Heimkehrer haben wir, Zuwanderer brauchen wir!

Wenn der Bezirk nicht schrumpfen soll, müssen wir fremde Menschen zu uns einladen.

Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass Osttirols Lokalpolitiker aus unserem Artikel über den entzauberten Heimkehrer-Mythos etwas lernen. Sie werden weiterhin bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit von den jungen Menschen schwafeln, die man „heimholen“ muss, damit der Bezirk nicht noch mehr Einwohner verliert als bisher. Dabei belegen die Datenjournalisten der Rechercheplattform Addendum recht eindrucksvoll, dass aus allen Städten und Gemeinden des Landes – auch aus der Landeshauptstadt – junge Menschen abwandern und im Schnitt nur jeder Vierte wieder in den Geburtsort zurückkehrt. Das ist in ganz Österreich so und eben auch in Osttirol. Wir sind im „Heimholen“ genauso gut wie alle anderen, schreibt euch das auf eure Manuskripte für die nächste Sonntagsrede, ihr Dorfkaiser und Landespolitiker.

Wer jetzt fragt, warum dann andere Regionen wachsen und Osttirols Bevölkerung – zuletzt mäßig und keineswegs besorgniserregend – schrumpft, der muss sich einer simplen Tatsache stellen: weil in anderen Regionen eben mehr Menschen zuwandern als in Osttirol. Nicht heimkehren, zuwandern! Das ist nicht dasselbe!

In modernen Gesellschaften herrscht reges Kommen und Gehen. Nur jene Kommunen wachsen, die auch bislang Fremde einladen, zu bleiben. Foto: Timon Studler/Unsplash

Ich habe es mehrfach geschrieben und erst vor Kurzem hat auch Kollegin Cathi Oblasser in der Tiroler Tageszeitung darauf hingewiesen: Der Anteil an Ausländern ist nirgendwo in Tirol und übrigens auch nirgendwo in Österreich niedriger als in Osttirol. Er beträgt lediglich etwas mehr als fünf Prozent. Von diesen fünf Prozent – das gleich vorweg, bevor die blaue Welle über mich hinwegschwappt – sind mehr als die Hälfte Deutsche und ein Viertel Italiener. Keine Rede von „Überfremdung“, im Gegenteil. Das Fremde ist in Osttirol noch immer exotisch, egal ob im Pflegeheim oder auf der Baustelle, in der Schule oder im Stadtbild. In die Werbung um Touristen, die man früher „die Fremden“ nannte, investieren wir jährlich zweistellige Euro-Millionensummen. Diese Fremden bleiben im Schnitt 4,5 Nächte und ziehen dann weiter.

Doch wie viel investieren wir in die Bewerbung unseres Bezirkes als neue Heimat für Menschen aus anderen Weltgegenden, in die Motivation für Zuwanderer, zu kommen und zu bleiben? Weder der Facharbeitermangel – der schon heute manchen Firmenausbau verzögert! – noch die Schließung von Schulklassen und schrumpfende Mittel aus dem Finanzausgleich werden wir mit „Heimkehrern“ abfedern können. Wir brauchen neue Leute, übrigens auch deshalb, weil bunte Gesellschaften attraktiver und kreativer sind, als dörfliche Monokulturen.

Offenheit ist eine Tugend in einer Welt, die sich immer schneller dreht und immer mehr Flexibilität erfordert. Unser Lebensraum ist schön und lebenswert. Der Stellenmarkt belegt, dass es auch Arbeit gibt. Stolz erzählte Micado-Chef Edwin Meindl erst kürzlich bei einer Diskussion mit WK-Präsident Harald Mahrer von hoch qualifizierten Mitarbeitern, die zugewandert seien, zu seinem Glück. Auch Firmen wie Durst, IDM, Liebherr & Co. suchen intensiv nach Zuwanderern, von der Tourismuswirtschaft ganz zu schweigen.

Es wird Zeit, dass die regionale Politik diese Realität erkennt und Zuwanderer nach Osttirol einlädt, statt Abwanderern nachzuweinen.

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13 Postings bisher
blubla

Hat man bei dem Artikel vergessen wieviele Menschen Montagfrüh nach Nordtirol pendeln műssen und Freitag wieder zurückkommen? Wo sind die Jobs fűr diese Leute ? Ist doch traurig!

