Die neue Siedlung auf dem Wiesenfleck hat eine Adresse

Die Einfamilienhäuser im Osten von Lienz liegen künftig an der Hermann-Wiesflecker-Straße.

„Ich kann nur hoffen, dass niemals eine Gasse meinen Namen erhält“, schrieb der Leisacher Literat Christoph Zanon in seinem Roman „Schattenkampf“. Wie wir wissen, erfüllte sich diese Hoffnung nicht, im Süden der Stadt Lienz benannte man unbeirrt von solch seltsamen Allüren eine Straße nach dem früh verstorbenen Künstler. Verdient hat er die Ehre allemal.

Straßen und Wege sind nicht nur die Lebensadern von Städten, sie stiften auch Identität für all jene, die an ihnen wohnen. Was wäre das eigene Heim ohne Adresse? Ein weißer Fleck auf der Landkarte, um den sich nicht einmal der Briefträger schert. Straßen fixieren aber auch Namen in unserem kollektiven Gedächtnis. Man versinkt nicht in Vergessenheit, wenn man jedem Taxler ein Begriff ist. Gut, Andreas Hofer würden wir auch so nicht vergessen, aber Beda Weber? Von Andrä Kranz und Ägydius Pegger ganz zu schweigen. Wer immer diese Herren waren.

Also hat die Vergabe von Straßennamen technische und symbolische Bedeutung, weshalb sich der Lienzer Gemeinderat in seiner Sitzung am 21. Februar kurz den Kopf darüber zerbrach, an welcher Adresse die Häuslbauer auf dem Ex-Acker in der Mienekugel künftig wohnen werden. Durch diese jüngste – und raumordnerisch nicht unumstrittene – Siedlung der Stadt führt nämlich eine neue, zweispurige  Straße, die den Namen eines Historikers tragen wird: „Hermann-Wiesflecker-Straße“. Abbiegen wird man in diese Straße künftig vom „Mienekugel-Weg“, der immer schon so genannt wurde, aber erst jetzt offiziell so heißt. Verworfen haben die Weisen im Bauausschuss offenbar den historischen Namen dieser Ecke: Galgentratte! Die Häuslbauer hätten es mit Sicherheit für ein schlechtes Omen gehalten.

Einbiegen kann man schon in die „Hermann-Wiesflecker-Straße“, die vom ebenfalls neu benannten „Mienekugel-Weg“ abzweigt und durch die neue Wohnsiedlung führen wird. Foto: Dolomitenstadt/Pirkner

Kurz nur ließ ÖVP-Vizebürgermeister Kurt Steiner ein wenig Ideologie aufblitzen und machte sich für einen Säulenheiligen der eigenen Partei stark, Franz Kranebitter – Bergbauer, Parlamentarier, Gründer des Osttiroler Boten und „Vater“ der Felbertauernstraße. Kaum zu glauben, dass nach dem verdienstvollen Oberlienzer noch keine Straße in der Bezirksstadt benannt ist. Vielleicht hätte er gar nicht so schlecht ins ehemalige Mienekugel-Ackerland gepasst? Aber nachdem die Bauern mittlerweile aus dieser Ecke ausgezogen sind und ihr altes Versteigerungsareal verschimmeln lassen, wird Kranebitter vermutlich auf einem größeren, visionäreren Straßenabschnitt verewigt, der wohl erst gebaut werden muss. Auch ein Platz wäre schön und angemessen, zumal Plätze den Vorteil haben, dass man sie gut mit Denkmälern verzieren kann.

Man beschloss jedenfalls nach kurzer Diskussion schnell und einstimmig, dass Hermann Wiesflecker – der übrigens viel beachtete Standardwerke über Kaiser Maximilian und auch über die Görzer Grafen schrieb – in der Mienekugel namensgebend wird und Franz Kranebitter bei nächster Gelegenheit in die Google-Maps Eingang findet. Man darf gespannt sein, wo.

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4 Postings bisher
unholdenbank vor 6 Monaten

@ kritisch: Gilt das für die Raiffeisengenossen nicht? Die bauen ja genau auf der grünen Wiese eine Tankstelle, eine Werkstätte, eine Megaautowaschanlage, eine neue Versteigerungshalle, ein Maschinenringbüro, bald einen Riesen-Einkaufstempel, getarnt als H&G-Markt. Sind Grashälmchen und Maisfelder für ein Raiffeisengebäude etwas anderes ? Wurde da etwa nicht bester landwirtschaftlicher Grund in Tallage verbaut ? Fahren zu all diesen Gebäuden keine Autos oder Traktoren zu? Dann müsste ja diese Gegend "Raiffeisenzubetonierstrasse" heißen. Lieber kritisch, wenn schon kritisch, dann gegen beide Seiten!

    kritisch vor 6 Monaten

    Na eh, hab ich ja mit "...oder neue Einkaufstempelchen" als Mehrzahl gemeint. Nichts anderes bauen die Genossen in die grüne Wiese, weil wir´s ja noch so massiv grün haben, da kann man noch lange verbauen... Genehmigt wird das alles weiterhin von der Stadtregierung mit Blanik an der Spitze. Die Genossen müssen nicht mal ihr altes Gelände verwerten, da die Bgm´in. nicht im Stande ist, Auflagen zu erteilen. Es war ja z.B. ihre Aussage, ist ja nur "a Wegerl" für den geplanten Radweg zum Auenweg. Eine Grüne könnte sie wahrlich nie werden, denn sie denkt nicht daran, mit diesem Unsinn der Totalverbauung aufzuhören. Ist meine Meinung über diese Stadtregierung. Wie wohl Lienz in 20-30 Jahren aussehen wird, wenn das so weitergeht? Völlig verbaut, wie z.B. Bozen, na ob das noch schön und lebenswert ist?

chiller336 vor 6 Monaten

galgentratte wär eh treffend ... man knüpft wertvolles grünland quasi auf ...

    kritisch vor 6 Monaten

    So ist es, das ist die Prämisse von Blanik, fest verbauen, ist ja nur a Wegerl, Platzerl oder neue Einkaufstempelchen. Wer braucht schon Grashalme und Maisfelder, verstellen eh nur die Sicht auf den nächsten Parkplatz...