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Richard David Precht, mediengewandter Lieblingsphilosoph deutscher Talkshows, zeichnet aktuell manch düsteres Bild. Foto: APA Images/Action Press/Panama Pictures

Richard David Precht, mediengewandter Lieblingsphilosoph deutscher Talkshows, zeichnet aktuell manch düsteres Bild. Foto: APA Images/Action Press/Panama Pictures

Läuft die Rückabwicklung der Demokratie?

Selberdenker und Showman Richard David Precht warnte genau davor beim Philosophikum Lech.

So fulminant sind einem die gegenwärtigen Gefahren für die liberalen Demokratien noch selten ausgemalt worden. Was Richard David Precht, mediengewandter Lieblingsphilosoph deutscher Talkshows, am Freitag beim 29. Philosophicum Lech unter dem Titel „Illiberaler Liberalismus? Freiheit verteidigen als Paradox“ an Befunden und Prognosen zum Besten gab, war bestechend wie erschreckend zugleich.

Der 61-Jährige, der sein jüngstes Buch „Angststillstand. Warum die Meinungsfreiheit schwindet“ genannt hat, und der sich in seinem nächsten, im Oktober erscheinenden Werk über die Auswirkungen der KI auf die menschliche Kreativität Gedanken macht („Auserzählt? Wie Künstliche Intelligenz die Kultur abschafft“, Goldmann Verlag), stellte in den ausverkauften Lechwelten in freier Rede die Frage, wie es mit der Demokratie der jetzigen, in Deutschland und Österreich praktizierten Ausprägung weitergehen werde. Diese stünden nämlich „mit dem Rücken zur Wand“, zeigte er sich überzeugt.

„Künftiger Zentralbegriff ist nicht mehr Freiheit, sondern Effizienz.“

Anders als in den 90er-Jahren, als man mit dem Siegeszug des Kapitalismus auch einen Siegeszug freiheitlicher, liberaler Gesellschaften erwartete, schätze er heute die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland in 20 Jahren keine liberale Demokratie mehr sein werde, höher ein, als dass China in 20 Jahren eine liberale Demokratie sein werde, sagte Precht. Das zweite Maschinenzeitalter, das nach der Hand des Menschen nun auch sein Hirn ersetze, führe zu gefährlichen Umwälzungen und gebe Menschen wie Peter Thiel und seinem Einflüsterer Curtis Yarvin enorme Macht. „Ihr Zentralbegriff ist nicht mehr Freiheit, sondern Effizienz.“

Es sei zu befürchten, dass die liberalen Demokratien „rückabgewickelt“ würden und der Rechtspopulismus nicht das eigentliche Problem sei. „Wir fürchten uns ein bisschen vor dem Falschen - vor dem Phänotyp, nicht vor dem Genotyp.“ Gleichzeitig sei eine „Verkrustung“ unseres demokratischen Systems festzustellen, bei dem alle, die für eine Weiterentwicklung des gegenwärtigen Demokratiemodells eintreten würden („Liberale Demokratie ist nicht unveränderlich!“) als Demokratiefeinde abgestempelt würden.

Gegen die „Axolotlisierung der Gesellschaft“

Dazu passe, dass laut Langzeitumfragen in Deutschland das Gefühl der Menschen, heute problemlos und frei ihre Meinung sagen zu können, „gerade in den Keller knallt“. Lange habe dieser Wert konstant um die 90 Prozent betragen, nun liege er bei 42 Prozent. „Entscheidend dafür sind nicht die Gesetze, sondern die gefühlten sozialen Kosten freier Meinungsäußerung“, so Precht. „Leider interessiert sich die Forschung dafür fast nicht“, weil es dabei um keine exakten empirischen Werte ginge.

Neben einer Hypersensibilisierung der Gesellschaft, die er in Anlehnung an den ungewöhnlichen Schwanzlurch, der nie sein Erwachsenenstadium erreiche, die „Axolotlisierung der Gesellschaft“ nannte, sei eine „narrative Verengung“ dafür verantwortlich, die man auch als „Vermittung“ bezeichnen könne: „Alle wollen auf einmal in der Mitte sein.“ Dadurch gehe die demokratische Streitkultur und eine Auseinandersetzung mit grundsätzlich anderen Positionen verloren.

Als Beispiele nannte Precht die Corona-Pandemie oder den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. „Ich gebe den Medien eine durchaus signifikante Mitschuld an der Situation, die wir heute haben“, ortete der Philosoph ein „zutiefst verunsichertes Selbstbewusstsein der liberalen Demokratie“.

Die künftige Alternative: „Freiheit oder Sicherheit“

Herausgefordert sieht er die Gesellschaft auch durch digitale Entwicklungen und die rasanten Fortschritte der KI, die bald auf die Alternative „Freiheit oder Sicherheit“ hinauslaufen würden. „Die Menschen lieben die Freiheit grundsätzlich, aber nicht im Konkreten. Hat man sich einmal an bestimmte Sicherheitsstandards gewöhnt, wollen sie zur Freiheit nicht mehr zurück“, stellte er eine „Singapurisierung“ der Gesellschaft in Aussicht: „Was kommt heraus, wenn wir vor der Frage stehen, auf was wir eher verzichten würden: aufs Handy oder aufs Wahlrecht?“

Auch sonst stelle die Künstliche Intelligenz einen „Anschlag auf unsere Humanität“ dar, denn sie rationalisiere alles, was den Menschen in seiner Emotionalität, Freiheit und Kreativität ausmache: „Aus der Eingebung des Herzens wird sozialtechnische Verwaltung.“ Die große Gefahr sei die Irreversibilität dieser Entwicklung: „Politische Revolutionen lassen sich rückgängig machen, technisch-ökonomische aber nicht.“

11 Postings

wolf_C
vor 3 Tagen

Die Schurkenregierung der USA wird nur noch durch Richter gebremst, nach den Wahlen wird man sehen ...

