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Nicht nur Hitze macht dem Alpensteinbock zu schaffen

Die imposanten Tiere leiden im Nationalpark Hohe Tauern auch unter Inzucht-Folgen und Räude.

Im hinteren Ködnitztal bei Kals, wo steile, mit Felsbrocken übersäte Hänge zum Großglockner aufsteigen, hat sich die Exkursion endlich ausgezahlt: Ein Rudel von sieben Alpensteinböcken hat es sich in der Vormittagssonne bequem gemacht und lässt sich auch von Entzückensschreien eines Wanderers („Seit Jahren bin ich auf der Suche nach ihnen. Endlich seh’ ich sie wirklich!“) nicht aus der Ruhe bringen. Doch diese Ruhe trügt. Die majestätischen Tiere sind hochgradig gefährdet.

Eigentlich gelten die Steinböcke als Paradebeispiel für die gelungene Wiederansiedlung einer fast schon ausgerotteten Tierart. Doch der Wildbiologe Gunther Greßmann weiß es besser. Der in Matrei stationierte 54-jährige Steirer, der schon seine Diplomarbeit über Populationsentwicklung von ausgesetzten Alpensteinböcken am Ostalpenrand geschrieben hat und beim Nationalpark Hohe Tauern Tirol für Naturraum- und Wildtiermanagement verantwortlich ist, kennt praktisch alle der von ihm gesichteten Tiere beim Namen - außer, dass sie keine traditionellen Namen erhalten, sondern als „Siebenjähriger“ oder „Achtjähriger“ angesprochen werden. Jahresringe an ihren mächtigen Hörnern (nicht zu verwechseln mit den gut erkennbaren Schmuckleisten) geben über ihr Alter Auskunft.

Temperaturregelung nur über die Höhe

Dass man seit ihrer Geburt so gut über jeden einzelnen Bescheid weiß, verdankt sich auch Senderhalsbändern, die einige von ihnen eine Zeit lang verpasst bekommen, um Aufschluss über ihre Bewegungsprofile zu erhalten. Einzelne Böcke erwiesen sich dabei als besonders wanderfreudig und brachten es in drei Wochen schon mal auf 450 Kilometer.

Wildbiologe Gunther Greßmann kennt alle von ihm gesichteten Tiere beim Namen. Foto: APA Images/Fohringer

Die Böcke legen nicht nur in der Paarungszeit auf der Suche nach Geißen beachtliche Strecken zurück, sie sind auch an heißen Sommertagen wie derzeit viel in Bewegung. „Steinböcke haben keine Schweißdrüsen. Den Temperaturausgleich können sie nur über die Höhe schaffen“, erklärt Greßmann. In den frühen Morgenstunden steigen sie daher Richtung Tal, wo sie das bessere Futter vorfinden, doch sobald die Sonne die Hänge zu erwärmen beginnt, müssen sie allmählich wieder aufsteigen.

„Steinböcke haben keine Schweißdrüsen. Den Temperaturausgleich können sie nur über die Höhe schaffen.“

Wildbiologe Gunther Greßmann

Auch die durch die Klimaerwärmung veränderten Vegetationsperioden haben einiges durcheinander gebracht. Der Jahreszeitenwechsel prägt das gesamte Leben der Steinböcke, die vom Winterfell, das sie bis zu 35 Grad Minus ertragen lässt, zum leichteren Sommerfell und wieder zurück wechseln.

Der Jahreszeitenwechsel prägt das gesamte Leben der Steinböcke. Foto: Nationalparks Austria/Lukas Grabher

Besonders früh beginnen Geißen, sich für den Winter vorzubereiten. Für die Aufzucht ihrer Kitze benötigen sie ausreichend Fettreserven, doch die Lignifizierung (Verholzung), mit der sich Gebirgspflanzen auch gegen extreme Trockenperioden schützen, bedeutet, dass sie mit gleicher Futtermenge weniger Nährstoffe aufnehmen. „Wir erwarten daher, dass sie immer weniger Kitze durch den Winter bringen können“, sieht der Zoologe Gefahr in Verzug. Die Auswirkungen auf spätere Generationen sind leicht auszurechnen.

Kitz-Schmuggel als Überlebensgrundlage

Doch auch von anderer Seite gerät die derzeit rund 1.200 Tiere umfassende Steinbockpopulation der Hohen Tauern zunehmend unter Druck. Das hat mit der über hundert Jahre zurückliegenden Vorgeschichte zu tun. Der Alpensteinbock war bereits am Rand der Ausrottung. Nur die italienischen Könige hatten dafür gesorgt, dass in ihren piemontesischen Jagdgebieten am Gran Paradiso noch rund 100 Exemplare bewahrt wurden.

