Die Kunst der politischen Kriegsführung

Wie ein alter chinesischer Philosoph die Politik von heute beeinflusst.

Viele Parteistrategen oder jene, die sich dafür halten, zitieren gerne den chinesischen Kriegsphilosophen und Militärstrategen Sunzi (auch Sun Tzu genannt). Er sprach davon, wie man seine Feinde einschüchtert, wie man sich selbst stärkt, den Feind schwächt und auch davon, wie man sich strategisch für den Krieg rüstet. Er meinte das auch – aber nicht nur – metaphorisch. Ihn vor politischen Entscheidungen zu zitieren wirkt immer ein wenig einschüchternd, gerade so, als wüsste man nicht nur, wovon man redet, sondern als hätte man auch stets die richtige Strategie parat.

„Siegen wird, wer weiß, wann er kämpfen soll und wann nicht.“ General Sunzi. Illustration: iStock

Vielleicht aber wollen sich jene, die häufig von Schlachten reden und davon, dass sie nie welche verlieren, nur selbst Mut zusprechen. Das ist dann ein bisschen so, wie wenn der kleine Maxi vor dem Spiegel steht, die Superman-Pose einnimmt, sich selbst zunickt und sich dann stärker fühlt. Manchmal mag es ja helfen und man muss nicht einmal Politiker sein, um sich dadurch mächtiger zu fühlen.

Demokratie ist nicht gleichzusetzen mit Machtpolitik

Demokratie aber ist eben nicht das machtpolitische Kalkül, immer zu meinen, man müsse eine Schlacht führen. Demokratie ist auch nicht die ständige Provokation oder das Heischen um jede Schlagzeile. All das mag Politik sein, schlechte Politik, denn sie richtet sich nach dem eigenen Sinn. Dabei ist es eine Tatsache, dass jedes politische Mandat nur vom Volk geliehen ist. Der Ich-Anspruch, den manche Politiker und Politikerinnen – auf nationaler Ebene ebenso wie in der Regionalpolitik – pflegen, ist so gesehen ein Makel. Er trägt nicht zur Demokratie bei, sondern schadet ihrem Ansehen.

Im Wahlkampf sind solche Anwandlungen besonders interessant zu beobachten. Da haben wir den alten politischen Fuchs, der ums Überleben kämpft und plötzlich den Frauen in seiner Partei Raum zum Agieren gibt. Es gibt den Jungen, der zur allgemeinen Belustigung sein Konterfei auf Fahnen hängen lässt, obwohl es in der Wahl primär gar nicht um ihn geht. Andere ziehen sich zurück, warten, bis der Sturm vorübergezogen ist und präsentieren sich als Saubermann: Keine Wahlkampfspenden, heißt es dann, oder es wird nach einem Fairnessabkommen gerufen. Andere veröffentlichen eine sogenannte Studie zu ihrer Vergangenheit und müssen dankbar sein, wenn das Ergebnis schnellstmöglich im Sommerloch versickert.

Dem Volk zuzuhören, scheint fast kitschig

Wieder andere nützen dieses Loch und jedes noch so kleine politische Vakuum, fliegen mit einem Hubschrauber rein und warten entspannt wie Buddha darauf, dass die anderen sich abmühen. Frei nach dem Motto: Kenne deine Feinde! Oder wie es Sunzi ausgedrückt hat: „Wenn Du Deinen Feind kennst und dich selbst kennst, brauchst du das Ergebnis von 100 Schlachten nicht zu fürchten.“

Bei all dem aber bleibt ein unangenehmer Geschmack zurück. Etwas ist faul, wenn Politiker/innen meinen, sie müssten es vertuschen, wenn sie keine Antwort oder Lösung haben. Man findet rasch eine neues Modewort oder spricht davon, dass alles seine durchgängige Marke brauche, um erfolgreich zu sein. Dabei muss Politik kein Krieg sein. Demokratische Politik würde bedeuten, aufeinander zuzugehen und auch bei inhaltlichen Differenzen zum Wohle der Bevölkerung zu arbeiten. Das klingt fast kitschig, entspricht aber dem, was Demokratie ausmacht.

Denn Demokratie ist per se unvollkommen und unfertig. Das darf sie, weil es an den Bürgerinnen und Bürgern liegt, sie weiterzuentwickeln. Politiker/innen sind dafür manchmal das Werkzeug, zuweilen auch das Hindernis. Sie haben immer die Wahl hinzuhören oder ihren Weg alleine zu gehen. Letztlich aber hat diese Wahl nur die Bevölkerung. Da sind wir wieder bei General Sunzi, der übrigens auch sagte: „Siegen wird, wer weiß, wann er kämpfen soll und wann nicht.“


„Wir betreten Neuland“, sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen vor der Angelobung der Expertenregierung. Es ist eine Zeit des Übergangs, ehe nach den Neuwahlen Ende September eine neue Regierung angelobt wird. Anlass genug, sich ein wenig genauer mit dem demokratischen System Österreichs auseinanderzusetzen. Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems – und Mitarbeiterin der Dolomitenstadt-Redaktion – wird bis zur Regierungsbildung wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen analysieren und die Hintergründe erklären.

Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren

3 Postings bisher
iseline

Demokratie ist auch Machtpolitik, die Frage ist halt, wie mit der geliehenen Macht umgegangen wird, zum eigenen Nutzen - oder wie es sein sollte, für das Gesamtwohl. Damit die Kontrolle funktioniert, wäre eine starke Opposition absolut wichtig - und da fehlt es bei den Sozialdemokraten, wie D. Ingruber schreibt, derzeit leider sehr. Die kleinen Parteien sind hier wesentlich aktiver, in Tirol etwa die Liste Fritz. Gut ist, dass es noch gründlich recherchierende Medien gibt und akive Bürger und Bürgerinnen.

democraticus

Demokratische Politik würde bedeuten, aufeinander zuzugehen und auch bei inhaltlichen Differenzen zum Wohle der Bevölkerung zu arbeiten. Das klingt fast kitschig, entspricht aber dem, was Demokratie ausmacht.

Danke für diese schöne Beschreibung der Demokratie!

Möchte dem noch zwei schöne Zitate hinzufügen:

Demokratie hat keine Farbe. Sie ist ein Spektrum. Vytautas Karalius

Es ist die Aufgabe der Opposition, die Regierung abzuschminken, während die Vorstellung noch läuft. Jacques Chirac

democraticus

    Daniela Ingruber

    Vielen Dank für die wunderschöne Ergänzung! Der Haken bei Chiracs Zitat ist, dass es dafür eine funktionierende Opposition braucht. Da könnten wir in Österreich noch ein wenig nachlegen.