 
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Bahner Bernd
vor 2 Wochen

Der Genotyp, oder vielleicht besser das Paragenetische, kommt als Phänotyp zur Sichtbarkeit und Wirkung und fordert meine Reaktion und Besorgnis. Freiheit wird als Möglichkeit zu Unabhängigkeit von moralischen oder politischen Regeln missverstanden, auch als Möglichkeit äußerster Effizienz bei Umsetzung politischer wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Vorhaben. Ethik degeneriert zur Codierung von Zweckmäßigkeit unter Ausschaltung hinderlicher emotionaler Ebenen. Noch mehr Effizienz verspricht die Vision eines Transhumanismus mit technologischer und neurotechnischer Optimierung des menschlichen Denkens. Liberalität und Demokratie ist etwas für inkompetente , fortschrittshemmende Loser, die den Ideen einer neuen Elite nur im Wege stehen. Wahrheit nur mehr das Ergebnis einer Wahrscheinlichkeitsberechnung aus unzähligen Daten. Politische und wissenschaftliche Informationen, unstrukturiert, in beliebiger Zahl verfügbar und mit unterschiedlichem Evidenzgehalt, gegebenen Falls manipuliert bestimmen den neuen Wissenshorizont. Die faulig riechenden Gewächse extremistischer ideologischer und politischer Ideen finden hier ein gedeihliches Biotop, müssen Anlass zu äußerster Besorgnis sein. Sich um die Wurzeln zu kümmern, bleibt einem ohnehin nicht erspart.

 
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    r.ingruber
    vor 2 Wochen

    Hannah Arendt? Leo XIV? Oder gar Peter Thiel??

     
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lilli
vor 2 Wochen

Schuster, bleib bei deinen Leisten. RD Precht versteht vielleicht was von Psychologie, aber inzwischen ist er so abgehoben, dass er glaubt, auch ohne fundiertes Wissen alles über Geschichte zu wissen - oder über Impfungen - oder über Russland oder über KI usw. Eines muss man ihm lassen – an Selbstbewusstsein mangelt es nicht. Der stellt sich hin und verkauft sein Nichtwissen grandios.

 
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andreas.klotz
vor 3 Wochen

“Ich gebe den Medien eine durchaus signifikante Mitschuld an der Situation, die wir heute haben." Dafür lebt er ja recht gut von den Medien , er sucht ja die Medien , tritt in Podcast auf , im deutschen Fernsehen, gibt Interviews . Meinungsfreiheit, er darf sehr oft seine Meinung kundtun , bei allen Themen , wenn man überprüft, was er da so redet , merkt man, dass er viel Müll von sich gibt in der Öffentlichkeit. Wie beim Thema Corona , wo die Impfung ja einen genetisch verändert, Orthodoxe Juden dürfen nicht arbeiten wegen ihrer Religion und nur Diamantenhandel und Finanzgeschäfte, die Ukraine darf sich nicht wehren und soll die Waffen niederlegen usw . Ein guter Philosoph sucht sich ein Thema, wo er sich Wissen aufbaut , aber er redet bei jedem komplexen Thema mit und verbreitet sehr oft Müll. Auch beim Thema KI hat er schon viel Blödsinn erzählt , und jeder Fachmann hat es ihm um die Ohren gehauen. Ich kann diesen Menschen nicht ernst nehmen , dafür macht er zu viele Fehler in der Öffentlichkeit. Thema Meinungsfreiheit, zum Glück haben wir ja MAGA, die uns die Meinungsfreiheit zurückbringen , sieht man täglich im White House mit dem Kranken Präsidenten, der jeden verklagt oder aussperrt.

 
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Rübezahl
vor 3 Wochen

Wäre vermutlich nicht schlecht, würden mehr "Showmen" Themen wie Machtkonzentration, klickgeile Medien und Gefahren der (nur so genannten!) künstlichen Intelligenz mit ähnlicher Klarheit ansprechen ...

 
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Gertrude
vor 3 Wochen

Herrn Precht in der headline als Showmaster zu bezeichnen halte ich für unpassend.

 
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    r.ingruber
    vor 3 Wochen

    "Showman"! Precht hat vor vier Jahren zusammen mit Harald Welzer die Medienmacher sanft an den Ohren gezogen. Daher die Bezeichnung. Aber auch ein Showman trifft manchmal ins Schwarze.

     
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      Gertrude
      vor 2 Wochen

      R. D. Precht und Harald Welzer sind herausragende Persönlichkeiten mit großen, neuen Perspektiven für die Zukunft. Ihr Buch über die Deutsche Medienlandschaft ist Geschmacksache. Showmaster fallen meist nicht in die Kategorie von Intellektuellen mit großem Wissen.

       
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      r.ingruber
      vor 2 Wochen

      @Gertrude, ich gebe Ihnen uneingeschränkt recht. Allein, was die Gabe der Prophetie anlangt, ist der Showmaster dem Philosophen überlegen. Denken Sie nur an Rudi Carrell, der schon vor einem halben Jahrhundert das Klima von heute vorhergesungen hat!

       
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    Joe B. Tolliver
    vor 2 Wochen

    Stimmt, die Bezeichnung "Showman" greift deutlich zu kurz. Schließlich ist Precht Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und war von 2011 bis 2023 Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg. Außerdem hat er sich durch antisemitische Äußerungen hervorgetan, indem er etwa behauptet hat, orthodoxe Juden dürften aus religiösen Gründen nicht arbeiten – „außer ein paar Dingen wie Diamanthandel und Finanzgeschäfte“.

     
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