame der Gliedmaßen, das gewissermaßen unpferdehaft ist.“

Ab dem Wintersemester 2026/27, vier Jahre früher als das Gesetz vorschreibt, darf die Gustav-Mahler-Privatuniversität Klagenfurt ein Doktoratsstudium anbieten. Was aber ist mit dem Fach „Artistic research“, unter der man sich mit „künstlerischer Recherche“ oder „Erforschung der Künste“ wohl auch auf gut Kärntnerisch kaum etwas vorstellen wird können, gemeint? Der, ich weiß nicht wievielte, Anlauf, ein Kunststudium mit einem Doktortitel zu krönen?

Die Schmerzen aber, welche die Geburt einer neuen akademischen Disziplin normalerweise begleiten, wusste man durch einen Kaiserschnitt zu umgehen: „Und natürlich macht es als Landeshauptmann enorm stolz, zu sehen, dass die Attraktivierung des Hochschul- und Universitätsortes, des Bildungslandes Kärnten enorm gestiegen ist.“ 

Der Identität und der Repräsentation Kärntens zu dienen, sei also der Zweck der neu ins Leben gerufenen Übung. In Tirol verlässt man sich da mehr auf die Blasmusik und die Schützen, und um diese trotz Sparkurs weiter zu subventionieren, hat der für das Traditionswesen zuständige Josef Geisler letzteren ein neues Feindbild vor die Flinte gesetzt.

Es geht aber nicht darum, das Gebiet der Kunst durch artfremde Zwecke zu okkupieren. So, wie man sich unter der deutschen Punkrock-Band „Die Ärzte“ keine musizierenden Mediziner vorstellen und die „Mund- und Fußmaler“ nicht mit den Beschäftigten eines Kosmetikstudios verwechseln darf. Dann wäre auch Hausfrauenkunst Kunst.

„Während die Wissenschaften ihre Probleme entdecken, oft lange bevor sie sie lösen können, entdeckt die Kunst ihre Probleme meist, indem sie sie löst“.

Robert Pfaller, Philosoph

Kunst und Forschung waren vor allem in der Renaissance eng miteinander verwandt. Allerdings wären die Leistungen eines Leonardo da Vinci auf den Gebieten der Anatomie, der Optik, Mechanik und Geophysik wohl der naturwissenschaftlichen Fakultät zuzurechnen, die man heute streng von jener der Geisteswissenschaften abgrenzt, deren Anbiederung an die Methoden der ersteren zweifellos auch ihre Krise herbeigeführt hat. Das Schema führt von der Formulierung der Forschungsfrage über die Recherche zur Aufstellung einer Hypothese und deren experimenteller Prüfung, aus der man dann eine Schlussfolgerung ableiten sollte. Es wird bereits den Verfasserinnen und Verfassern vorwissenschaftlicher Arbeiten eingebläut.

Der Philosoph Robert Pfaller hat in seiner Festrede zur Doktoratsakkreditierung eine spannende Entdeckung kommuniziert: „Während die Wissenschaften ihre Probleme entdecken, oft lange bevor sie sie lösen können, entdeckt die Kunst ihre Probleme meist, indem sie sie löst“. Die vom naturwissenschaftlichen Schema verlangte Kausalkette wird von hinten aufgefädelt, Top-down und von einer höheren Zweckursache bestimmt. Möglicherweise war dem Theologen Charles Darwin, als er 1831 auf der HMS-Beagle in See stach, nicht daran gelegen, Gottes Schöpfung zu dekonstruieren, sondern die Ehre einer wenige Jahre zuvor als unnütz verworfenen Hypothese zu retten?

Wer in den 1950er Jahren einen schwarzen Rollkragenpullover trug, war in Frankreich Existenzialist. In Österreich war er Pianist. „Die einzige Weise, wie ihr eine großartige Leistung vollbringen könnt“, soll Steve Jobs den Studenten von Stanford ans Herz gelegt haben, „ist, dass ihr liebt, was ihr tut.“ Mit dem Tod von Steve Jobs ist der schwarze Rollkragenpullover aus der Mode gekommen. Vielleicht geht es darum, einen Typ von Gelehrten zu reanimieren, der das eng geschnürte Korsett des Naturwissenschaftlers gegen den Rollkragenpullover eintauscht. Warum nicht auch auf dem Gebiet der Musik?

„Das sind ja auch keine Pferde, das ist ein Bild!“ Ich bin überzeugt, dass Franz Marc die Lösung für das Problem seiner apriori skizzierten Lust am eigenen Tun auch erst im Nachhinein richtig erkannte.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

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