Hotelfachschule und Handelsschule vor dem Aus

Die beiden Schulformen sind in Lienz mangels Nachfrage nur noch „Poor Dogs“.

Das Wort „Bildungsreform“ wurde in den letzten Jahren etwas überstrapaziert. Ständig neue und nicht ausreichend evaluierte Konzepte für das österreichische Schulsystem tragen unweigerlich den schalen Anstrich einer ewigen Baustelle, auf der mehr mit unausgereiften Wahlversprechen als mit langfristig ausgelegten Programmen gewerkelt wird.

Eine Bildungsreform ergibt sich aber nicht nur durch von „oben“ beschlossene Maßnahmen, sondern auch durch das simple Prinzip von Angebot und Nachfrage von „unten“. Dass es hier in den letzten Jahren entscheidende Veränderungen gegeben hat, erfahren in diesem Jahr vor allem zwei Osttiroler Schulen: die Handelsschule und Hotelfachschule Lienz, die heuer ihre letzten Absolventen verabschieden werden und im nächsten Jahr keine erste Klasse mehr eröffnen können, weil nicht genug Anmeldungen dafür vorliegen.

Das Bundesschulzentrum an der Weidengasse verliert demnächst zwei Schulformen. Foto: Wolfgang C. Retter

Ein Grund dafür ist natürlich die sinkende Geburtenzahl. „Als ich vor sechs Jahren Schulleiter wurde, gab es rund 800 14-Jährige in ganz Osttirol. Heute sind es unter 600! Und das wirkt sich natürlich auf die Verteilung von Schülern auf höhere und mittlere Schulen im Bezirk aus“, bestätigt Josef Pretis, Direktor der Handelsakademie und Handelsschule Lienz. Eine weitere Ursache sieht Gerald Kolbitsch, Direktor der HLW und Hotelfachschule Lienz, „definitiv im Boom von Berufsreifeprüfungen und dem dualen System von Lehre und Matura.“ Da an der HLW Berufsreifeprüfungen abgehalten werden, hat er auch die entsprechenden Zahlen. „Vor acht bis zehn Jahren hatten wir keine zehn Bewerber für die Berufsreifeprüfung, heute sind es über 40.“

Auch Martin Rainer, Bildungsberater der HAK und Handelsschule Lienz, bestätigt diesen Trend zur Matura, den der international anerkannte Autor und Berater für Gesellschaftsentwicklung und Bildung, Sir Ken Robinson, als „eine Inflation der schulischen und universitären Ausbildung“ bezeichnet. „Gemäß einer Umfrage hat die Handelsschule bei der Generation 50+ immer noch einen tadellosen Ruf als berufsbildende Schule, da sie früher ja tatsächlich die bevorzugte wirtschaftliche Schule in Lienz war. Und man findet auch immer noch viele frühere Absolventen der HAS  in führenden Positionen. Doch für die Jobs, die früher HAS-Absolventen bekamen, bewerben sich heute die Maturanten der HLW und HAK.“

Bildungsberater Martin Rainer sieht die Schulformen als Produkte auf dem Bildungsmarkt. Bei geringem Marktanteil und fehlendem Wachstum lautet die Devise: Zusperren.

Wirtschaftlich ausgedrückt ist deshalb die Handelsschule, laut Martin Rainer, „vergleichbar mit einem Produkt bzw. einer Dienstleistung, die man aufgrund von geringem Marktanteil und fehlendem Wachstum als ‚Poor Dog‘ bezeichnen würde. In dieser Phase muss der Austritt aus dem Bildungsmarkt akzeptiert werden. Wir werden aber die fast 90 Jahre Bestand dieser Schule am Ende des Schuljahres mit genauso vielen Muffins feiern.“ Mit süßen Erinnerungen also an eine Schule, die im Schuljahr 1928/29 als Pensionatshandelsschule für Knaben gegründet wurde, nach dem Zweiten Weltkrieg zur Kaufmännischen Wirtschaftsschule Lienz, 1952 zur Städtischen Handelsschule Lienz und 1969 gemeinsam mit der Bundeshandelsakademie zur Bundeshandelsschule wurde.

Für Josef Pretis, Direktor dieser beiden Schulen, ist dieses Ende der Handelsschule auch deswegen „wirklich schade, weil sie in den letzten Jahren HLW- und HAK- Schülern, die ansonsten aus der Schule ausgestiegen wären, die Möglichkeit eines Abschlusses geboten hat. Sollte dieser Bedarf aber wieder gegeben sein, ist es natürlich möglich, wieder eine erste oder sogar eine zweite HAS-Klasse zu eröffnen. Das ist bei der Hotelfachschule aufgrund der Praktika nicht möglich.“ Im Sinne eines schöpferischen Neuanfanges, freut sich Josef Pretis aber auch auf die zwei neuen Klassen der HAK plus , in denen im nächsten Jahr, zusätzlich zu den zwei Klassen der HAK-Informatik und HAK-Unternehmer, den Schülern gezeigt werden soll, wie sie ihre individuellen Talente am besten fördern und vermarkten können.

