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Etwa 60 Meter breit ist das Grundstück, das vom großen „Thaler Acker“ für das neue Projekt umgewidmet wurde. Im Vordergrund angedeutet: Ein Steg über die kleine Drau. Visualisierung: Die Planerei

Etwa 60 Meter breit ist das Grundstück, das vom großen „Thaler Acker“ für das neue Projekt umgewidmet wurde. Im Vordergrund angedeutet: Ein Steg über die kleine Drau. Visualisierung: Die Planerei

Ein „Haus im Leben“ entsteht an der Tristacherstraße

Das Großprojekt mit 81 Wohnungen bringt Generationen unter ein Dach und soll Inklusion ermöglichen.

Ein 40 Millionen-Bauprojekt, realisiert von der OSG auf einem 7.369 m2 großen, eigentlich als landwirtschaftliche Vorhaltefläche gewidmeten Acker und angrenzend an den ADEG-Markt an der Tristacherstraße, wird 81 neue Mietwohnungen, ein Café, soziale und therapeutische Einrichtungen und den neuen Standort des Osttiroler Kinderbetreuungszentrums beherbergen. Größe und Charakter machen das Projekt fast schon zu einem neuen Stadtteil. 

Nach Plänen von Architekt Rupert Becker – der auch der Grundeigentümer des „Thaler Ackers“ ist – wird ein Wohnkonzept realisiert, das Unternehmensberater Anton Stabentheiner entwickelt und in anderen Städten bereits mehrfach umgesetzt hat. Er nennt das Konzept „Haus im Leben“ und setzt auf eine gezielte und gesteuerte Durchmischung der Mieter:innen in einem grundsätzlich gemeinnützigen Großprojekt, das auch eine Menge Service und Lebensqualität direkt vor der Haustüre bringen soll. 

Das ist der „Thaler Acker“ an der Tristacherstraße. Angrenzend an den ADEG-Markt entsteht hier ein großes Wohnprojekt. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner
Und so soll sich dieses Projekt aus sechs Baukörpern zusammensetzen. Links im Vordergrund der ADEG-Markt. Visualisierung: Die Planerei

So ließe sich in Kurzform ein neues Wohnprojekt beschreiben, dessen Flächenwidmung und Bebauungsplanung der Lienzer Gemeinderat am 21. April einstimmig absegnete. OSG-Geschäftsführer Josef Hotschnig, Anton Stabentheiner und Rupert Becker waren selbst anwesend, um den Gemeinderät:innen noch offene Fragen zu beantworten. Grundsätzlich waren die Weichen aber wohl – wie in Lienz aktuell üblich – schon vor der öffentlichen Sitzung gestellt. 

Das erklärt auch die spärliche Information im Vorfeld. Das Projektanten-Trio zeichnete dann aber doch ein recht klares Bild von einer Wohnanlage neuen Stils, die an mehreren Standorten bereits mit Erfolg realisiert wurde. 

Anton Stabentheiner hat bereits einige „Häuser im Leben“ realisiert und kennt alle Facetten dieser durchmischten Wohnform, die gelebte Inklusion und ein Miteinander von Jung und Alt zum Ziel hat. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Anton Stabentheiner, der „Haus im Leben“ vor rund einem Jahrzehnt auf Schiene brachte, erläuterte, wie eine kollektive, nachbarschaftliche Wohnqualität, die man sonst nur aus Dörfern kennt, auch in städtischen Ensembles umsetzbar ist, wenn man den Mietermix gezielt beeinflusst und nicht nur Wohnraum schafft, sondern auch eine ansprechende und nützliche Infrastruktur gleich in das Projekt integriert.

Prägendes Merkmal für das Großprojekt, das rund 35 bis 40 Millionen Euro kosten dürfte, ist die soziale Durchmischung, gelebte Inklusion und die Integration sozialer Betreuungseinrichtungen. Erzielen will man das mit einem Drittel-Mix in der Bewohnerstruktur. Je ein Drittel der künftigen Bewohnerinnen und Bewohner soll aus jungen Menschen und Familien bis 40 Jahre, aus Personen zwischen 40 und 60 Jahren sowie aus Seniorinnen und Senioren bestehen. 

Dazu werden die potenziellen Interessenten regelrecht gecastet. „Wir mischen durch“, erklärte Anton Stabentheiner den Gemeinderät:innen, es würden viele Erstgespräche geführt, die pro Wohnung auch fünf Stunden und mehr in Anspruch nehmen könnten. Die endgültige Vergabe erfolge gemeinschaftlich mit der Gemeinde und dem Bauträger OSG. 

Architekt und Grundbesitzer Rupert Becker, Projektentwickler Anton Stabentheiner, Bauherr und OSG-Geschäftsführer Josef Hotschnig und Stadtbaumeister Klaus Seirer bei der Projektpräsentation im Lienzer Gemeinderat. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Neben dem Alter und der sozialen Buntheit soll aber noch ein Kriterium ins Zentrum der neuen Anlage rücken. Quer durch den Altersmix könnte ein Drittel der Bewohner – Stabentheiner nennt es „das vierte Drittel“ – einen erhöhten Betreuungsbedarf aufweisen. Dazu zählt eine Wohnbetreuung durch eine sogenannte „Lebende Mitte“, die das Zusammenleben organisiert und Nachbarschaftshilfe koordiniert. Ein Beispiel: Es wird ein kollektiv verwendbares E-Auto geben. Freiwillige aus der Wohngemeinschaft können damit weniger mobile Mitbewohner:innen zum Einkaufen oder zum Arzt chauffieren.

Das Osttiroler Kinderbetreuungszentrum OKZ wird auf jeden Fall in den neuen Standort übersiedeln, als Partner ist auch der Sozial- und Gesundheitssprengel Lienz-Thurn im Gespräch, es soll zudem eine Arztpraxis und Therapieeinrichtungen, darunter Physiotherapie und Angebote für demenziell Erkrankte geben. Die gesamte Anlage ist barrierefrei. 

Die 81 Wohnungen beginnen typologisch bei sehr kleinen, aber kombinierbaren Einheiten ab 30 m2 und sollen im Schnitt inklusive Betriebskosten für nicht mehr als 12,90 Euro/m2 vermietet werden. Bis Ende des Jahres soll die Detailplanung abgeschlossen sein, im Herbst 2027 will man spätestens mit dem Bau beginnen. 

Die bauliche Ausgestaltung sieht mehrere Baukörper mit drei bis sechs oberirdischen Geschossen vor, mit bewusst großzügigen Begegnungszonen und gemeinschaftlich nutzbaren Flächen. Ein öffentlich zugängliches Café im Eingangsbereich soll zusätzlich als sozialer Treffpunkt dienen.

Die verkehrstechnische Erschließung – über die offenbar in den Ausschüssen länger diskutiert wurde – soll über einen neu geplanten „Minikreisverkehr“ gelingen. Spannendes Detail: Im Norden ist eine Anbindung über einen neuen Steg für Fußgänger und Radfahrer über die Drau in das Bahnhofsgelände vorgesehen. Der Steg ist Teil des Gesamtprojektes, wobei im Gemeinderat auch Zweifel aufkamen, ob in so kurzer Distanz zur Draubrücke eine weitere Drauquerung sinnvoll ist.

Gerhard Pirkner ist Herausgeber und Chefredakteur von „Dolomitenstadt“. Der promovierte Politologe arbeitete als Kommunikationsberater in Salzburg, Wien und München, bevor er nach Lienz zurückkehrte und 2010 „Dolomitenstadt“ ins Leben rief. 2025 erhielt Pirkner für seine journalistische Arbeit den Walther-Rode-Preis.

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