Er möchte so gern aus dem Schatten zurück ins Licht: Heinz-Christian Strache. Foto: Expa/Groder

Er möchte so gern aus dem Schatten zurück ins Licht: Heinz-Christian Strache. Foto: Expa/Groder

Ein Gefallener predigt im Netz: „Liebe ist der Weg“

Was die nächste Regierung von Heinz-Christian Strache und Max Weber lernen kann.

Fast bekommt man Mitleid mit dem Oligarchinnenverehrer, der vor gar nicht so langer Zeit Vizekanzler war, ehe jemand ein altes Urlaubsvideo veröffentlichte. Heute darf der über sich selbst Gestolperte nur noch seine Frau zum Tierschutzpunsch auf den Wiener Christkindlmarkt begleiten. Selbst die kürzlich für ihn gegründete Partei, deren Name man sich aufgrund seiner Sinnesleere weder merken kann, noch muss, lebt lediglich von der Erinnerung an diesen Politiker, denn beigetreten ist er ihr nicht. Wahrscheinlich ist dieser Herr Strache ein Groucho Marx-Fan, der einst sagte: „Ich möchte keinem Verein angehören, der mich als Mitglied nimmt.“

Was aber will er dann? Die Antwort ist so einfach wie herzzerreißend: Er will geliebt werden. Er schrie das sogar recht öffentlich von Facebook aus in die Welt, indem er am 12. Dezember postete: „Liebe ist der Weg“. Nur ist Liebe keine politische Kategorie. Sein Ex-Kollege Kickl hat das schon vor langer Zeit begriffen und versucht erst gar nicht geliebt zu werden. Er stellt damit keine Ausnahme dar, denn auch andere herrschen lieber und verbreiten Grau(s)en vor der Politik, als dass sie geliebt werden wollen. Besser ist das keineswegs.

Aus dem Anstößigen entsteht Hoffnung

Zwar kann oder möchte man Herrn Straches Wunsch nach Zuneigung wahrscheinlich nicht nachkommen, doch kann man ihn als das ehren, was er ist: ein Beispiel von einem Politiker.

Nehmen wir das Anstößige weg, auch das Deprimierende dessen, was er und andere beispielhafte Politiker in den letzten Monaten von sich gegeben und vorgelebt haben. Schieben wir es kurz beiseite, wird der Blick frei auf einen Aspekt, der durchaus Hoffnung für die Zukunft bedeuten kann: Die Bürgerinnen und Bürger haben genug – und das ist der einzige Zustand, in dem tatsächlich vom Volk ausgehend Politik gemacht wird. Das muss keine Revolution sein, sondern das Aufwachen, Nachdenken und eigenständige Agieren. Das hat Potenzial für Veränderung, auch in Hinblick auf den Stil in der Politik.

Anleihe bei Max Webers Forderungen an Politiker nehmen

Zeit, sich wieder einmal Max Weber vorzunehmen, der im Jahr 1919 in seinem Vortrag „Politik als Beruf“ einige Kriterien aufstellte, damit sich die Bevölkerung freiwillig der Autorität der Politiker (er sprach noch von „Herrschenden“) unterwirft. Die Liste ist aktuell, als wäre sie gestern verfasst worden. Es braucht, so Weber, zunächst Sitte. Heute würde man eher von einer ethischen Grundhaltung sprechen: nicht Wasser predigen und Wein trinken, keine Freunderlwirtschaft, keine Korruption, keine Durchsetzung von Eigeninteressen und kein Verunglimpfen Anderer. Das kommt bekannt vor?

Der zweite Aspekt ist die charismatische Herrschaft, was für Weber nichts anderes bedeutete, als dass man sich mit der Führungsperson identifizieren kann, ihr vertraut und bereitwillig folgt, sich zugleich aber auch sicher sein kann, dass die Hoffnungen, die man auf diese Person gesetzt hat, in Erfüllung gehen. Auch hier schwingt ein Hauch von Ethik mit, vor allem aber ein Ablehnen von Eitelkeit – übrigens jene Eigenschaft, die Weber an Politikern am meisten verachtete. Er wandte sich diesbezüglich auch gegen das Sich-selbst-an-erste-Stelle-Setzen. Ob sich hier jemand angesprochen fühlt?

Bleibt Bedingung Nummer drei, die Legalität. PolitikerInnen, die mit einem Bein bereits im sprichwörtlichen Häf‘n sitzen, sind somit ausgeschlossen. Weber bringt es noch auf den Punkt, indem er folgende Eigenschaften von Politikern forderte: sachliche Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und ein distanziertes Augenmaß.

Wie will man als Politiker in Erinnerung bleiben?

