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Zeitgenössische Kunst als integrative Kraft

Bis 4. Juli in der Kunstbrücke: Arbeiten von Dorit Margreiter-Choy in einer Galerie, die sie selbst gestaltete.

Von 2013 bis zum Vorjahr kuratierte Silvia Höller über 30 Ausstellungen in Lienz. Das RLB Atelier war ein beliebter Treffpunkt für Kunstinteressierte, nicht nur in der Region, und vor allem junge Schaffende erhielten hier die Chance, sich erstmals ihrem Publikum nachhaltig vorzustellen. Auch der ab 2004 alle zwei Jahre ausgelobte Kunstpreis der RLB Tirol ist Höllers Kind. Und schließlich war die aus Meran stammende Kunsthistorikerin auch der Motor bei der Neuerrichtung der „Kunstbrücke“ in Innsbruck, die im Mai 2026 eröffnet wurde.

Das RAIQA-Bankgebäude in der Adamgasse wirbt mit moderner Arbeitsweltgestaltung, nachhaltiger Architektur und städtebaulichem Potenzial: ein neues urbanes Viertel unter dem Dach der Architekten Pichler und Traupmann, das nicht auf Exklusivität, sondern ausdrücklich auf soziale Vielfalt setzt. Wo könnte die integrative Kraft zeitgenössischer Kunst sich wirksamer entfalten?

„Mit der Gestaltung des Kunstraums, der weit mehr ist und mehr kann als eine Galerie, wollten wir aber keine Architekten, sondern Künstler:innen befassen“, erzählt Silvia Höller, die über ausgezeichnete Kontakte verfügt. So wurden Werner Feiersinger, von 2006 bis 2008 Gastprofessor an der Universität für angewandte Kunst Wien, Hans Schabus, der für die Biennale in Venedig 2005 den österreichischen Pavillon gestaltete, und Dorit Margreiter-Choy, die ebenfalls eine Professur in Wien bekleidet, zu einem Wettbewerb geladen.

Silvia Höller, Künstlerische Leiterin der Kunstbrücke (links) und Dorit Margreiter Choy, Foto: Günter Kresser 
Kunst am Bau im RAIQA: Julia Bornefeld „Wave of Reflection“, 2026. Foto: Günter Kresser

Dass die Jury sich für Margreiters Konzept aussprach, ist, von ihrem Werdegang betrachtet, wenig überraschend. Seit Jahren beschäftigt sich die Video- und Installationskünstlerin, Fotografin und Designerin mit dem Verhältnis Mensch und Raum, Fiktion und Wirklichkeit. So hatte sie 2009 auch Österreichs Pavillon in Venedig in ein Kino umfunktioniert, das Film und Filmvorführung ineinanderfließen und eine Heterotopie im Sinne des französischen Philosophen Michel Foucault entstehen ließ: einen Raum, der scheinbar unvereinbare Orte zueinander in Beziehung und der die Wirklichkeit des „Draußen“ in sein Gegenteil verkehrt.

Wie sonst als genau durch diese Brücke wären Kunst und Krimi ein und demselben Gedanken einzugliedern? Im Foyer des Bankgebäudes nämlich wurden die Relikte der ehemaligen Schalterhalle einem Cafè einverleibt. Eine Krimibibliothek mit 350 Titeln lädt dort zum Schmökern ein. Es wird von einem Osttiroler Duo kuratiert: Seit bei Haymon Bernhard Aichners Krimierstling „Die Schöne und der Tod“ erschien, hat das Genre einen Stammplatz im Verlag von Markus Hatzer. 2017 erfanden die beiden das Krimi-Fest Tirol, mit jährlich steigenden Besucherzahlen. Heuer findet das Event, zu dem prominente Autoren zum Lesen, Plaudern und zum Anfassen geladen sind, im neuen Quartier der Bank statt.

Selbstverständlich ist die erste Ausstellung in der Kunstbrücke Dorit Margreiter gewidmet. Das Konzept ist transparent und offen: im Boden rasterartig angeordnete Vertiefungen für schlanke Steher und weiße Tafeln, die man, je nach ausstellungstechnischen Notwendigkeiten, variieren und versetzen kann. Das System dient beinahe jedem Zweck, fordert ein Anpassen und Weiterdenken von den Schaffenden – und nicht zuletzt vom Publikum. Der Raum scheint zu verschwinden, und ist doch überall präsent. Spiegel, Kaleidoskop und Mobile sind die Metaphern für ein Ambiente, das sich ständig durch seine Wahrnehmung verändert. Die Ausstellung „Prototyp“ ist noch bis 4. Juli zu besuchen.

Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker und Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt. Für dolomitenstadt.at verfasst er pointierte „Randnotizen“, präsentiert „Meisterwerke“, porträtiert zeitgenössische Kunstschaffende und kuratiert unsere Online-Kunstsammlung.

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