In Osttirol wächst die Sorge um den Drogenkonsum, während spezialisierte Hilfsangebote fehlen. Ein Blick nach Oberkärnten zeigt, wie eine kleine, multiprofessionelle Drogenambulanz Betroffene und Angehörige entlasten kann.
Multiprofessionelles Zentrum „Roots“
Michael Dünhofen hat die Drogenberatungs- und Betreuungseinrichtung „Roots“ der AVS in Spittal und Villach mitbegründet. In diesen Zentren finden sich unter einem Dach alle wichtigen Professionen gebündelt: sozialarbeiterische und psychosoziale Beratung, Psychotherapie, Pflege und fachärztliche Behandlung inklusive Substitution bei Opiatabhängigkeit. Diese Struktur ermöglicht kurze Wege, abgestimmte Therapien und eine konsequente Verschwiegenheit – Voraussetzung dafür, dass Konsument:innen offen über ihren illegalen Drogenkonsum sprechen. Finanziert wird das Projekt wesentlich durch das Land Kärnten und die Krankenkassen.
In Lienz hingegen betreut eine einzige Beraterin der Suchthilfe sowohl Alkohol- als auch illegale Drogenproblematik, während Jugend- und Kinderpsychiatrie im Bezirk komplett fehlen. Wer gerichtliche Auflagen nach dem Suchtmittelgesetz erfüllen muss, reist oft nach Spittal, um dort ärztliche Überwachung, Psychotherapie oder psychosoziale Beratung zu erhalten. Noch können die Kärntner Angebote Osttiroler Klient:innen mittragen, doch die vorhandenen Kapazitäten werden zunehmend knapp.
Drogenberater Dünhofen war zum ersten Treffen der Arbeitsgruppe einladen, die sich innerhalb des Sozialen Teams Osttirol - einem Netzwerk zahlreicher sozialer Einrichtungen der Region - zu diesem Thema gebildet hat. Die Einrichtungen schildern, dass durch die massiv zunehmenden Suchtproblematiken ihrer Klientelgruppen die bestehenden Strukturen an ihre Grenzen stoßen – wir haben darüber berichtet.
Harte Substanzen, Konsum zur „Selbstmedikation“
Im Dolo Talk erfahren wir, wie sich die Drogenlage in den letzten Jahren verändert hat. Harte Substanzen wie Kokain und synthetische Opiate sind leichter verfügbar und billiger, die Konsument:innen werden immer jünger und Drogenmissbrauch ist quer durch alle sozialen Schichten und Branchen zu beobachten – von Gastronomie und Bauwirtschaft bis hin zu Jugendlichen.
Viele Suchtverläufe sind eng mit psychischen Erkrankungen und Traumatisierungen verknüpft und Drogen werden somit oft missbräuchlich zur Selbstmedikation gegen Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen eingesetzt. Dort, wo vollständige Abstinenz kurzfristig nicht realistisch ist, kann „Harm Reduction“ – Schadensbegrenzung – Leben retten: etwa mit Spritzentausch, stabilisierender Substitution und niederschwelliger Betreuung. Gleichzeitig bleibt das Ziel hin zu weniger Konsum oder Abstinenz. Vertrauen ist dabei der Schlüssel.
Neben seiner Tätigkeit bei „Roots“ arbeitet Michael Dünhofen als selbstständiger psychosozialer Berater, gibt Supervisionen und hält Vorträge für Institutionen, Gemeinden und andere Einrichtungen.
Prävention als Schlüssel
Im Gespräch geht es somit auch um Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Kinder und Jugendliche brauchen Kompetenzen zur Emotions- und Stressregulation sowie stabile soziale Beziehungen, um nicht auf Substanzen als Beruhigung oder „Kick“ angewiesen zu sein. Dünhofen betont, wie wichtig es sei, den Freundeskreis des Kindes kennenzulernen, die eigene Vorbildwirkung beim Umgang mit Alkohol und Beruhigungsmitteln kritisch zu hinterfragen und Verbote nicht zur einzigen pädagogischen Strategie zu machen.
Für eine Drogenambulanz nach Kärntner Vorbild in Osttirol sieht Dünhofen die fachlichen und strukturellen Voraussetzungen gegeben – vor allem durch das gut vernetzte Soziale Team im Bezirk. Entscheidend sei nun der politische Wille, finanzielle Mittel bereitzustellen und gemeinsam mit Fachleuten ein multiprofessionelles Zentrum zu entwickeln, das auch als Kompetenzstelle für Prävention dienen könnte. Ein solches Modell könnte nicht nur Menschen mit Suchtproblematik und ihre Familien entlasten, sondern auch dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und den Blick stärker auf die psychischen und sozialen Ursachen von Sucht zu richten.
Michael Dünhofen: 0676 6248926
www.ausredenwirkt.at
Weitere Unterstützungsangebote:
Suchthilfe Tirol, Bianca Gussnig: 0680 3248268
Selbsthilfegruppe für Angehörige von Suchtkranken
Jeden 2. Montag in Möllbrücke: 0463 504871
Drogenberatungsstelle Roots in Spittal
Bahnhofsstraße 6, 9800 Spittal: 0664 8327453
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