Als man anderswo an eine Wiederansiedlung der edlen Tiere zu denken begann, verweigerte man jedoch den Verkauf einzelner Paare, sodass die Schweizer Behörden Anfang des 20. Jahrhunderts auf unlautere Methoden zurückgriffen: Sie engagierten Wilderer, die Kitze stahlen und über die Grenze schmuggelten. Diese waren die Grundlage einer Nachzucht im Wildpark Peter und Paul in St. Gallen, von der 1920 erste Paare im Schweizerischen Nationalpark ausgewildert wurden.

Genetische „Flaschenhälse“ mit Spätfolgen

Praktisch alle heute im Ostalpenraum lebenden Steinböcke gehen daher auf wenige ursprüngliche Paare zurück. Ihr Genpool wurde durch mehrere genetische „Flaschenhälse“ stark verengt, zumal sich nur wenige der alten Böcke, die in den Rangordnungskämpfen siegreich bleiben, bei der Vermehrung durchsetzen: Rund 80 Prozent einer Population stammt von lediglich 20 Prozent der Böcke ab. Die Folge sind andauernde Halbgeschwisterverpaarungen mit sich abzeichnender Inzuchtdepression. Verkürzte Schnauzen oder Läufe machen Tiere, bei denen sie auftritt, lebensunfähig. Die Fotos, die Greßmann davon zeigen kann, möchte man lieber nicht gesehen haben.

„Wahrscheinlich wird man in den nächsten zehn Jahren einen Masterplan erstellen müssen, wie man Tiere mit anderen Populationen tauschen kann“, glaubt der Zoologe, sieht aber ein Durchführungsproblem: Da die meisten Steinböcke in den Alpen dieselben Vorfahren haben, sind nur wenige Populationen für eine Auffrischung des Genpools geeignet. Und die Bereitschaft zum Verkauf oder Tausch von Tieren scheint dort nicht sehr ausgeprägt.

Zusatzproblem Räude

Wandert man mit Greßmann im Nationalpark Hohe Tauern, dessen stattliche 1.856 Quadratkilometer Ausdehnung sich über die Bundesländer Tirol, Kärnten und Salzburg erstreckt, dann spürt man die große Verbundenheit des Experten mit den Tieren, aber auch seine Sorge. Dazu zählt auch ein immer größeres Räude-Problem bei den Alpensteinböcken der Ostalpen.

Diese durch eine Milbe übertragene Hautkrankheit ist für die befallenen Tiere nicht nur lästig, sondern kann sogar zum Tod führen. Durch „Lauscherproben“, d.h. die Untersuchung abgeschnittener Ohren geschossener Tiere, versucht man herauszufinden, wie weit die Krankheit verbreitet und wie hoch der Anteil der symptomfreien Träger ist. Auch diese Erkenntnisse müssten bei einem Genaustauschprogramm eine Rolle spielen, erklärt der Experte.

Aber darf der Alpensteinbock in Österreich überhaupt gejagt werden? Ja, wenngleich mit Auflagen, die die Steinbockjagd exklusiv und begehrt machen. Greßmann, der selbst Jäger ist, sieht das kritisch - nicht zuletzt deshalb, weil menschliche Eingriffe die natürlichen Ausleseprozesse verfälschen und gerade dadurch zu einer langfristigen Bestandsgefährdung führen können. Doch grundsätzliche Diskussionen, wie sie etwa der Verein „Wildes Bayern“ zur Legitimität der Gamsjagd angestoßen hat, werden nicht so rasch abebben, glaubt er. Im Gegenteil: „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Debatte auf den Steinbock ausgeweitet wird.“

Autor: Wolfgang Huber-Lang/APA

10 Postings

Petra HP
vor 2 Wochen

@jj.ll. ... jetzt haben Sie aber - wie so viele unserer Spezies -leider vergessen, dass wir Teil der Natur sind und nicht über ihr stehen und nur oder gerade wegen unserer außergewöhnlichen kognitiven Fähigkeiten die moralische Verpflichtung haben, uns um alle Lebewesen zu kümmern und ihren Lebensraum zu erhalten und ich meine ALLE.

 
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    jj.ll.
    vor 2 Wochen

    @petrahp... Der Wolf ist weltweit keinesfalls vom Aussterben bedroht, bei uns hat deshalb nichts verloren. Andererseits soll die Fichte, die bei uns der Baum ist, der einen vernünftigen Ertrag erwirtschaften lässt, durch einen Mischurwald ersetzt werden, der in Zeiten der Trockenheit und der steigenden Temperaturen brennt wie Zunder. Nein es haben nicht alle Tiere und Pflanzen die gleiche Priorität verdient, um überall und immer gleich geschützt zu werden. Vor allem aber sind die Bauern zu schützen. Ohne Fichten und mit dem Wolf werden noch viele Bergbauern aufgeben, mit den bekannten Konsequenzen.

