Wenn Berichterstatter die Seiten wechseln

Beispiele zeigen: Die politische Karriere von Journalisten geht selten gut aus.

Menschen haben gerne recht. Bei journalistischen Kommentatoren gehört das Recht-haben-Wollen zur Berufsbeschreibung. Neutral ist das nicht, doch das kann Journalismus ohnehin niemals sein. Bestenfalls ist er objektiv. Wenn nun ein Journalist in die Politik geht, wird es kompliziert, nicht nur für ihn oder sie, sondern auch für andere Journalisten, die nunmehr über einen Kollegen schreiben müssen. Einer der ihren wird somit zum „anderen“.

Nun haben also auch die Neos ihren Quereinsteiger, einen Journalisten, der als erfahren gilt und dessen Karriere seit seiner letztjährigen Ablöse als Kurier-Chefredakteur ins Stocken geraten ist. Helmut Brandstätter ist keine Ausnahme in diesem Wahlkampf, die Grünen haben sich Sybille Hamann geholt und die ÖVP lässt im Burgenland die frühere ORF-Mitarbeiterin Gaby Schwarz wahrscheinlich wieder kandidieren. Wie aber kommen Journalisten immer wieder auf die Idee, dass sie in der Politik mehr beeinflussen könnten als im Journalismus?

Journalisten geraten als Politiker häufig in Vergessenheit

Schaut man sich Beispiele aus der Vergangenheit an, sieht man: Journalisten als Politiker, das geht selten gut. Bestes Beispiel dafür war die einst hochgeachtete ORF-Reporterin Ursula Stenzel, die bei der FPÖ kaum ein Fettnäpfchen ausließ und schließlich sogar der eigenen Partei zu peinlich wurde. Die ehemalige Journalistin Karin Kneissl stolperte zwar nicht über ihren Hofknicks vor Putin, doch beendete sich ihre Karriere, als die parteilose Außenministerin im falschen Moment neben H.C. Strache im Fernsehen zu sehen war und damit ihre vermeintliche Unabhängigkeit aufgab, als sie nach „Ibiza“ Solidarität zeigte. Josef Broukal, ebenfalls anerkannter ORF-Journalist, geriet im Nationalrat in Vergessenheit. Der Tiroler ORF-Moderator Wolfram Pircher überstand nicht einmal den internen Vorzugsstimmenwahlkampf. Und erinnert sich noch irgendwer an Gertrude Aubauer?

Dennoch meinen Journalisten und Journalistinnen immer wieder, sie seien in der Politik gut aufgehoben. Dabei können sie auf diesem Karriereweg nur verlieren. Zunächst ist das Image von Politikern noch schlechter als jenes von Journalisten. Hinzu kommt, dass gute Medienpolitik nicht voraussetzt, dass sie von Politikern mit journalistischer Erfahrung gemacht wird, sondern dass es dafür integere Journalisten gibt, die recherchieren, mit ihrer Arbeit die Bevölkerung aufklären und aufrütteln, sodass die PolitikerInnen handeln müssen.

Vorteile hat meist nur die Partei

Für die jeweilige Partei sind kandidierende Journalisten nicht immer einfach. Sie haben wenig bis keine politische Erfahrung, sind in der Sache aber so eingearbeitet, dass sie sich ungern anpassen. Meist wollen sie ihren persönlichen Weg gehen, ganz abseits von Parteiinteressen, und werden dafür von der eigenen Partei bald auf hintere Plätze gesetzt.

Neos-Parteichefin Beate Meinl-Reisinger präsentiert einen prominenten Quereinsteiger, den ehemaligen Kurier-Chefredakteur Helmut Brandstätter. Foto: APA/Robert Jäger

Die Neos versuchen es nun dennoch, und viel deutlicher hätte Parteichefin Beate Meinl-Reisinger ein Koalitionsangebot an die ÖVP kaum formulieren können als mit der Kandidatur Brandstätters. Dieser stammt nicht nur aus einer ÖVP-Familie, sondern bezeichnet sich selbst nach wie vor als konservativ und christlich-sozial. Brandstätter ist ein klares Zeichen für die konservativen Kräfte in der Partei. Andererseits hat er sich in seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch „Kurz & Kickl“ für den aktuellen Wahlkampf eindeutig als Kurz-Kritiker positioniert. Im Falle eines Koalitionsangebotes würde ihm das wahrscheinlich vergeben werden, denn das politische Gedächtnis ist kurz.

