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„Sich trauen, neue Erfahrungen zu machen“

Jakob Müller ist Hydrogeologe und schildert im Heimweh-Interview seinen Weg hinaus in die Welt.

Frisches, trinkbares Wasser aus der Leitung ist für den Großteil der Dolomitenstadt-Leser:innen eine Selbstverständlichkeit – ein großes Glück. Doch wo das Wasser eigentlich herkommt, was es für eine Einstufung als Trinkwasser braucht, und wie der Klimawandel unseren Trinkwasservorrat verändert, darüber denkt eher selten jemand nach, wenn er oder sie sich ein Glas Wasser auffüllt. Einer, der sich tagtäglich mit diesen Fragen beschäftigt, ist Jakob Müller.

Jakob Müller war vor über zehn Jahren einer der ersten jungen Osttiroler:innen, die Linda Steiner in den Heimweh-Interviews von ihrem Studentenleben erzählten. Damals schloss er gerade sein Bachelorstudium der Erdwissenschaften, also Geologie, ab. Heute ist er am bayerischen Landesamt für Umwelt tätig und sorgt dafür, dass die bayerische Bevölkerung heute und auch in Zukunft Zugang zu sauberem Trinkwasser hat.

Die Entscheidung für sein Studium habe sich aus seinem Interesse für die Funktionsweisen der Natur ergeben: „Steine interessieren mich nicht besonders, deshalb hatte ich anfangs etwas Identifikationsprobleme mit der Geologie. Das Studium bietet Einblicke in die großen Zusammenhänge der Natur. Biologie und insbesondere die chemischen und physikalischen Prozesse bilden das Verständnis dafür, wie alles zusammenhängt“, erzählt Jakob, der auch in seiner Freizeit am liebsten draußen unterwegs ist.

Hydrogeologe Jakob Müller im Dschungel von Costa Rica. Alle Fotos: privat

Während seiner Studienzeit absolvierte er Praktika in den verschiedensten Fachrichtungen. Beispielsweise war er beim Geologischen Dienst der Salzburger Landesregierung tätig: „Dort ging es in erster Linie um Naturgefahren: Steinschläge, Muren, Bergstürze. Das hat mich sehr interessiert, gleichzeitig habe ich gemerkt: Im Grunde ist es das Wasser, das dabei wahnsinnig viel Einfluss hat.“

„Wenn wir darüber nachdenken, sind wir ständig von Wasser umgeben.“

Er beschloss, sich im Masterstudium im Bereich der Umwelt- und Hydrogeologie zu vertiefen: „Wenn wir darüber nachdenken, sind wir ständig von Wasser umgeben: Trinkwasser, Grundwasser, Niederschläge, usw.“ Im Studium beschäftigte er sich viel mit der Frage, was mit dem Wasser im Untergrund passiert: Es versickert, verändert sich durch die Interaktion mit Boden und Gestein chemisch, kommt an einer anderen Stelle wieder heraus. „Es geht darum, immer den ganzen Kreislauf zu betrachten, auch: Wo kommt es her? Wie verhält sich das Wetter?“

In seiner Masterarbeit fokussierte er sich auf gefrorenes Wasser: „Ich forschte im Tiroler Kaunertal zum Thema Permafrost. Im Gegensatz zu den schmelzenden Gletschern ist das Eis im Untergrund der Berge weniger sichtbar, sein Abschmelzen aber mindestens so dramatisch.“ Schmilzt der Permafrost, wirkt sich das auf die Stabilität der Berge aus, aber auch auf den Wasserhaushalt der Berge, die Pegelstände der Flüsse und nicht zuletzt auf die Trinkwasserversorgung, "mit solchen Fragen setzen wir uns im Landesamt auseinander".

