Anni Kratzer: Geld kommt von allein, Leben nicht!

Die rührige Helferin erklärt, wie man Stammzellen spendet und warum sie nie locker lässt.

5. März 2017, Haspingerkaserne Lienz – eine „Typisierungsaktion“ für den kleinen Max ist im Gang, er braucht eine Stammzellenspende und der Andrang ist atemberaubend!

Oberst Bernd Rott und Anni Kratzer, Obfrau der Osttiroler Leukämie- und Kinderkrebshilfe staunten nicht schlecht, als sich die Kasernentore öffneten. Fotos: Leukämie- und Kinderkrebshilfe in Osttirol

Eine Woche später treffe ich die Organisatorin Anni Kratzer. Alle nachträglichen Meldungen mitgerechnet, reagierten sage und schreibe 3.000 Menschen auf ihren Aufruf. Ein Musterbeispiel für die Solidarität der Menschen aus Osttirol und Umgebung. Aber wie läuft so eine Stammzellenspende eigentlich ab, wie lange dauert die Auswertung, wie sind die Chancen auf Erfolg? Die engagierte Obfrau der Leukämie- und Kinderkrebshilfe Osttirol hat die Antworten.

Die Stammzellenspende an sich dauert zwischen vier und sechs Stunden. Der Ablauf gleicht im Prinzip einer Blutwäsche oder einer Plasmaspende, mit dem Unterschied, dass hier nicht Plasmazellen, sondern die Stammzellen aus dem Blut herausgefiltert werden. Das Blut wird über eine Kanüle in der Armvene an einen angeschlossenen Zellseparator geleitet, wo dann die Trennung erfolgt. Dafür sind spezielle medizinische Geräte notwendig, die es nicht überall gibt. „Leider ist die Stammzellenspende im BKH Lienz nicht möglich, da die nötigen Gerätschaften fehlen. Die nächste Spendemöglichkeit bietet sich an der Klinik in Innsbruck.“ Vor der Spende erhält man vier Tage lang ein spezielles Medikament, das die Vermehrung der Stammzellen im Blut fördert, um den Explantationsprozess zu vereinfachen.

Die Auswertung der Speichelprobe, die im Zuge der Typisierung genommen wird, nimmt einen vier- bis sechswöchigen Zeitraum in Anspruch. Das Zeitfenster für Betroffene, für die ein Spender gefunden werden muss, beläuft sich auf circa ein Jahr. Sollte bis dahin niemand gefunden werden, dann siegt die Krankheit über die Gesundheit. „Früher war die Chance 1:500.000, einen geeigneten Spender zu finden, damals hat es aber noch das Knochenmark betroffen. Heute reicht zu 80 Prozent eine Stammzellenspende aus, das Knochenmark ist nur mehr in rund zwei von zehn Fällen Mittel der Wahl“, erzählt mir Anni.

Das Bundesministerium für Gesundheit beziffert die Chance, einen geeigneten Spender innerhalb von 40 Tagen zu finden, mit 80 Prozent. Eine internationale Spenderdatenbank umfasst seit Februar 2015 mehr als 25 Millionen Menschen, das nationale Stammzellenregister verzeichnet seit 2015 rund 66.000 Personen. Den kleinen Max betreffend, zeigt sich die Obfrau zuversichtlich: „Ich glaube ganz fest daran, dass es klappt. Es muss einfach funktionieren, ansonsten starten wir einen neuen Aufruf und suchen weiter.“

„Ich glaube ganz fest, dass es klappt.“ Anni Kratzer ist eine unermüdliche Optimistin.