Weber meinte damit keineswegs eine Expertenregierung oder die Herrschaft durch Technokraten, denn er war sich schon vor 100 Jahren dessen bewusst, dass man Politik nicht nur mit dem Kopf sondern auch mit dem Herzen macht, womit er die politische Gesinnung meinte. Emotion, so wusste er, gehört zur Politik, doch darf sie nie überwiegen.

Natürlich kann man nur empfehlen, Herrn Strache nicht als Vorbild zu betrachten. Der Lerneffekt kann nur über das Negativbeispiel gehen. Dazu eignet sich wiederum nicht nur der Ibizareisende. Schließlich bleibt die Frage, als was oder wer man nach der Politik in Erinnerung bleiben möchte.

Wie die Koalitionsverhandlungen ausgehen und ob es eine türkis-grüne oder doch eine Minderheitsregierung geben wird, ist eine Sache, doch der Stil der Umsetzung wird von den Wählerinnen und Wählern streng beobachtet werden. So gesehen können die bald in einer Regierung sitzenden PolitikerInnen durchaus von Strache lernen und sich vornehmen, seinen Stil und jenen von ähnlichen Politikerpersönlichkeiten nicht zu übernehmen. Dann ist der Weg frei für eine tatsächlich andere Politik. Zumindest wäre dies ein angemessenes Weihnachtsgeschenk an die BürgerInnen dieses Landes.


Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems – und Mitarbeiterin der Dolomitenstadt-Redaktion – analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

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5 Postings bisher
bla

"Ibiza hat durchaus einen reinigenden Charakter." – Van der Bellen

heli52

Was die Demokratie lernen sollte - oder besser, was wir für die Demokratie lernen sollten: Derzeit machen in Österreich die MEDIEN und die VERFASSUNGSRICHTER Politik! Die Medien haben die Möglichkeit, jemand "hinauf" oder "herunter" zu schreiben. Sie dürfen praktisch alles, unerlaubt angefertigte Videos und Tonaufnahmen veröffentlichen, geheime Protokolle der Staatsanwaltschaft ins Netz stellen, aus geheimen Verschlussakten des Innenministeriums zitieren ... Jede Kritik daran wird als Angriff auf die Pressefreiheit gewertet! Eine Politikerin müsste ihr Handy zur Beweisaufnahme bei der Polizei abgeben, wenn sie aber "nachweisen" kann, dass sie auch Bloggerin - also Journalistin? - ist, ist allein schon der Versuch beinahe eine Sondersitzung des Nationalrates wert ... Die Verfassungsrichter hingegen sehen nur die juristische Einwandfreiheit eines Gesetzes! Wenn Fehlentwicklungen, wie die Summierung der Mindestsicherung bei mehreren Kinder auf mindestens Jungakademikergehälter oder die fehlende Sprachkenntnis im Gastland keine Auswirkung auf die Vermittelbarkeit in Berufe bedeutet - dann ist eben nur der juristische Gesichtspunkt berücksichtigt! Politiker dagegen sollten die Probleme möglichst aus allen Gesichtspunkten beleuchten, dann vorausschauend, verantwortungsvoll Regierungsarbeit machen und nicht auf "wie komme ich bei den Medien an?" oder "wird mich dann noch jemand wählen?" das Hauptaugenmerk stellen. Dazu bräuchten wir die fähigsten Köpfe in der Politik. Leider tun sich das viele von ihnen wegen - siehe oben - nicht mehr an!

    Gertrude

    Lieber Heli,

    Gott sei Dank gibt es noch die freien Medien bei uns. Auch freie Meinungsäußerung ist gesetzlich erlaubt, Sie dürfen sich ja auch zu jedem Thema äußern. Politiker würden sicher gerne alles im stillen Kämmerlein abhandeln, das spielt es aber nicht mehr. Bin froh, in einem freien Land zu leben, wo die Machenschaften dieser Herren aufgedeckt werden.

      heli52

      Liebe Gertrude! Auch ich bin froh, dass es freie Medien und freie Meinungsäußerung gibt! Was ich kritisiere, ist der Umgang mit geheimen Daten und die Vorverurteilung in den Medien! Stell dir nur vor, es würde dich betreffen: Verkehrsunfall, du unschuldig, plötzlich kommt der Verdacht auf Alkoholisierung auf: Die erste Zeitung schreibt "Nach Informationen der Polizei", die zweite "wie der Kurier (Beispiel) berichtet", die dritte schon "wie mehrere Zeitungen und der ORF berichten" .... Auch wenn sich dann die vollkommene Unschuld heraus stellt, bleibt etwas zurück: "Etwas wird schon dran sein! Hat es sich die Getrude wieder gerichtet ....!" :-) Uns beiden wird es nicht passsieren, denn wir sind nicht prominent (ich zumindest), aber bei einem Politiker? Deshalb tun sich das viele (Fähige) nicht mehr an ...

milou

Die Hoffnung auf Erden, kennt selten ein Ende.

treffsicher, wie immer. Kompliment.