Es ist ein ruhiger Sommernachmittag in Matrei. Draußen laufen Leute vorbei, drinnen im Café Joast riecht es nach Kaffee und frischem Gebäck. Amelie Gstrein sitzt an einem Tisch, ohne Helm, ohne Skibrille, einfach mit einer Tasse vor sich. An anderen Tagen hätte die 21‑Jährige um diese Zeit wahrscheinlich schon ein Training hinter sich – oder wäre zumindest gedanklich auf der Piste. Skifahren gehört nämlich zu ihrem Alltag, auch wenn sie sich selbst nicht als Vollprofi sieht.

Von den ersten Schwüngen bis zur Matura
Schon als Zweijährige stand sie auf den Skiern, während andere Kinder noch damit beschäftigt waren, geradeaus zu laufen. Mit Hilfe ihres Vaters wurde aus den ersten Schwüngen später mehr. Ihre Mutter war Sportlehrerin und Amelie durfte die letzten Sportstunden im Winter oft durch Skitraining ersetzen. Nach der Mittelschule in Matrei wechselte sie an die Skitourismusschule in Bad Hofgastein. Dort, wo auch andere Osttiroler Talente wie Kilian Pramstaller ihre Matura absolvierten. Schule, Training, Rennen – vieles deutete darauf hin, dass ihr Weg genau so aussehen würde.
Amelie wählte trotzdem einen anderen Weg. Weil ihr Vater ihr Trainer ist und sie bei ihm bleiben wollte, entschied sie sich nach vier Jahren gegen die Matura in Bad Hofgastein, schloss dort aber die Lehre als Hotelkauffrau, Köchin und Kellnerin ab. Die Matura holte sie später in einem Programm namens „Leistungskader“ in Salzburg nach – in nur einem Jahr. Weil sie ein Jahr früher fertig war als ihre Kolleginnen, widmete sie das nächste Jahr ganz dem Skifahren.
Der Sprung ins ÖSV-Team
Amelie wählte ihren eigenen Weg und wurde trotzdem gesehen. „Ich habe mich einfach gefreut, weil wir eigentlich alles anders gemacht haben wie man es sich wahrscheinlich vorstellt. Dann trotzdem gesehen zu werden, war einfach cool!“, schwärmt sie noch heute von diesem Moment. Das Jahr, in dem sie alles aufs Skifahren setzte, brachte ihr den „Mittrainierer-Status“ beim ÖSV. Plötzlich standen viele und harte Trainingseinheiten am Programm. Die Freude war groß – der Körper zog irgendwann die Notbremse.
Zwischen Verletzung und Entscheidung
Amelie ereilte eine Patellasehnenentzündung, das Patellaspitzensyndrom. Schon im Winter waren die Schmerzen da, doch sie biss sich durch. „Während dem Training hosch nit viel gspiat, dannoch umso mehr“, erinnert sie sich. Heute sagt sie, dass die Pause früher notwendig gewesen wäre, doch damals war sie „a totaler Sportfanat“ und auch neben dem Skifahren täglich unterwegs.
Die Verletzung bremste sie aus, körperlich und mental. Zum ersten Mal überlegte sie ernsthaft, ob sie mit den Skirennen aufhören soll. „Mit so einer Saison will man ungern aufhören, weil man einfach nicht zeigen konnte, was man wirklich drauf hat... “, sagt Amelie.

Ganz loslassen wollte sie den Sport dann doch nicht und entschied sich für einen anderen Weg: Sie meldete Verletztenstatus. Ihr Poker ging auf. Sie verlor vergleichsweise wenig Punkte und liegt derzeit im Riesentorlauf unter den besten 100 und im Slalom unter den besten 150. Ende November steht das erste Europacup-Rennen im Kalender. Ob sie dort tatsächlich am Start steht, entscheidet sich in der Vorbereitung. In die Saison geht sie mit wenig Erwartungen, aber mit einem klaren Ziel: noch einmal zu zeigen, was sie kann. „Wenn es gut geht, fahr ich weiter, wenn nicht, dann war es eben die letzte Saison“, erklärt sie.
„Die coolsten vier Tage in meinem Leben“
Dass es etwas zu zeigen gibt, beweisen vor allem vier Tage, von denen Amelie besonders gerne erzählt. Am Ende der Saison 2024/25 hatte sie, wie sie sagt, „an brutalen Lauf“. Sie gewann ein Rennen in Rauris, wurde bei den österreichischen Meisterschaften Zwölfte im RTL und Neunte im Slalom. Kurz darauf startete sie in Südtirol auf einem Hang, der ihr früher nie besonders gelegen war, und fuhr dort auf Platz eins und drei. In Feldthurns folgten vier weitere Renntage: zwei Riesentorläufe, zwei Slaloms. Ein dritter Platz, ein Sieg, dazu noch ein zweiter und ein dritter Rang. Vier Rennen, vier Stockerlplätze: „Das waren die coolsten vier Tage in meinem Leben.“ Besonders war der Moment auch für ihren Vater, der sie seit Jahren als Trainer begleitet. „Der gönnt es mir vom Herzen!“, erzählt sie und lächelt. Man merkt gleich: In diesem Moment blieb kein Auge trocken.
„Familienbusiness“
Dass ihr Vater ihr Trainer ist, betrachtet Amelie als großes Glück. „Er kennt mich einfach in und auswendig“, sagt sie. Die beiden gingen oft bewusst einen anderen Weg als andere Athlet:innen. Beweisen wollten sie niemandem etwas, sie machten es, weil es ihnen Spaß machte. Umso schöner war es für Amelie, zu merken, wie viele Leute ihren Weg verfolgen und sich mit ihr freuen.


