Schon immer war der öffentliche Raum Schauplatz sozialer und somit politischer Begegnung. Ein aktuelles Beispiel ist Fridays for Future. Foto: Mika Baumeister/Unsplash

Schon immer war der öffentliche Raum Schauplatz sozialer und somit politischer Begegnung. Ein aktuelles Beispiel ist Fridays for Future. Foto: Mika Baumeister/Unsplash

Demokratie braucht Begegnung im öffentlichen Raum

Orte, an denen man nichts muss und viel darf, verschwinden.

Man kennt schrecklichere Nachrichten als diese: Weltweit geht der Öffentliche Raum zurück. Und doch birgt das eine Gefahr für die Demokratie. Es gibt zwar immer mehr Platz für Freizeit und Erholung, doch meist ist dieser organisiert und dient dem Konsum. Orte, an denen man nichts muss und viel darf, verschwinden – oder werden fein säuberlich ausgerichtet und überwacht. Selbst das kleine Aufbäumen gegen die Ordnung wird verwaltet: Manche Flächen werden zum Urban Gardening freigegeben, Kinder dürfen eine Wand bemalen und sogenannte Begegnungszonen werden geschaffen. All das sind schöne Ideen, doch werden sie in einem vorbereiteten Rahmen umgesetzt, der nur solange gestattet wird, als er gewissen ästhetischen Kriterien genügt. Schön muss es sein, und stören darf es nicht.

Als Argument dient, dass man der Bevölkerung etwas bieten muss. Am besten Unterhaltung, dann wird auch konsumiert – und wir wissen ja alle: Geht es der Wirtschaft gut, … Der Öffentliche Raum allerdings ist nur ein solcher, wenn er frei bespielt werden kann, man einander auch zufällig oder gewollt begegnet und miteinander verweilt, anstatt aneinander vorbeizueilen. Das gilt übrigens auch für das Internet.

Öffentlicher Raum fällt erst auf, wenn er genommen wird

Der Öffentliche Raum bleibt meist unbemerkt. Man geht durch einen Park, radelt über einen Platz, setzt sich auf eine Bank und beobachtet das Geschehen. Bewusst wird einem dieser Raum erst, wenn etwas – oder noch schlimmer: jemand – stört. Dann ist sich die Masse schnell einig. Der Störfaktor muss weg. Wer oder was stört, ist allerdings nicht nur Geschmackssache, sondern kann gesteuert werden. Bestes Medium: die Masse.

Gustave Le Bon, ein Vordenker des Nationalsozialismus, empfahl der Politik die Masse. Denn diese hielt er für dumm und manipulierbar. Schaut man in ein volles Stadion, weiß man, was er meinte – und das sagt noch nichts über die Veranstaltung aus. Man jubelt mit der Masse, man macht die Welle und fühlt sich angenehm wohlig als Teil eines Ganzen. Mit der Masse zu gehen, mit ihr zu stimmen und in ihr aufzugehen, ist heimelig und bequemer, als eigenständig nachdenken und handeln zu müssen und dann vielleicht in einer Minderheitenposition zu sein. Die Masse hat zwar nicht immer recht, doch das macht sie durch ihre Zahl wett. Die Gleichschaltung funktioniert freiwillig und unbemerkt, weil man ja nichts anderes tut, als das, was die anderen öffentlich tun.

Der Raum und seine Protestfunktion

Diktatoren wissen um die Kraft, die ein manipuliertes Volk hat. Die moderne Politik mit ihrer massentauglichen Message Control beherrscht die Technik ebenfalls. Die Diktatoren ebenso wie die ExpertInnen wissen aber auch, dass das Gefährlichste ist, wenn Menschen den Öffentlichen Raum frei und für eigene Zwecke nützen, und zwar nicht in einer organisierten Masse, sondern als eigenständige Individuen. Hier finden über Gespräche Erfahrungen und Denkprozesse statt und entstehen Beziehungen.

Die Parkbank alleine hat noch keine demokratische Funktion. Sie erhält sie erst dadurch, dass jemand auf ihr innehält und im besten Fall jemandem begegnet; und wenn es nur ein Lächeln ist, das geteilt wird. Es ist ein Austausch, der in einem Freiraum stattfindet, und ist unverzichtbar für die demokratische Entwicklung. Denn schon immer war der öffentliche Raum Schauplatz sozialer und somit politischer Begegnung und Aktion, oft im Sinne des Widerstandes. Man kennt die Beispiele von Peking, über Kairo bis Istanbul – oder in österreichischen Städten im Februar 1934. Doch auch Greta Thunberg saß noch vor einiger Zeit alleine auf einem Platz, ehe sie andere bemerkten – was wiederum nur funktionierte, weil sie den Öffentlichen Raum für ihren Protest gewählt hatte.

Demokratie braucht Austausch

Demokratien haben die Aufgabe, Begegnung im Öffentlichen Raum zuzulassen. Demonstrationen, soziale und/oder künstlerische Protestaktionen, all das ermöglicht ein demokratisches System nicht nur, sondern braucht es, um sich weiterentwickeln zu können. Ein Zuviel an Organisation und insbesondere Überwachung in diesem Raum verhindert wichtige soziale Prozesse. Wenn jemand sagt, das mache nichts, weil er oder sie ohnehin nichts zu verbergen habe oder wolle, wird vergessen, dass mit dem Schwinden des freien Öffentlichen Raums immer auch die Meinungs- und Bewegungsfreiheit in Gefahr sind, nicht zuletzt auch Menschenleben. Lässt man die Bürgerinnen und Bürger einander hauptsächlich in verwalteten und kontrollierten Räumen aufeinandertreffen, schaltet man das aus, was Demokratie überhaupt erst zum Entstehen gebracht hat: Austausch.


Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems – und Mitarbeiterin der Dolomitenstadt-Redaktion – analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

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