Biker

schneller als vielen von uns lieb ist werden wir zuwanderer einladen um unsere wirtschaft am leben zu erhalten!

senf

es ist schon interessant, dass man einen wirtschaftsräume gerne innerhalb politischer grenzen einteilt seine leistungsfähigkeit danach beurteilt. die wirtschaftsleistung kennt hingegen nur regionen mit einheitlicher gesetzgebung und gesellschaftlicher ansprüche. ein bezirk ist ein verwaltungsraum, in tirol gibt es ja neun davon. politische vertreter machen sich das gerne zu nutzen, die statistik hilft dabei. und osttirol ist davon besonders geprägt. trotz unterschiedlicher rahmenbedingungen (oberland, lienzer talboden, iseltal) gibt es immer in einheiten zusammengefasste daten. "osttirol" hinkt im einkommen nach. 18% unter dem landesdurchschnitt, frauen ssogar bei 42%. statistik austria veröffentlicht solche daten.

ein gutes argument, vor allem für auswärtige interessenten, die sich "im bezirk" durch günstig mit förderungen und niedriglöhne niederlassen sollen. waren es nicht osttiroler kammervertreter und einige ortskaiser, die bei der standortsuche eines industriebetriebes (heute an die 1000 beschäftigten) sturm liefen und intervenierten, weil sie grosse bedenken hatten, dass dieser betrieb höhere löhne zahlen könnte und die facharbeiter von ortsansässigen unternehmen dorthin abwandern? einige reservierte arbeitsplätze dieses betriebes wurden durch kärntner pendler belegt, auch weil arbeiter aus einem maroden betrieb im iseltal hintangehalten wurden, erzählen betroffene.

ich glaube, dass ab- und zuwanderung neben vielerlei gründen auch im niedrigen lohnniveau und den hohen lebenskosten (zu teure mieten, besonders in der innenstadt von lienz) begründet sind. darüber sollte man sich gedanken machen, falls man an belebung interessiert ist.

Kilian1990

@beobachter52: Ich kann dir nur vollinhaltlich zustimmen. Hatte beim Durchlesen des Artikels ähnliche Gedankengänge. Die Osttiroler Lokalpolitiker sollen Zuwanderer nach Osttirol einladen. Wie weltfremd ist denn sowas? Ich bin nicht gegen Zuwanderer, Ausländer, Flüchtlinge ... Aber hier braucht es mehr als nur eine Einladung. Arbeitsplätze, ein geeignetes Umfeld usw.

Da hat @griasde schon recht. Die Bedürfnisse und Einstellungen ändern sich halt, wenn man eine Zeit lang in der Stadt lebt. Dass die Leute dann nicht mehr zurückkehren wollen, hat vor allem auch damit zu tun. Und das ist kein Osttirol-Spezifikum. Die Osttiroler werden halt gerne als weltfremd und verschlossen dargestellt. Sehe das nicht so. Und da wird auch dolomitenstadt oder Vordenken mit permanentem Schlechtmachen der Bevölkerung nichts ändern.

    nikolaus

    Hallo? Eben weil sich griasde's Bedürfnisse und Einstellungen ändern, möchte er ja wieder ins Grüne, in den Bezirk mit höchster Lebensqualität und Lebenserwartung ...

griasde

Ich bin vor 18 Jahren nach Wien gezogen um dort zu studieren. Ich wollte eigentlich zwar nie weg von Osttirol, aber es gab einfach keine Alternative, wenn man studieren will. Jetzt kommt mein erstes Kind auf die Welt und ich würde eigentlich sehr gerne wieder heimkehren. Die zusätzliche Lebensqualität würde ich gerne gegen ein deutlich schlechteres Gehalt eintauschen. Abgesehen davon, dass es sicher nicht leicht wird einen Job zu finden - meine größte Sorge (und auch vieler Bekannter, die in einer ähnlichen Situation sind) ist aber, ob ich den sozialen Anschluss - trotz großer Familie zu Hause - wieder schaffen werde. Wie von User bb richtig geschrieben, haben viele Auslandsaufenthalte, ein internationaler Freundeskreis in Wien usw meine Weltanschauung ziemlich stark beeinflusst. Auch wenn ich in Osttirol geboren bin, werde ich wohl der "Wiener" sein. Und für meine Partnerin als Wienerin wird es realistisch betrachtet auch schwer werden, in Osttirol Anschluss zu finden. Das ist jetzt kein Osttirol-spezifisches Phänomen, aber ich wollte nur aus meiner persönlichen Situation dieses Stadt-Land Dilemma ansprechen. Ich habe einfach nicht das Gefühl, dass Fremde (egal ob Österreicher oder Ausländer) in Osttirol mit offenen Armen aufgenommen werden. Das ist schade, denn ich würde sehr gerne wieder daheim leben mit meiner Familie und auch mein Fachwissen in einen Osttiroler Betrieb einbringen. Vielleicht entwickeln sich ja aus der Bewegung "Vordenken für Osttirol" bald bessere Bedingungen für Heimkehrer. In punkto Lebensqualität hätten wir alles, wovon auch in der Stadt mittlerweile viele träumen.

