St. Daniel im Gailtal hat gerade einmal an die 260 Einwohner, doch zurzeit steht dort ein Zelt in der grünen Wiese, das nicht nur Raum für 200 Besucher, sondern ihnen auch noch Kunst auf höchstem Niveau bietet. Garant dafür sind drei Namen: Cornelia Rainer, Matthias Mamedof und ihr gemeinsames Projekt „Bühne der Macht“, das schon im Vorjahr mit der beeindruckenden Inszenierung von „Glaube, Liebe, Hoffnung“ für Aufsehen sorgte und das Festival im kleinen Dorf schnell bekannt machte.
Dementsprechend groß war die Erwartungshaltung der Premierenbesucher, von denen viele schon eineinhalb Stunden vor Aufführungsbeginn eintrafen und schon sehr neugierig auf die diesjährige Inszenierung warteten. Der „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth ist nämlich nicht einfach auf eine Bühne zu bringen.
Schließlich deckt er die Geschichte von drei Generationen ab und beschreibt den Aufstieg und den Untergang der Habsburgermonarchie über den Zeitraum eines halben Jahrhunderts. Verkörpert werden diese durch Leutnant Joseph Trotta, der 1859 in der Schlacht von Solferino Kaiser Franz Joseph I das Leben rettet und geadelt wird, seinen Sohn Franz, einen Bezirkshauptmann der österreichisch-ungarischen Monarchie und seinen Enkel Carl Joseph, dessen persönliches Scheitern in der Armee dann auch den Zerfall der Donaumonarchie widerspiegelt.












Diese riesige Herausforderung meistert Cornelia Rainer mit Co-Autor Stephan Lack einerseits ungemein gekonnt mit einem Bühnenbild, das mit einfachsten, aber äußerst schlauen Stilmitteln unterschiedliche Räume und Zeiten abdeckt und fließende Übergänge schafft, wo eigentlich keine möglich sind, und andererseits mit Schauspieler:innen, die gleich mehrere Charaktere verkörpern und ebenfalls scheinbar mühelos von einer Rolle in die nächste schlüpfen.
So spielt z.B. der großartige Eduard Wildner nicht nur Vater Trotta, sondern in einer Szene auch gleichzeitig den bereits dementen Kaiser Franz Joseph I; Alina Fritsch, die schon im letzten Jahr in der Hauptrolle brillierte, ist dieses Mal u.a. ein treuer Hausdiener, eine Arztgattin, ein herrischer Graf, ein Soldat und ebenfalls der Kaiser und die ehemalige TV-Moderatorin und Sängerin Elisabeth Engstler sieht man gleich in sechs verschiedenen Frauen – und Männerrollen!
Matthias Mamedof spielt zwar nur eine Rolle, dafür aber diese in allen Lebensabschnitten und Facetten: Carl Joseph Trotta ist nämlich ein Leben lang – so wie es die Familientradition von ihm erwartet – ein pflichtbewusster, aber zutiefst unglücklicher Offizier der k.u.k. Armee, der immer tiefer in eine Lebens- und Sinnkrise schlittert, weil er seinen ihm vorgegebenen Weg verachtet und verlassen möchte, aber Jahrzehnte braucht, um es schließlich zu tun. Und als er endlich den Mut dazu aufbringt und die Armee verlässt, um ein freies Leben zu führen, holt ihn der Krieg wieder in sie zurück.
Seine tiefen Fragen bezüglich Pflicht und eigenen Lebensvorstellungen, Loyalität und Selbstbestimmung, Macht und Machtlosigkeit lassen das Publikum von Anfang bis zum Schluss mitfühlen, mitleiden und mitdenken.






Das Herausragende aber an der ohnehin schon zutiefst komplexen und vielschichtigen Inszenierung von Cornelia Rainer sind eingespielte Videosequenzen, in denen Schüler:innen des Gymnasiums Lienz und der CHS Villach gemeinsam mit älteren Menschen aus Lienz diese Fragen weiterdenken und besprechen. Sie reflektieren in diesen Sequenzen über ihre Erziehung, ihre Familiengeschichte und ihre Erwartungen an das Leben.
Das ist zugleich nicht nur sehr berührend, sondern auch sehr unterhaltsam, zum Teil humorvoll, immer aber zum Nachdenken anregend. Das Theaterstück gewinnt dadurch eine neue Dimension, mit noch mehr Authentizität und vor allem Aktualität.
Und es ist letztendlich dieses grandiose Zusammenspiel aus Profi- und Laienschauspieler:innen, u.a. auch durch das Mitwirken der Theatergruppe Dellach, aus Spiel und Musik, aus Schauspiel und Gesprächen aus dem Alltag und den vielen zusätzlichen Programmpunkten, den Vorträgen, philosophischen Gesprächen und Workshops, die dieses Kulturfestival Südalpenraum zu etwas ganz Besonderem machen und schon jetzt die Vorfreude auf jenes im nächsten Jahr wecken.
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