     
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      Petra HP
      vor 2 Wochen

      @ jj.ll.! ... Da sind Sie jetzt leider auf dem sprichwörtlichen Holzweg: Nadelwälder brennen viel leichter als Mischwälder, weil Nadelholz ätherische Öle und Harze enthält und Laubbäume im Gegenzug mehr Wasser speichern können. Außerdem findet (oder fand) die Fichte natürlicherweise bei uns ihre Hauptverbreitung erst zwischen 1200 und 1800m Seehöhe. Und wenn der Mensch entscheidet, ob eine über Tausende von Jahren heimische Tier- oder Pflanzenart ein Recht hat zu leben oder nicht (von der ökologischen Bedeutung und dem Zusammenspiel aller Arten, von dem wir immer noch viel zu wenig Ahnung haben, ganz zu schweigen), spielt der Homo sapiens wieder mal in seiner üblichen Überheblichkeit den lieben Gott und hat -wie bereits erwähnt- seinen Auftrag nicht verstanden! Die (Berg-)bauern, die aber im Einklang MIT der Natur wirtschaften, müssen selbstverständlich unterstützt und geschützt werden - da stimme ich Ihnen zu! Aber vielleicht wollten Sie mich mit Ihrem Kommentar ja nur ein bisschen ärgern? LG

       
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      jj.ll.
      vor 2 Wochen

      @petrahp... Nein, da sind Sie auf dem Holzweg! Ich will Sie nicht ärgern, ich meine es ernst. Ein Nadelholz- Hochwald speichert wesentlich mehr Feuchtigkeit als ein Laubholzurwald. Auch ohne biologischen Hintergrund kann ich das aus eigener Erfahrung aufgrund zahlreicher Wanderungen im Appenin und aufgrund eigener Versuche an frisch geschnittenen Erlen-Eschen-und Weidenstauden behaupten. Österreich kann viel von den mediterranen Ländern lernen und die Anschaffung von Canadairlöschflugzeugen ist schon längst überfällig. Die Waldbrände werden sowohl in der Anzahl als auch in der Ausdehnung zunehmen. Das Borkenkäferdrama wird zeigen, welcher Wald dann besser brennt.

       
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chiller336
vor 2 Wochen

paradebeispiel für die krone der schöpfung .... überall wo der mensch die griffl im spiel hat bleibt nur chaos und zerstörung zurück ....

 
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    Joe B. Tolliver
    vor 2 Wochen

    Schade dass Sie sich nicht mögen. Verallgemeinern sollten Sie Ihre negative Einstellung allerdings nicht.

     
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      Petra HP
      vor 2 Wochen

      Das hat mit mangelnder Selbstliebe ja gerade nichts zu tun sondern mit ausgeprägter Selbstüberschätzung und Egoismus. Und weil der Mensch den Begriff der "Krone der Schöpfung" und den Auftrag zur "Untertanmachung der Erde" völlig missversteht, geht es wirklich allermeistens in die Hose, wo wir die Griffel im Spiel haben. Und trotzdem sollten wir optimistisch bleiben, auch wenns oft schwer fällt.

       
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    jj.ll.
    vor 2 Wochen

    @chiller366... Der Mensch hat wissenschaftliche, technische und geistige Hochleistungen vollbracht. Er ist das einzige Lebewesen, das über sich selbst nachdenken kann. Das grösste Problem ist die hohe Anzahl dieser Spezies. Um den Schaden an der Natur durch die Menschen einzudämmen, könnten ja Pessimisten wie Sie logische Schlüsse ziehen.

     
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      chiller336
      vor 2 Wochen

      genau, betrifft vor allem wolfsliebhaber wie dich

       
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      jj.ll.
      vor 2 Wochen

      Es gilt den Überblick über die wirklichen Probleme der Menschheit nicht zu verlieren, nur weil man ein Detail herauspiekt. Die Atomenergie ist noch keineswegs beherrschbar, der Klimawandel wird bei uns zu einem enormen Artenaustausch führen und wird auch viele Menschenleben kosten. Pauschale Verurteilungen aller menschlichen Aktivitäten nur weil Fehler im Detail passieren sind sinnlos. Würde die Natur den Menschen untertan machen, wäre die Menschheit wohl bis auf wenige Exemplare schon verschwunden.

       
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