Christoph Walder vom WWF-Österreich. Foto: WWF/Anton Vorauer

Christoph Walder vom WWF-Österreich. Foto: WWF/Anton Vorauer

Offener Brief von Christoph Walder an Josef Geisler

Der Vertreter des WWF-Österreich schreibt an den Landeshauptmann-Stellvertreter.

Sehr geehrter Herr Landeshauptmannstellvertreter!

Bezugnehmend auf Ihr Interview in der Kronenzeitung des 29. 3. mit Markus Gassler „Nicht länger von Putins Öl abhängig sein“, dürfen wir einige Ihrer Aussagen aufgreifen und kommentieren, andere weiterentwickeln und manches richtigstellen.

Vorab freut es uns, dass das Land Tirol und auch Sie persönlich sich tatkräftig und mit großem Einsatz dem Thema Energiewende annehmen. Noch vor rund einem Jahrzehnt wurden Umweltschützer als Utopisten abgekanzelt, wenn sie auf den Klimawandel und seine Folgen hingewiesen haben. Das hat sich massiv geändert und das ist, insbesondere auch im Lichte des weltweiten Klimaschutzabkommens von Paris, gut so.

Heute schlägt dagegen das Pendel gerne zu weit auf die andere Seite aus: Nun sollen wertvolle Naturschätze unter dem Vorwand der „Bekämpfung des Klimawandels“ wirtschaftlichen Interessen geopfert werden. In Tirol zeigte sich dies massiv bei der Verabschiedung eines vollkommen überzogenen Ausbauzieles für die Wasserkraft. Tirol hat sich im Jahr 2011 mit 2,8 TWh/a neuem Wasserkraftstrom fast ebenso viel Ausbau verordnet wie die Republik Österreich für das ganze Bundesgebiet vorgesehen hatte.

Das Ziel war schon damals überschießend und unrealistisch, hat zu unerfüllbaren Erwartungen an Politik und Wirtschaft geführt und letztlich zu vielen Millionen an versandeten Planungsgeldern. Bis heute wird dieses – vor allem seitens der vorherigen TIWAG Führung vorangetriebene – Ausbauziel wie einst der „Heilige Gral“ verfolgt, obwohl schon seit einigen Jahren ersichtlich ist, dass weder die fachlichen und ökonomischen noch die politischen Ziele mit den aktuellen Rahmenbedingungen übereinstimmen: In Europa wird derzeit zu viel Strom erzeugt, da eine Energiewende begonnen wurde, aber die alten Kohle- und Atomstromkapazitäten nicht abgeschaltet wurden.

Die Ausbauziele der TIWAG-Ära Wallnöfer/Eberle sind längst überholt und sollten an die neuen Bedingungen am europäischen Strommarkt angepasst werden. Die Wasserkraft als wichtiger Erzeuger von erneuerbarem Strom wurde in Tirol, Österreich und Europa bereits in den letzten Jahrzehnten sehr gut ausgebaut. Heute spielen neue Wasserkraftwerke vielleicht im Bereich der Pumpspeicher eine Rolle, also für die Stabilisierung von Stromnetzen und nicht für die Produktion. Solche Pumpspeicher kann man aber auch errichten, ohne großflächig die Natur zu zerstören, wie eindrucksvolle Beispiele in Vorarlberg zeigen.

Sehr geehrter Herr Landeshauptmannstellvertreter Geisler, auf die Frage „Wie soll die Energiewende bei gleichzeitiger Schonung der Naturjuwele gelingen“ gibt es gute Antworten. Eine liegt in einer naturverträglichen Wasserkraftnutzung, eine weitere im ebenso beträchtlichen wie unausgeschöpften Potential der Sonnenenergie in Tirol, und die wichtigste im Bereich Energiesparen.

Eine aktuelle Studie des Landes zeigt, dass in Tirol bis zu 6,5 TWh/a Solarpotential vorhanden sind, eine doppelt so große Energiemenge, wie sie die vorherige TIWAG Führung durch Wasserkraft erzeugen wollte, und dies ganz ohne das Aufstauen und Ableiten von Flüssen, Gebirgsbächen, Wasserfällen und Bergseen. Daher hat auch das Land Tirol für die Energieautonomie 2050 bereits einen Beitrag von 2 TWh/a aus Photovoltaik eingeplant.

Es können durchaus noch einige Wasserkraftprojekte in Tirol verwirklicht werden, ohne unsere letzten Naturjuwelen zu zerstören. Wie ein solcher Wasserkonsens aussehen könnte, hat der WWF im Gewässerschutzplan „Unser Inn“ festgehalten, der derzeit bei Umweltminister Andrä Rupprechter zur Genehmigung aufliegt. Dieser Plan wurde auch Ihnen vor Monaten übergeben.

