Wenn Gertraud Holzer über Menschen in Notsituationen spricht, vermeidet sie abstrakte Begriffe. Es sind reale Fälle, von denen die Bereichsleiterin der Caritas in Lienz an diesem Vormittag im Büro der Organisation erzählt. Sie berichtet von Schicksalen konkreter Menschen in Osttirol, deren Leben schwer und oft fast unbewältigbar geworden ist, durch Überlastung, Erschöpfung, Erkrankung – und Armut.
„Armut und Psyche gehen Hand in Hand“, sagt Holzer, die mit einer Handvoll Teilzeitkräften 2025 beeindruckende 654 Beratungen durchführte, für Einzelpersonen, aber auch für Familien. Mehr als 2.800 Einsatzstunden leistete allein die Familienhilfe in Osttirol im vergangenen Jahr.
Das Spektrum der Problemfälle ist breit wie das Leben – die Energiekosten, die Arztrechnung, die kaputte Waschmaschine, eine chronische Erkrankung, eine Schulveranstaltung des Kindes und immer wieder das Thema Wohnen, das ein Riesenloch in kleine Haushaltsbudgets reißt.

Vor dem Hintergrund dieser Schilderungen wird eine andere, abstrakt anmutende Zahl plötzlich greifbarer: rund 102.000 Menschen in Tirol sind offiziell „armutsgefährdet“, das wären jeder und jede Achte in einem Land, das generell wohlhabend ist.
„Diese Menschen haben keine Lobby“, sagt die Tiroler Caritas-Direktorin Elisabeth Rathgeb und verwendet fast die selben Worte wie Daniela Ingruber als Headline zu ihrem Beitrag über das Budget. Auch in den Schilderungen der Caritas-Helferinnen spürt man, dass es nicht nur Gewinner:innen gibt bei der Verteilung von Chancen und Unterstützung.
Die Caritas adressiert das Thema Armut konsequent und versucht mit einem ganzen Strauß an kleinen und größeren Aktivitäten auch neben der klassischen Beratung zu helfen. Die gemeinsam mit den Franziskanern und dem Dekanat eingerichtete Teestube betreuen drei Dutzend Freiwillige, sie leisteten zwischen Oktober und Mai 970 Arbeitsstunden und hatten rund 1.500 Besucher:innen, von denen viele wegen der kostenlosen Klostersuppe kamen.
Barbara Kraler ist seit Jänner im Caritas-Team und hat als Landwirtin und Mutter von vier Kindern noch Kraft für engagierte Regionalarbeit, von der Teestube bis zur Organisation der Haussammlung und von Workshops mit den Jugendlichen der Young Caritas bis zur Aktion „Coffee to help“, die heuer rund 4.000 Euro einbrachte.
Gute Noten geben die drei Caritas-Helferinnen der Solidarität im Bezirk Lienz und der hohen Bereitschaft zur Vernetzung zwischen unterschiedlichen Hilfs- und Betreuungseinrichtungen, aber auch Schulen, Serviceclubs und spontan agierenden informellen Gruppen in mancher Nachbarschaft. Viele akute Notfälle werden durch diese Netzwerke früh erkannt, was organisierte Hilfe erleichtert.
All den Menschen, die großteils ehrenamtlich versuchen, Not zu lindern, dankt die Hilfsorganisation und lud am 17. Juni bereits zum 19. Mal zu einer „Schokonacht“, bei der das Bildungshaus aus allen Nähten platzte.
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