Auch die anderen beiden Schulen im gleichen Haus verspüren denselben Trend. Eine erste Klasse der Hotelfachschule kam zwar in den letzten zwei Jahren nicht mehr zustande, dafür hatte die fünfjährige HLW mit den zwei Vertiefungen Klassik und Design mehr Anmeldungen. Magnus Senfter, Bildungsberater an den beiden Schulen, bedauert trotzdem das geringe Interesse an der Hotelfachschule: „Ich persönlich finde es schade, dass es die HF nicht mehr geben wird. Sie war in meinen Augen eine sehr gute Ausbildung für praktisch orientierte Schüler, die nach kurzer, aber kompetenter Ausbildung in das Berufsleben einsteigen wollten. Auch in Gesprächen mit Absolventen der HF wurde diese Schule immer als gut, zielführend und als gute Basis für den Einstieg in den Tourismus beschrieben.“

Auch hochkarätige Ausbildner wie Haubenkoch Ernst Moser und großer Bedarf an Fachkräften im Tourismus konnten den Schülerschwund an der Hotelfachschule in Lienz nicht bremsen. Foto: Ramona Waldner

Das bestätigt nicht nur Gabriel Urbaner, einer der diesjährigen Absolventen der Schule, sondern auch ehemalige HF-Schüler wie Jacqueline Rieger, die die Matura im Aufbaulehrgang der Fachschule der Dominikanerinnen machen wird, Helene Britz, die gerade für die Berufsreifeprüfung am BFI lernt oder Daniel Legerer. Er arbeitet derzeit im Restaurantbereich am Arlberg und wird, nach einer Barkeeper-Ausbildung in Griechenland im Sommer, ab Oktober für ein Jahr nach Florida gehen, wo bereits sein Freund und ebenfalls ehemaliger HF-Schüler Andreas Lukasser arbeitet. „Die Hotelfachschule bot eine wirklich gute Ausbildung mit einem dreifachen Lehrabschluss, der Gewerbeprüfung, vielen Zusatzzertifikaten und Möglichkeiten, Praxiserfahrung  zu machen.“

Auch Daniel Legerer kann das geringe Interesse an einer Hotelfachschule in einem Bezirk, der zu einem so großen Ausmaß vom Tourismus lebt und viele Familienbetriebe aufweist, nicht verstehen. „Ich persönlich bin sehr froh, diese Schule gemacht zu haben. Sie hat durch die Praktika viele Türen geöffnet, wie diese nach Amerika, die ich jetzt nützen kann. Aber ich kann natürlich auch verstehen, dass viele junge Leute von dem schlechten Bild, das touristische Arbeitsplätze immer noch – und zum Teil zu Recht – in der Öffentlichkeit haben, abgeschreckt werden.“ Womit wir auch schon bei einer zweiten großen Baustelle in Österreich und Osttirol angelangt wären.

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9 Postings bisher
Franz Brugger vor 6 Monaten

Ob die Qualität, Spirit der Schule, des Unterrichts von Allen so gut bewertet wird hoffe ich zumindest. Falls es andere Erfahrungen darüber gibt, wäre es wohl auch gut, darüber zu wissen oder zu berichten.

Gründe für Schülerschwund findet man sicher in der vermeintlichen Unattraktivität des Arbeitens in der Tourismusbranche.

Kann hier nur Vermutungen an- und Fragen stellen. Was den lokalen Bereich betrifft: * Wie interessiert waren Osttiroler Hoteliers and der Hotelfachschule? * Wie attraktiv und leicht zu bekommen waren die Praktika? * Was konnten Abgänger verdienen?

Darüberhinaus - kann sich der Österreichische Qualitätstourismus auf Dauer leisten, dass keine "Natives" mehr in den Hotels, Gaststätten, Restaurants arbeiten? Mit welchen Modellen versucht man zumindest jedes zweite Wochenende für Mitarbeiter freizuhalten? Wie sieht es mit Steuerbegünstigung für die mehrzuleistenden Überstunden für die Arbeitnehmer aus?

Würde mich freuen, wenn themengerichtete Postings kommen.

user89 vor 6 Monaten

unser bildungssystem ist wahrlich eine einzige baustelle! warum ist die nachfrage von "unten" so gering? weil von "oben" nur mehr in richtung matura gelenkt wird!! leider ist es heute so, dass kinder (auch von ihren eltern) fast schon gezwungen werden schulen mit matura zu besuchen. ohne matura bist du nichts! bitte keine lehre, wenn dann nur lehre mit matura!

    bergfex vor 6 Monaten

    So ist es. Nur, wer wird dann "arbeiten"?

Silvia Ebner vor 6 Monaten

Nein, es werden keine Räumlichkeiten frei, da diese für die zusätzlichen Anmeldungen in der HAK und HLW gebraucht werden. Es handelt sich hier nur um ein Verschieben von den 3-jährigen Schulen ohne Matura zu den 5-jährigen Schulen mit Matura.

    chiller336 vor 6 Monaten

    also laut artikel werden die schulformen gestrichen aufgrund von geburtenschwachen jahrgängen - oder hab ich da jetzt was verpasst hm? ... "Ein Grund dafür ist natürlich die sinkende Geburtenzahl. „Als ich vor sechs Jahren Schulleiter wurde, gab es rund 800 14-Jährige in ganz Osttirol. Heute sind es unter 600! Und das wirkt sich natürlich auf die Verteilung von Schülern auf höhere und mittlere Schulen im Bezirk aus"

      bergfex vor 6 Monaten

      Und warum diese Meldung? Steht ja schon im Artikel.

      senf vor 6 Monaten

      bergfex@: zum wichtigmachen, was denn sonst!

chiller336 vor 6 Monaten

eine weitere möglichkeit, die schüler der nms nord endlich moderner unterzubringen als in dem jetzigen versifften gebäude, incl tollem turnsaal und auch turnplatz im freien - vor allem weil ja der ptl zur htl ausgelagert wird. unserer stadtleitung wird auch das egal sein, hauptsache man hat halb leerstehende schulgebäude, welche ja in ihrer gesamtheit erhalten werden müssen

bergfex vor 6 Monaten

Stehen die Räumlichkeiten nun leer oder werden sie einer anderen Nutzung zu geführt. Info fehlt. Würde sicher einige interessieren.