Brandstätter zieht Aufmerksamkeit von Schredderaffäre ab

Für die ÖVP kommt die Kandidatur Brandstätters jedenfalls zum richtigen Zeitpunkt. Der Überraschungseffekt lenkt ein wenig von der bedenklichen Schredderaffäre ab, bei der die Volkspartei Glück hatte, dass es der österreichischen Bevölkerung bei Datenschutz und Datenvernichtung sowohl an Interesse als auch an Unrechtsempfinden fehlt. Wenn die nun für verschiedene Parteien kandidierenden Journalisten ihre Aufgabe ernst nehmen, werden sie versuchen müssen, die Bevölkerung zu sensibilisieren. Ob sie damit politisch erfolgreich sein werden, bleibt unklar.

Feststeht, dass die Pressefreiheit Österreichs in den letzten Jahren gelitten hat. Daher braucht es mehr denn je politisch unabhängige Journalisten und Journalistinnen, die es wagen, Unbequemes anzusprechen. Eine politische Karriere ist im Normalfall das Ende dessen.


„Wir betreten Neuland“, sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen vor der Angelobung der Expertenregierung. Es ist eine Zeit des Übergangs, ehe nach den Neuwahlen im Herbst eine neue Regierung angelobt wird. Anlass genug, sich ein wenig genauer mit dem demokratischen System Österreichs auseinanderzusetzen. Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems – und Mitarbeiterin der Dolomitenstadt-Redaktion – wird bis zur Regierungsbildung wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen analysieren und die Hintergründe erklären.

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14 Postings bisher
Kilian1990

Wie naiv muss man denn sein zu glauben, dass jemand etwas, das er wirklich verbergen will, über einen Drucker des Bundeskanzleramtes ausdruckt? Würde ich eher im ÖVP-Büro machen, und nicht einmal da ... Die Schredder-Affäre ist eine aufgebauschte Sache der Medien. Und dem politischen Gegner der ÖVP ist es recht ... Da kommt nichts raus, wetten ...

    Franz Brugger

    Erkläre mir bitte, warum der Mitarbeiter sich so Auffällig verhalten hat:

    Wollte bei der Zerstörung dabei sein, und dann das (lt Medien 3x) geschredderte Material wieder mitnehmen .... Warum schien das notwendig?

    Desweiteren das Framing: 1 Platte, aha-dann 5 Platten, der Mitarbeiter abgetaucht, ..usw.

Nikolaus F. Pedarnig

Die drei Machtmonopole der demokratisch gewählten, parlamentarischen Republik und die vierte Macht, die Medien, bilden eine stabile Basis unserer Gesellschaft.

Das leichtfertige Spiel mit dem Vertrauen der Wähler schwächt die demokratischen Einrichtungen. Klubzwang oder auf Personen konzentrierte Wertekatalogdiskussionen dienen nicht der Gesellschaft, sondern sie nähren Allmachtsphantasien und zeigen die steigende Entfernung zum Wahlvolk

    senf

    ist das nicht das, was in osttirol besonders ausgeprägt ist?

Pichlerj

.....hat jemand in diesem Zusammenhang schon einmal etwas von einem vorauseilenden Gehorsam eines Mitarbeiters gehört???

Kilian1990

"... lenkt ein wenig von der bedenklichen Schredderaffäre ab, bei der die Volkspartei Glück hatte, dass es der österreichischen Bevölkerung bei Datenschutz und Datenvernichtung sowohl an Interesse als auch an Unrechtsempfinden fehlt."

