„Da Summa is umma“, singen die Kärntner mit Traurigkeit in der Stimme, vielleicht auch deshalb, weil mit dem Schulbeginn die musikalische Freiluft-Saison vorbei ist, die in Lienz vor allem von einer nicht enden wollenden Coverband-Bühnenshow auf den Plätzen und in den Gassen getragen wird. Populärmusikalische Gassenhauer, vorgetragen in allen Varianten, manchmal im Schülerband-Modus, manchmal mit Altmeister-Virtuosität, jeden Dienstag und Donnerstag, zweimal beim Shoppen im Mondlicht, und vollkommen überbordend beim großen Sommerfest – das lässt das Kleinstadtherz höher schlagen und manche Kasse klingeln.
Was erst auf den zweiten Blick sicht- und hörbar war, waren die gegen den Strich gebürsteten Formate, etwa das familiäre INK-Festival, organisiert von Oliver Deutsch und Katharina Zanon bewusst vorbei an jedem Mainstream, oder auch die beiden letzten Akte vor Claudia Funders Abschied aus der Stadtkultur. Sie lud mit Jo the Man the Music und Lukas Oscar zwei herausragende Talente der österreichischen Indie-Szene nach Lienz ein, quasi als Fingerzeig, wohin zumindest die musikalische Zukunft im Land gehen könnte. Martin Senfter holte beide vor das Dolo-Music-Mikrofon.
Jetzt wird die Luft also kühler und die Nächte werden länger, mit dem Kulturherbst verschwinden die Megabühnen und Lautsprechertürme, die Töne werden leiser, die Texte subtiler und siehe da, nach Monaten voll Erwartbarem zeigt Lienz einmal mehr: diese Stadt kann kulturell auch überraschen!
Drei Veranstaltungen im frühen Kulturherbst belegen eindrucksvoll, dass neue kulturelle Impulse nicht großspurig daherkommen müssen, dafür aber umso herausfordernder und sinnlicher sein können. Alle drei Veranstaltungen tragen typische Handschriften, von denen uns zumindest zwei bereits bekannt vorkommen.
MUKL, der neue Culture Club an den Bahngleisen, feiert ein Jahr seiner erfrischenden Existenz und lädt dazu am Freitag, 25. September, das Wiener Popduo Tauchen an den Bahnhofplatz 11. Eva-Maria Kehrer und Marten Kaffke passen tatsächlich nahtlos zu den oben erwähnten Indie-Jungstars, sie bewegen sich mit Band zwischen Indie, Pop und „neuer, neuer deutscher Welle“ – kurz: in einem Feld, in dem eingängige Oberflächen und tiefere Risse nebeneinander bestehen dürfen.
Das Konzert beginnt um 20.30 Uhr, Einlass ist ab 19.30 Uhr; bezahlt wird nach eigenem Ermessen mit freiwilligen Spenden. Schon diese Entscheidung passt zum Selbstverständnis einer Kulturinitiative rund um das Ehepaar Buchberger: niedrigschwellige Zugänge schaffen, ohne das Programm klein zu machen. Tauchen sind allemal ein passender Auftakt für einen Kulturherbst, in dem Lienz künstlerisch auf Tuchfühlung mit mancher gesellschaftlichen Frage geht.
Nur zwei Tage nach MUKL, am Sonntag, 27. September, ruft nämlich Armin Berger, Claudia Funders Nachfolger im Chefsessel der Stadtkultur Lienz, vielsagend: „Komm schon! Du willst es doch auch“. Mut hat er, der Mann, kann man da nur sagen, mit einer Produktion, die erst einmal den Saal füllen muss. Man darf gespannt sein. Immerhin widmet sich der Abend den Zumutungen und Zuschreibungen des Alltags. Kein allzu leichtes Thema.
Schauspielerin Carmen Sanders-Gratl steht dabei mit dem Angry Chicken Jazz Orchestra auf der Bühne; entwickelt wurde das Format gemeinsam mit Maria Jöchl und Belinda Miggitsch. Theater, Konzert, Performance und visuelle Kunst werden zu einer Form verbunden, die nicht bloß illustrieren, sondern bewusst auch irritieren will.