Wir bekräftigen nochmals unser Gesprächsangebot über die Möglichkeiten eines naturverträglichen Wasserkraftausbaus in Tirol. In einem anderen Punkt Ihres Krone-Interviews möchten wir aber bei allem Respekt widersprechen: Wenn Sie nämlich die EU-Wasserrichtlinie und all jene, die sich für einen engagierten Gewässerschutz einsetzen in die Nähe von Handlangern der Atomlobby rücken.

Der WWF ist überzeugt, dass die Wasserrahmenrichtlinie, wie auch Natura 2000, wichtige Instrumente für eine nachhaltige Entwicklung Europas sind. Denn sie anerkennen Wasser als die wichtigste Zukunfts-Ressource, die nur dann gesichert werden kann, wenn wir intakte Flusssysteme erhalten. Woran es bislang hapert, ist die fehlende oder schlampige Umsetzung der Richtlinien in den Mitgliedsstaaten.

Sehr geehrter Herr Landeshauptmannstellvertreter, wir denken, es ist im Sinne einer nachhaltigen Energiepolitik zielführender, realistische Zukunftsszenarien zu entwickeln, statt die TirolerInnen als Opfer von übel wollenden Kräften – von Russlands Öl- und Gaspolitik bis hin zu den EU-Gesetzen – zu stilisieren.

Dabei denken wir etwa an die Umsetzung etlicher positiver Initiativen, wie sie etwa vom Verein Energie Tirol, von Gemeinden, Verbänden und Initiativen entwickelt wurden. Der WWF ist gerne dazu bereit, sich hierbei als Partner konstruktiv mit seinem Know-How einzubringen.

Wir würden uns über ein baldiges Gespräch über das gemeinsame Ziel der Erreichung der Energiewende und eines sorgsamen Umgangs mit der Natur in Tirol sehr freuen und verbleiben mit besten Grüßen

Mag. Christoph Walder
WWF Österreich

Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren

8 Postings bisher
Kilian1990 vor 11 Monaten

@Erich Wo hast du bitte herausgelesen, dass ich ein Pumpspeicher-Liebhaber sein soll?

DEMI vor 11 Monaten

Nur ein paar Gedanken dazu: Photovoltaik gut und recht, aber die Sonne scheint leider nicht immer, geschweige denn 24 Std. am Tag. Die Speicherung ist noch viel zu teuer, und unsere Wasserkraftwerke mutieren zu Steuerungskraftwerken, was bei einem Pumpkraftwerk Sinn macht, aber bei einem Laufkraftwerk idiotisch ist wenn es vom Netz genommen werden muß. (Wenn die Speicherung mittels Batteriene tatsächlich einmal für jedermann erschwinglich ist, läuft es wieder auf die Produktion von einer ganzen Menge Sondermüll heraus.) In Deutschland geht man da andere Wege, da werden einfach Photovoltaikanlagen vom Netz genommen wenn zuviel Strom produziert wird, da es Ihnen sonst (bei der großen Anzahl der Anlagen) das Leitungsnetz durchbrennt. Da frage ich mich ob große Förderungen so sinnvoll sind wenn die Anlage bei besten Bedingungen dann steht. Und wenn zuwenig Strom produziert wird kommt er warscheinlich von Gas und Kohlekraftwerken, oder aus dem Europäischen Verbundnetz, sprich Atomstrom. Man hört auch das in Deutschland in alten Untertags- Bergwerken Pumpspeicherkraftwerke gebaut werden als Steuerungskraftwerke. Bei uns sind wir von Natur in der glücklichen Lage das wir viel Wasser haben das von alleine von oben nach unten rinnt, nur sind wir anscheinend nicht so schlau das wir diese Kraft, sprich Energie auch sinnvoll und umweltverträglich nutzen können. Meine Bitte an WWF und Umweltdachverband, sagt uns wie wir das machen sollten, es ist doch gegen jeden Hausverstand, das man dieses natürliche, umweltfreundliche Energiepotential nicht nutzt. Es wird deswegen nicht weniger Wasser, nur weil es durch eine Turbine rinnt, und man muß auch nicht ganze Täler entwässern um das Wasser irgendwo anders abzuarbeiten, es gibt auch kleinräumige Lösungen. Die Vorgaben für Restwasser sind heute sehr streng und ich denke nicht das z.B. beim Schwarzachkraftwerk die Natur zwischen Hopfgarten und Kienburg durch das Kraftwerk zerstört ist. Das Interessante ist auch, das es z. B. im Debanttal ein paar Kraftwerke gibt, und darunter wächst frisch und fröhlich die Tamariske, also wird wohl dort auch nicht alles kaputt sein. Ich weiß schon, jetzt kommt das Argument das sich solche kleinen Anlagen bei dem Strompreis nicht rechnen. Dann rechnen sich aber Photovoltaikanlagen auch nicht. Ich habe selber eine 5 KW pik Anlage, und da es auch im besten Fall nicht geht das ich den produzierten Strom immer zeitgleich selber verbrauche muß der Rest ins Netz und das ist sicher kein Geschäft, sondern höchstens etwas fürs ökologische Gewissen. Noch ein Schlussatz zur Photovoltaik. Solange Dachflächen verwendet werden, finde ich das in Ordnung, wenn aber so wie in Assling ganze Hänge zugepflastert werden frage ich mich schon ob das unsere Zukunft und im Sinne der Umweltorganisationen ist. Aber vieleicht ist es ja doch die Zukunft wenn unsere Bergbauern bei der ruinösen Marktlage nacheinander das Handtuch schmeißen.

