Abhängen bei Ohrenschmaus und Gaumenfreude

Auch die zweite Auflage der Wohnzimmersessions war ein sinnliches Gesamterlebnis.

Die Besucher lauschten entspannt den Klängen der Musiker. Fotos: Dolomitenstadt/Wagner

Pünktlich um 19 Uhr versammelten sich am 7. April all jene im ersten Stock des Lienzer Altstadthotels „Eck“, die noch einen der begehrten Plätze für ein besonderes Event ergattern konnten. Unterstützt von dolomitenstadt.at lud Veranstalter Oliver Deutsch zum zweiten Mal zu einer Session mit Wohnzimmercharakter. Der Andrang war auch dieses Mal groß, ein freier Sitzplatz kaum auszumachen. Eine gelbe Laterne auf dem Bartisch,  darüber eine Discokugel, bestrahlt mit buntem Kunstlicht, entspanntes Geplauder bevor die Künstler kommen – Wohnzimmersessions sind Events zum Eintauchen für alle, die ihren Sinnen etwas gönnen möchten. Das Publikum ist gemischt, ein älteres deutsches Ehepaar, das seit Jahren Urlaub in Lienz macht, ist ebenso unter den Gästen wie junge Osttiroler Pärchen und Fans der Interpreten.

Die erste Stunde dient dem Runterkommen und Aufwärmen, das Wohnzimmer wird zur gechillten Partyzone und der erste Hunger meldet sich gerade rechtzeitig, als Veranstalter Oliver Deutsch – selbst Musiker und Koch – das Buffet für eröffnet erklärt.

Bei diesem Anblick kam Hunger (und Freude) auf.

Bei der ersten Auflage servierte Deutsch Nordafrikanisches, diesmal strömten den Buffetbesuchern mediterrane Duftnoten entgegen. Meeresfrüchtepaella, Linsen „Andaluz“ mit Chorizo, Vegetarisches Moussaka mit Kräuterdip, Salmorejo Cordobés, Espárragos sowie Crema Catalana standen zur Auswahl.

Und dann folgte dem kulinarischen Erlebnis ein musikalisches. Das Singer-Songwriter Projekt „Bis Eine Heult“ eröffnete die Session, begleitet von einem Bassisten. Verena Dürr und Ulla Rauter erzählen in ihren Songs kuriose Geschichten, wie sie das Leben so nicht unbedingt schreiben würde – unter anderem über die Schwester „das Luder“. Irisierender Pop mit deutschsprachigen Texten begeisterte das Publikum in Lienz, zog die Zuhörer hinein in eine musikalische Liaison zwischen Elektrochanson und melodiösem Spoken Word und in eine Welt voller poetischer Geschöpfe, die das Duo zum Leben erweckte.

„Bis Eine Heult“ eröffneten den musikalischen Part des Abends.

„Bis Eine Heult“ beschwören mit ihren Liedern Antihelden wie den Taugenichts und die Räubertöchter, lassen Vorstadtikonen wie das Rauchfangkehrermädchen zu Wort kommen und besingen den Wallach, das melancholische Ungeheuer. Die Lieder des Duos sind Metapher und zugleich Manifeste zwischenmenschlichen Treibens. Das Trio zog die Gäste in seinen Bann, tosender Applaus war die Quittung.

Dann nahm Martin Philadelphy vor dem Publikum Platz. „Es ist toll, dass er hier ist. Vor wenigen Wochen erst spielte er in New York“, freute sich Veranstalter Oliver Deutsch zu recht. Seit mittlerweile Jahrzehnten sucht sich die überbordende musikalische Kreativität des Martin Philadelphy immer neue Ausdrucksformen. Sie manifestierte sich auch im Eck in einer eindrucksvollen Performance, aus der Nähe genossen ein besonderes Erlebnis.

Martin Philadelphy beeindruckte sowohl mit deutschsprachigen als auch englischen Songs.

Wenige Meter vor dem Musiker sitzend spürt man förmlich dessen grenzenlose Liebe zur Musik in all ihren Formen – egal ob 80er-Pop, Elvis, Hippie-Woodstock-Pop, Calypso, Afro, Reggae, Dub oder Jazz. Nicht zu vergessen Frank Zappa, der Philadelphy dazu inspirierte, das eigene Klang-Rebellentum mit Gitarre und Stimme auszuleben. Das tat er auch im Eck, zur Freude der Gäste, die am Ende die Gitarre des Künstlers verstimmen durften, was den Vollblutgitarristen nicht davon abhielt, aus grellen, schiefen Tönen ein erstaunlich stimmiges Alternativ-Kunstwerk zu kreieren.

Den Abschluss des musikalischen Ohrenschmauses bildete „Denovaire“ mit seinem indischen Streichinstrument Esraj (esraadsch). Das Instrument hat einen weiten, obertonreichen Klang, wird auf einer Hauptsaite bespielt, besitzt drei Bordunsaiten und erzeugt mit 15 Resonanzsaiten einen schönen Hallraum. Die Esraj stammt aus Bengalen und wird auch oft in Nepal und Pakistan gespielt. Heute gibt es nur sehr wenige klassisch indische Esrajmusiker. In unseren Breiten ist das Instrument nahezu unbekannt.

„Denovaire“ performte zum Abschluss mit seiner Esraj.

Der Sound der Esraj von „Denovaire“:

Denovaire spannt in seinen Perfomances den Bogen von Instant Composing über Noise bis hin zu World und Ambient. Der Musiker dirigiert zudem das Styrian Improvisers Orchestra und heimste unter anderem im Jahr 2006 den Musikförderpreis der Stadt Graz ein. In der gechillten Wohnzimmeratmosphäre des Hotels Eck entführte er das Publikum mit seinem Sound auf einen entschleunigten Besuch in die Natur Indiens. So mancher Besucher genoss den musikalischen Ausflug mit geschlossenen Augen und ließ sich mitnehmen auf eine meditative Reise nach Indien – ein würdiger Ausklang für ein sinnliches Gesamterlebnis, das auch dieses Mal wieder ein voller Erfolg war.

Slideshow: Roman Wagner

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