Im Zentrum stehen gesellschaftliche Rollenbilder, Schönheitsideale und Geschlechterklischees – Themen, die meist in der Sprache von Appellen abgehandelt werden. Im Lienzer Stadtsaal sollen Musik, Körper, Humor und starke Bilder für Aufklärung sorgen und man fühlt sich ein wenig an die Urzeiten von UmmiGummi erinnert, als das Berliner Theaterkollektiv „Rote Grütze“ im Volkshaus mit dem Stück „Was heißt hier Liebe“ einen kräftigen Schluckauf bei Kirchenmännern und der Schriftleitung der Heimatzeitung auslöste.
„Komm schon! Du willst es doch auch“ ist inhaltlich kein ähnlich großer Aufreger, die Zeiten haben sich geändert, mittlerweile darf man auch mal „ficken“ sagen, zum Glück. Inhaltlich unterhaltsam und musikalisch ansprechend wird der Abend allemal sein. Songs von Nancy Sinatra, Esperanza Spalding und Yasmo werden neu arrangiert und aus ihrem vertrauten Kontext gelöst.
Ein musikalisches Zitatenspiel bringt unterschiedliche Stimmen und Generationen miteinander ins Gespräch, während das Jazzorchester den musikalischen Rahmen setzt. Das Motto klingt wie Anmache. Wer spricht hier? Wer erwartet etwas? Und warum wird Zustimmung so oft vorausgesetzt? Die Stadtkultur verspricht einen Abend, der provozieren könnte, ohne auf Versöhnlichkeit zu verzichten. Beginn ist um 19 Uhr, „empfohlen ab 16 Jahren“.
Ein paar Wochen später, am 7. Oktober, legt auch UmmiGummi nach dem großen Theaterfestival noch einmal nach und setzt mit Erika Stucky im Saal des Gymnasiums einen weiteren herbstlichen Kontrapunkt. Ihre Show „Stucky Fingers“ greift das Rolling-Stones-Album „Sticky Fingers“ von 1971 auf – jenes Werk mit dem berühmten Andy-Warhol-Reißverschlusscover, aber auch mit Texten, deren Macho-Gesten heute deutlich anders klingen als vor einem halben Jahrhundert. Stucky übernimmt die Vorlage nicht ehrfürchtig. Sie eignet sie sich an. Und wie!
Die amerikanisch-schweizerische Sängerin, Performerin und Akkordeonistin ist seit Langem dafür bekannt, Songs nicht einfach zu covern, sondern sie in ihre eigene Klang-, Bild- und Sprachwelt zu überführen. Aus „Brown Sugar“ wird bei ihr etwa „Crowned Sugar“; aus Stones-Rock wird ein schräges, sinnliches und auch bissiges Bühnenuniversum zwischen Jazz, Blues, Cabaret, Punk, Pop und Rock. Selbstgedrehte Super-8-Filme, digitale Erweiterungen, Akkordeon, Kinderflöte und Stuckys außergewöhnliche Stimme gehören dabei ebenso zum Konzept, wie Humor und theatralische Übertreibung.
Im Trio wird sie von zwei britischen Musikern begleitet: Paul Cuddeford an der E-Gitarre sowie Terry Edwards, der unter anderem Gitarre, Bass, Trompete und weitere Instrumente spielt. Die britische Rocktradition wird also nicht abgestreift, sondern bewusst als Reibungsfläche genutzt.
Doch Stucky dreht die Perspektive: Wo das Original mitunter männliches Gehabe ausstellt, setzt sie Witz, Kante und eine schwarze, bunte Ironie dagegen. Allen Osttiroler Stones-Fans sei ins Stammbuch geschrieben: Ein Muss! Ihr werdet hören und staunen.
Gerade im Zusammenspiel ergeben die drei Termine einen durchaus bemerkenswerten Start in den Lienzer Kulturherbst. Tauchen spielt mit Pop und Gegenwartssprache, Sanders-Gratl und das Angry Chicken Jazz Orchestra nehmen gesellschaftliche Erwartungen ins Visier, Erika Stucky bearbeitet Rockgeschichte mit künstlerischer Freiheit und feministischer Schlagseite.
Das ist – mit Verlaub – kein Kranzlsingen (auch eine coole Veranstaltung, klar!), sondern ein ambitionierter, teilweise fast waghalsiger Versuch eines kulturellen Aufbruchs, der einer Stadt, die anziehend sein will, jedenfalls nicht schadet. Kultur wird in solchen Momenten nicht zur Dekoration des Stadtlebens. Sie wird zum Ort, an dem man anders hören, anders schauen und im besten Fall auch anders miteinander reden kann.
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