Erich vor 11 Monaten

Ein sehr ausgewogener Offener Brief. er macht auf die Vielschichtigkeit der Energiefrage aufmerksam, in welcher es mit Wasserkraft allein bei weitem nicht getan ist. Und eine Frage an die Pumpspeicherliebhaber in Raneburg (Kilian1990 und Blafra): Einen guten Teil des Tauerntales und dazu noch einen Bereich des Matreier Talbodens (als unteren Speicherraum) im Dauersiedlungsraum zu überstauen soll wirklich so erstrebenswert und umweltfreundlich sein? Fragt einmal die Leute vor Ort nach deren Meinung. Abgesehen davon, dass auch Pumpspeicherwerke wirtschaftlich arbeiten sollen und aus diesem Grund bereits ausbaufähige Projekte mit schon vorhandenen Speichern zurückgestellt werden (z.B. Limberg 3 der Verbundgesellschaft) ...

Kilian1990 vor 11 Monaten

Genau Blafra. Mir kam beim Durchlesen dieses Briefes auch der Gedanke mit dem Pumpspeicher Raneburg. Ohne viel Natur zu zerstören ..... können Pumpspeicher errichtet werden, wie Beispiele in Vorarlberg zeigen. Dass ich nicht lache. Die Naturzerstörung von Pumpspeichern im Vergleich zu Laufkraftwerken sollte sich Experte Walder einmal anschauen. Der WWF und andere von Wien und Innsbruck aus gesteuerte Organisationen sind immer genau gegen das, was in Osttirol errichtet werden sollte. In Osttirol darf es ja nicht wirtschaftlich sein und Einnahmen bringen. Diese Projekte machen wir viel lieber in Nordtirol. Bei uns geht irgendwann überhaupt nichts mehr, gäbe es da nicht Politiker im Iseltal, die (neben sich) auch auf die Bevölkerung schauen.

iseline vor 11 Monaten

Interessant ist beim Interview in der Kronen Zeitung zum einen: dass LR Geisler dem Energiesparen und der Sonnenenergie aus Photovoltaik das größte Potential ausstellt. Bravo! Der Haken dabei ist allerdings, dass die Tiwag die Einspeistarife trotzdem mehrmals gesenkt hat und die Investitionsförderung heruntergefahren wurde. Von der angekündigten Speichertechnologie ist ebenfalls noch nichts beim kleinen Häuslbauer angekommen. Mehr "Schein" als Sein könnte man sagen.

Andrerseits wird der Wasserkraft wiederum die Priorität eingeräumt. Markus Gassler, als Interviewer, frägt auch sehr tendenziös nach den Prügeln die den Tirolern beim Ausbau der Wassekraft vor die Beine geworfen wird. Journalist und Landesrat müssten wissen, dass der Strompreis so niedrig ist wie noch nie. Warum er nicht an die Endverbraucher weitergegeben wird und die Tiwag auch noch die Netzgebühren erhöht, lässt an der Ernsthaftigkeit der "Tiroler Energiewende" stark zweifeln. Atomkraft mit Wasserkraft aufzurechnen ist inzwischen eigentlich "Stand von gestern". Gar nicht neu ist, dass die ökologische Seite für den Poltiker kein Thema ist, auch nicht in Zeiten des Klimawandeln, in der unserer intakten Bäche immer wichtiger wird.

Blafra vor 11 Monaten

Es hat doch mal ein geplantes Pumpspeicherkraftwerk in Raneburg gegeben. Will der wwf aber auch nicht. Aber besser die Kraftwerke stehen in Vorarlberg. Der eigene Kirchturm schaut dann größer aus!

Ost-Tirolerin vor 11 Monaten

Die Welt ist so einfach, wenn man sie nur von einer Seite sieht. Kleine Wasserkraftwerke bringen Tag und Nacht Strom. Solarenergie, so umweltfreundlich sie auch ist, ist in der Produktion leider sehr an die Sonne gebunden.

    Monk vor 11 Monaten

    Wasserkraftwerke produzieren nicht zwangsläufig Tag und Nacht Strom, sondern nur, wenn ausreichend Wasser vorhanden ist und das ist im Winter (wo der meiste Strom benötigt wird) nicht immer der Fall. Es gilt zu den vorhandenen Wasserkraftwerken, und das sind nicht wenige, (http://www.umweltdachverband.at/themen/wasser/wasserkraft/wk-planungen ) auch an mögliche Alternativen zu denken und für die Zukunft zu planen.