Selten kommt es auch vor, dass die Stammzellen vom Körper des Betroffenen abgestoßen werden, dann startet die Suche nach einem geeigneten Spender erneut. Genau dieser Fall trat bei einem 32-jährigen Familienvater ein, dessen Körper die Stammzellen seines Bruders abwies. Für ihn wird jetzt – neben dem kleinen Max – noch gesucht. Auch ist es möglich, dass ein geeigneter Spender noch abspringt. „Vor Kurzem war das bei einer jungen Mutter der Fall – die Typisierungsaktion galt auch ihr – jedoch habe ich am Montag erfahren, dass für sie wieder ein neuer Spender gefunden wurde.“

Zwischen 18 und 45 Jahren kann man sich typisieren lassen, in der Datenbank bleibt man bis zum 55. Lebensjahr. „Ab da wird man rausgenommen und zwar nicht, weil der Empfänger die Stammzellen nicht mehr brauchen kann, sondern weil sich die Zellnachbildung beim Spender verlangsamt hat, sodass hier Schäden entstehen können.“ Diese Möglichkeit bestehe auch schon vor 55, jedoch werde vor jeder einzelnen Spende die Tauglichkeit genauestens überprüft. „Beispielsweise könnte auch ein sehr junger Spender zuckerkrank sein und davon nichts wissen. Das ist ein Ausschlusskriterium, ebenso wie sonstige schwerwiegendere Krankheiten.“

Ist man älter oder auch jünger und der Wille zu helfen ungebrochen, dann kann trotzdem gespendet werden. Hierfür müssen aber Spender und Empfänger beide ein Dokument unterschreiben, dass eventuelle Risiken selbst getragen werden. „Ein ‚pumperlgsunder‘ 77-jähriger Mann hat vor nicht allzu langer Zeit für seinen kranken 74-jährigen Bruder gespendet. Dadurch hatte dieser noch drei Jahre zu leben, der 77-jährige aber auch keinen Schaden genommen.“

Der Spender erfährt dann, dass seine Spende benötigt wird, allerdings nicht für wen er oder sie spendet. „Die Anonymität darf erst mindestens zwei Jahre, in Ausnahmefällen und nach erfolgreicher Transplantation, auf ausdrücklichen Wunsch beider Beteiligter gelockert werden. Dann besteht die Möglichkeit eines persönlichen Treffens.“

Die Leukämie- und Kinderkrebshilfe Osttirol hat bis dato 3.852 Spender typisieren lassen, auf eigene Kosten. Davon wurden bei der Aktion rund um den kleinen Max 1.200 Personen in das Register aufgenommen. Die Kosten allein dafür belaufen sich auf 60.000 Euro! 50.000 Euro wurden bereits überwiesen, der Rest ist noch ausständig. Wenn kein Spender gefunden wird, dann soll Geldmangel aber einem weiteren Aufruf nicht im Weg stehen. „Vor vielen Jahren initiierten wir eine Aktion gleichzeitig in Laas und Lienz. Der Andrang war so groß, dass Schulden in Höhe von 446.000 Schilling (entspricht rund 33.000 Euro) angehäuft wurden. Das Schöne daran: Der Dritte der sich in Lienz typisieren ließ, war der Spender für einen kleinen Jungen. Dieser wäre uns nicht durch die Lappen gegangen, wenn wir nur unser Budget aufgebraucht und dann gestoppt hätten. Jedoch der Vorletzte in Laas war ein geeigneter Spender für ein junges Mädchen, der wäre uns entgangen. Daher habe ich meine Einstellung zum Geld: Das kommt von allein, Leben nicht.“


Eine Typisierung kostet 50 Euro. Wer die Leukämie- und Kinderkrebshilfe unterstützen möchte, kann eine Spende auf folgendes Konto überweisen:

Raiffeisenbank
IBAN: AT47 3600 0000 0923 0806
BIC: RZTIAT22

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2 Postings bisher
Zuckerpuppe vor 8 Monaten

Sehr geehrte Frau Kratzer! Ich bin überzeugt, dass der Dank derer, denen Sie durch Ihren Einsatz Überleben und Hoffnung geschenkt haben, nicht in Worte gefasst werden kann. Ich hoffe für mich und meine Lieben, dass wir Ihre Hilfe nie benötigen, bedanke mich aber trotzdem und werde gerne spenden. Liebe Leser, lasst euch von mir "anstecken" und spendet auch, was ihr könnt, egal wieviel. Wer weiss, ob.....

schnuffi vor 8 Monaten

Sehr geehrte Frau Kratzer! Ganz, ganz tolle Aktion! Wir ALLE verneigen uns vor soviel Enthusiasmus und Freude anderen Menschen Gutes zu tun!!! Bravo!!!