Gegen Ende seines Masterstudiums entschied er sich für ein Praktikum im Ausland: In Helsinki war er ein halbes Jahr lang bei der European Chemicals Agency tätig. „Das war eine sehr gute Erfahrung. Ich habe mich damals hauptsächlich mit Pflanzenschutzmitteln bzw. Pestiziden im Wasser beschäftigt. Und ich habe Einblicke bekommen, wie viel dafür getan wird, dass gefährliche Chemikalien in der EU nur mit absoluter Vorsicht verwendet werden dürfen.“

Auch sonst habe er aus seiner Zeit in Finnland viel mitgenommen: „Im Ausland zu wohnen, ist noch einmal eine ganz andere Erfahrung als Urlaub zu machen. Man erfährt viel mehr über die Menschen, die dort leben.“ Geschätzt habe er vor allem die moderne Arbeitsumgebung und den Umgang der Menschen miteinander. „Ich hatte das Gefühl, dass man als Mensch dort leben kann, so wie man ist und nicht sofort in eine Schublade gesteckt wird. Vielleicht hat das auch was mit den 'Mumins' zu tun, einer für die Leute sehr prägenden Kinderbuchreihe, in der Offenheit, Toleranz und Neugierde im Mittelpunkt stehen.“

Er habe während seiner Zeit in Helsinki vor allem gelernt, „dass man sich einfach trauen muss, sich immer wieder auf neue Erfahrungen einzulassen, dann wird es auch gut. Oder man lernt etwas daraus und bekommt einen breiteren Blick auf die Welt. Wenn man immer am gleichen Ort bleibt, kann sich das Blickfeld verengen.“

Zurück in Österreich schloss Jakob sein Studium ab, bevor er gemeinsam mit seiner Freundin ans nordöstliche Ende Bayerns zog. „Das ist vor allem beruflich bedingt“, erzählt Jakob, „ich habe hier eine für mich passende Stelle gefunden und meine Freundin arbeitet ortsunabhängig.“

Bei seiner Arbeit betreut er Projekte, die sich vorrangig mit dem Grund- und Trinkwasserschutz beschäftigen: „Trinkwasser kommt meist aus einem Grundwasserbrunnen oder fließt aus einer natürlichen Quelle, in Lienz wird beides kombiniert. Dabei ist es essenziell, dass es regelmäßig getestet wird.“ Beachten müsse man dabei vor allem, aus welchen Gebieten sich die Brunnen und Quellen speisen und ob es dabei Nutzungskonflikte gibt.

„Aktuell geht es uns gut. Wir haben tolle Menschen kennen gelernt und mit der Arbeit passt es auch sehr gut.“

„Beispielsweise ist zu intensive Landwirtschaft schlecht für die Grundwasserqualität und es kann nicht mehr – oder nur nach Aufbereitung – getrunken werden“, erklärt Jakob. Insbesondere lange Trockenperioden und darauffolgende Starkniederschläge, die zu Überschwemmungen führen, würden die Wasserversorgung in Bayern durchaus zu einer Herausforderung machen.

Grundsätzlich lässt er offen, wohin die Zukunft ihn führen wird: „Aktuell geht es uns gut. Wir haben tolle Menschen kennen gelernt und mit der Arbeit passt es auch sehr gut.“ Irgendwann könnte es seine Partnerin und ihn wieder in die Berge ziehen, schließlich sind die beiden dort am liebsten unterwegs – auch kletternd. „Ich glaube, ich habe vor zehn Jahren im Interview gesagt, dass eine Kletterhalle in Osttirol super wäre – aber die gibt es ja leider noch immer nicht“, meint er augenzwinkernd.


Alle Artikel der ersten Staffel unserer Serie: „Heimweh?“
Alle Artikel der zweiten Staffel der Serie: „Heimweh 2.0“

Anna Maria Huber kommuniziert Neues aus der Wissenschaft für die Uni Innsbruck und schreibt als freie Autorin für dolomitenstadt.at. Ihre Stärken sind penible Recherchen und die Fähigkeit, komplexe Inhalte in klare und verständliche Artikel zu verwandeln.

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