    golipi

    Ich glaube, jetzt tut man uns Osttirolern doch unrecht. So fremdenscheue ungute Menschen sind wir auch wieder nicht. Es kommt wie immer auf die Integration an. Egal ob jetzt Wiener oder Araber. Wenn du und deine Frau, lieber griasde, offen auf die Menschen zugehen, euch im Dorf integrieren (sei es bei einem Verein, Frauenturnen, Adventbasar oder einfach nur mal zu einem Konzert der Musikkapelle kommen usw.), dann werdet ihr sicher herzlich aufgenommen. Wenn ihr euch aber nie sehen lässt (wie die Italiener im Oberland, die alles aufkaufen), dann wird sich die Freude natürlich in Grenzen halten. Das hat aber nichts mit Unfreundlichenkeit zu tun. Ein kleines Dorf, wie in Osttirol bis auf Lienz im Prinzip alle sind, lebt nun mal vom Zusammenhalt. Jeder im Dorf muss einen Teil dazu beitragen. Wenn jetzt natürlich immer mehr kommen, die nichts tun, bleibt die Arbeit auf denen sitzen, die sonst schon genug tun. Natürlich entsteht dadurch auf Dauer Missgunst. Vor allem dann, wenn z.B. Grundstücks und Wohnungspreise für Einheimische immer unerschwinglicher werden, weil sie wohlhabendere Auswärtige kaufen, die aber zum Dorfwohl nichts beitragen. Auch meinem Vorredner bb kann ich nur zum Teil zustimmen. Du hast schon Recht, dass heute der klassische Verein nicht mehr so gefragt ist. Es braucht aber trotzdem Menschen, die sich im Dorf engagieren, denn ansonsten werden es tote Dörfer, wo nichts mehr los ist. Den Sprach- und Jogakurs organisieren in Döfern meist auch Vereine/Gruppierungen. Wenn das niemand mehr macht, würden auch wieder alle schimpfen. Wenn jedes Rädchen seinen Teil dazu beiträgt, läuft das Werk.

    nikolaus

    DEN/DIE OsttirolerIn gibt es nicht, genauso wenig wie DEN/DIE WienerIn. Wenn sich ein Zuzügler öffnet, wird er sehr bald merken, wer in annimmt und wer nicht. Und anhand dieser Erfahrungen kann man dann ja das soziale Leben organisieren. Seid willkommen, griasde samt Frau & Kind ☺ !!!

bb

Für das Dorfleben waren die klassischen Vereine und die katholische Kirche lange Zeit zentral. Manch ein Heimkehrer und Zuwanderer findet auch heute so Anschluss. Aber viele Menschen, die wegen der Lebensqualität in ein Dorf zuwandern, haben andere Interessen, andere Weltanschauungen und auch andere Religionen (manch ein junger Mensch ist auch gerade deshalb abgewandert...). Man ist mobil, pendelt zum Arbeitsplatz. Besucht auch z.B. Joga- oder Sprachkurse (oder was auch immer) in der Stadt. Es ist heute leicht, sich über Interessen zu vernetzen, das muss nicht im eigenen Dorf sein. Ich glaube viel wichtiger als die immer beschworene Stärkung des Vereinswesens ist es, dass sich die "Alteingesessenen" öffnen für "Fremde", die man nicht gleich aufgrund ihrer Abstammung einordnen kann. Dass sie den frischen Wind zulassen. Die Orte Osttirols sind heutzutage einfach keine klassischen Bauerndörfer mehr und werden es nicht mehr werden - es müsste sich die Einstellung und das Selbstverständnis der "Einheimischen" dementsprechend ändern. Man kann sich auch aus Angst vor Wandel an Traditionen klammern... Für mich persönlich ist Osttirol die Heimat - es wär egal, in welchem Ort ich grad wohne.