Das Leben abseits der Pisten
Trotz Trainingsplänen und Rennkalender lässt sie sich „de Festlen in Motre“ nicht entgehen. Ob Skiball oder Unionsball – Amelie ist dabei. Neben dem Skifahren fährt sie Rennrad, geht Skitouren, wandern, spielt Tennis, läuft und schaut regelmäßig im Fitnessstudio vorbei. Teamsport? Kaum vorstellbar. „Ich bin lieber für mich selbst verantwortlich“, sagt sie. Das merkt sie auch in ihrem Leben außerhalb des Sports: Sie ist diszipliniert, zielstrebig und unternimmt vieles gern allein. Nicht weil sie menschenscheu wäre, im Gegenteil: Amelie beschreibt sich selbst als extrovertiert und weltoffen.
Im Herbst beginnt sie in Innsbruck Erziehungswissenschaften zu studieren. Für sie ist das ein Zwischenschritt. Eigentlich will sie Sport- und Englischlehrerin werden – und damit ein Stück weit in die Fußstapfen ihrer Mutter treten. „Nicht nur wegen den Ferien“, sagt sie offen, sondern weil sie Kindern und Jugendlichen im hinteren Iseltal etwas bieten will. Fußball, Eishockey, Tennis, Judo – Angebote gibt es eigentlich viele, aber gerade für Mädchen, findet Amelie, ist das Angebot nicht wirklich vorhanden. Später möchte sie zusätzlich die Vermietung der Familie weiterführen und vielleicht eine eigene Skigruppe in Osttirol betreuen. „Ich will die coole Trainerin sein, zu der die Kinder gerne ins Training kommen“, sagt sie.


Ihre Heimat möchte sie dabei nicht missen. „Ich bin echt gerne hier“, sagt Amelie über Osttirol. Hier fühlt sie sich zuhause: Mit Freund:innen, Familie, in den Bergen. Im Vergleich zu Athlet:innen aus Wien oder Niederösterreich sieht sie das als Vorteil: Sie kann im eigenen Bett schlafen, und an Pisten mangelt es in der Umgebung nicht.
„Als Sportler lernt man sehr viel fürs Leben“
Die Verletzung hat ihren Blick trotzdem verändert. Erst als sie gezwungen war, langsamer zu machen, merkte sie, wie viele andere Dinge es neben dem Skifahren gibt, die ihr guttun. Ihr Freund, der sie in dieser Zeit begleitete, nahm sie mit auf Skitouren und lenkte sie ab. Das half ihr, nicht in Selbstzweifel stecken zu bleiben. Heute sagt sie: „Ich glaube wenn man Sportler ist, lernt man einfach so viel – nicht nur durch Enttäuschungen, sondern auch durch positive Sachen.“
Große Träume
Amelie träumt davon, nach ihrer aktiven Laufbahn als Skirennläuferin die Welt zu sehen – vielleicht ein halbes Jahr als Skilehrerin in Australien oder Japan. Neuseeland und Amerika stehen ebenfalls auf ihrer Liste. Später möchte sie nicht nur Unterricht machen, sondern auch als Trainerin jene Begeisterung weitergeben, die sie selbst seit ihren ersten Schwüngen in sich trägt.
Und trotzdem bleibt bei all den Plänen etwas ganz Einfaches im Vordergrund: „Das Wichtigste ist für mich der Spaß“, sagt sie. Solange der da ist, fährt Amelie weiter. Wenn er einmal weg sein sollte, wäre das für sie das klare Zeichen, aufzuhören. Bis dahin aber wird sie noch einige Spuren in den Schnee ziehen – und vielleicht wieder solche Tage erleben, an denen kein Auge trocken bleibt.

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