Frau Dr. Ingruber, den Zusammenhang versteh ich nicht. Wenn Daten, Festplatten oder was auch immer geschreddert werden, dann ist das ja genau der Datenschutz, der von Ämtern und Behörden erwartet wird. Was soll also an der "Datenvernichtung" , wie Sie es nennen, unrecht sein. Außer dass sich der Mitarbeiter bei der Schredder-Firma mit falschem Namen ausgegeben hat und die Rechnung (zunächst) nicht bezahlt hat, ist ja nichts Außergewöhnliches passiert. Naja und bei einer Firma einen falschen Namen nennen und auf die Mahnung warten, um dann zu zahlen, sind für mich "lässliche Sünden".

    Gertrude

    Werter Kilian, ich sehe diese Schreddergeschichte sehrwohl ein wenig anders. Wenn ein Beschäftigter des Bundeskanzleramtes unter falschem Namen Datenträger " sehr konsequent" vernichten lässt, dann kann man leider nicht mehr von lässlichen Sünden sprechen. Dies dann plötzlich nach Aufforderung aus der eigenen Tasche zu bezahlen ist dann erst recht sonderbar. Im Bundeskanzleramt gibt es auch IT Experten, welche diese Arbeit hätten machen können. Wofür werden die denn bezahlt? Doch alles irgendwie sonderbar, oder?

    Domenik

    Bei aller türkiser Verblendung kann man doch so einen Vorgang nicht ernsthaft verteidigen? Aufklärung wird hoffentlich die Untersuchung von Kanzlerin Bierlein bringen - von der ÖVP ist diese wohl nicht zu erwarten.

    steuerzahler

    Warum unter falschen Namen? Das stinkt sehr nach etwas, das vertuscht werden soll. Daß derjenige so blöd ist, nicht zu bezahlen, ist gut für die Öffentlichkeit. Nur so bekommt man mit, daß etwas Merkwürdiges gelaufen ist und gibt wieder einen Fleck auf der weißen (Türkisen) Weste...

    wolfgangwien

    Werter Kilian, wer sowas auf diese Art macht, hat sowas von Dreck am Stecken. Da gab es etwas, daß unter allen Umständen verheimlicht werden mußte!!!!!!

    chiller336

    ja genau - mach das mal als privatunternehmer und jag deine buchhaltung vor den 7 jahren aufbehaltefrist durch den reisswolf - da bin i dann aber gespannt, was die finanz dazua sagt. und jetzt bitte kein aber ....

    Daniela Ingruber

    @ Kilian1990: Akten der Verwaltung kommen ins Staatsarchiv. Es ist möglich, das Schriftgut für einige Jahre (im Normalfall 25) versiegeln zu lassen. Die Festplatten, die ebenfalls als Schriftgut gelten, hätten somit ans Staatsarchiv übergeben werden müssen. Da der Inhalt der Festplatten nicht bekannt ist, lässt sich nicht sagen, ob illegal gehandelt wurde, rechtmäßig war es jedenfalls keineswegs. Dass ein Parteiangestellter dies noch dazu unter falschem Namen tut und die Platten 3x schreddern lässt, wirft die Frage auf, welche Inhalte damit verborgen werden sollten. Gerade in einer so sensiblen politischen Zeit wie kurz vor einem wahrscheinlichen MIsstrauensantrag ist ein solches Vorgehen verdächtig und fördert nicht unbedingt den Glauben an die demokratischen Vorgänge innerhalb der Regierung.

      chiller336

      demokratische vorgänge? haha der war guat .... zu demokratie zählt zb auch, den willen der wähler zu vertreten. und jetzt wüsst ich gern, in welcher hinsicht das wohl stattfindet. sämtliche volksbegehren zb - welche die notwendige mehrheit zur parlamentarischen behandlung erzielt haben - sind bisher im nirgendwo versandet. aber ist auch klar, wenn man an den hebeln der macht sitzt, kann man ja schalten und walten wie man will .... und unbequemes verschwindet einfach - nach dem motto: aus den augen, aus dem sinn

    Biker

    Wenn man im Kanzleramt Sachen ausgedruckt hat die die ÖVP oder Kurz belasten könnten dann ist ohnehin schon etwas schief gelaufen! Wenn die ÖVP dann auch noch so chaotisch reagiert und die Beweismittel und Staatseigentum so unverfroren und hintertückisch vernichtet dann dürfte schon etwas dran sein an der Sache. Es gilt die Unschuldsvermutung ;-)