bb

Dörfliche Monokulturen - das ist gut ausgedrückt...

beobachter52

"Dorfkaiser"? Herr Pirker, haben Sie sich schon einmal mit den Aufgaben eines "Dorfkaisers" auseinander gesetzt? Haben Sie eine Ahnung von der Fülle der Aufgaben, von den Gesetzen, Verordnungen und Erlässen, denen seine Arbeit unterliegt, von den manigfaltigen Anforderungen von Seiten der Gesetzgeber, der Wirtschaft, aber auch den Wünschen seiner Gemeindebürger? Wissen Sie, wie schwer es in der Regel für einen "Dorfkaiser" ist, einen ausgeglichenen Haushalt zu erstellen? Wie engagiert (weit über die normale Arbeitszeit hinaus) und kreativ er sein muss, um für sein "Kaiserreich" etwas zusammen zu bringen, um für die Zukunft zu gestalten? Wissen Sie, wie fürstlich so ein Dorfkaiser entlohnt wird?

Bitte beschäftigen Sie sich (gedanklich) auch einmal mit den kleineren Gemeinden, also mit vielleicht 28, 29 der 33 Osttiroler Gemeinden! Ich bin mir sicher, Sie werden dann die abschätzige Bezeichnung "Dorfkaiser" nicht mehr verwenden ....

focuss

Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf! Osttirol ist im Vergleich zu anderen Regionen sehr verschlossen...Großteils auch die Leute selbst. Es trauen viele hier bei uns "Auswärtigen" nicht wirklich über den Weg, was ich sehr schade finde. Am besten können das wirklich Leute beurteilen die viel Reisen, auswärts studiert oder gearbeitet haben und sich in einem multikuturelen Freundes- bzw. Bekanntenkreis bewegen. So hart es klingt in Osttirol gilt oft noch das Sprichwort "Wos da Bauer nit kennt isst er nit"(natürlich im übertragenden Sinn) Nicht nur unsere Politik im Bezirk auch die Gesellschaft selbst muss weltoffener werden, um Probleme wie Fachkräftemangel, Zu- & Abwanderung, Fremdenfeindlichkeit usw. anpacken zu können. Hier müsste man Menschen die nicht die Möglichkeit haben die Welt zu bereisen oder es vielleicht auch nicht wollen die Option geben neue Dinge kennen zu lernen. Olala ist ein super Beispiel da viele Künstler aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen nach Lienz kommen und die Leute begeistern. Davon brauchen wir aber mehr z.B. Internationale Streetfood-Events, Vorträge und diverse andere Veranstaltungen...Dinge die für Jung und Alt sind und gezielt auch die Leute dazu anmiert offener und einladener zu werden / die Perspektive zu ändern. Das muss aber die Politik vorleben und vielleicht auch eine Ideensammlergruppe wie zum Thema Hochstein einrichten. Diese Task-Force sollte aus Experten, gut integrierten Migranten (die hier aufgewachsen und auch teilweise mit den Problemen konfrontiert sind) und wasch echten Osttirolern bestehen! Wir müssen alle gemeinsam für unser Osttirol kämpfen und dieses Privileg hier zu leben mit der Welt teilen. PS: Österreich ist beim Zivilgesellschafts-Rating von "offen" auf "eingeengt" herabgestuft worden. Sollte auch zu denken geben und ist von der Blau-Türkisen-Koaltion zu verantworten bzw. von "uns" (Volk) die sie gewählt haben.

Talpa

Es gibt auch noch Menschen, die wollen gar nicht hochqualifiziert sein, und sich vor den Karren einer Wirtschaft spannen lassen, die nur Wachstum kennt. Es gibt auch Menschen, die sind mit einfacheren Ausbildungen auch zufrieden. ES GIBT MENSCHEN, FÜR DIE ARBEIT NICHT ALLES IST!........sollte die Politik und die Wirtschaft villeicht auchmal berücksichtigen.....wir haben das grosse Glück, in einer Region zu leben, wo es die geographischen Gegebenheiten der Wirtschaft schwierig machen, alles ihrem Diktat unterzuordnen. Für die einen ein Grund zu gehen...ich empfinde es als Segen!