„Blade Runner 2049“ ist der aktuellste dystopische Kinohit in einer langen Reihe von Filmklassikern, die uns in eine weitgehend menschenleere Welt der Zukunft entführen. Foto: Sony Pictures

„Blade Runner 2049“ ist der aktuellste dystopische Kinohit in einer langen Reihe von Filmklassikern, die uns in eine weitgehend menschenleere Welt der Zukunft entführen. Foto: Sony Pictures

Leben in der Science Fiction Demokratie

Im Kampf gegen Covid-19 akzeptieren wir plötzlich Ungewöhnliches.

Hätte jemand vor einem halben Jahr vorausgesagt, dass halb Europa mit einer Ausgangssperre belegt sein würde, nahezu alle Geschäfte Österreichs für mehrere Wochen zusperren müssten und man seinen gewohnten Kaffee oder das Bier nicht mehr im Lieblingslokal trinken dürfe – wie hätte man diese Person ausgelacht. Man hätte nur den Kopf geschüttelt.

Mit der gleichen Selbstverständlichkeit sitzen wir heute zuhause, isoliert und vorsichtig, packen alte Spiele oder Bücher aus, vergleichen über soziale Medien Fotos von unserem Homeoffice und kommunizieren mit unseren Liebsten fast ausschließlich über Distanz.

Ein Alltag wie im Film

Währenddessen sind die Straßen leer. Wer jemandem begegnet, weicht großräumig aus. Manchmal sieht dies tänzerisch aus, dann huscht ein Lächeln übers Gesicht. Man grüßt einander. Hin und wieder tauscht man ein paar flüchtige und in dieser Zeit doch bedeutsame Worte mit anderen aus. Das sind die schönen Aspekte des Ganzen. Davon gibt es, so zynisch das klingt, einige. Selbst die vermeintlich sozialen Medien entpuppen sich nicht bloß als Verbreiter von Fake-News, sondern zeigen, dass wir uns um einander kümmern und letztlich doch soziale Wesen sind. Das zu sehen tröstet.

Die leeren Straßen sind allerdings noch etwas anderes: Sie scheinen wie aus einem Science Fiction-Film entrissen und erinnern fatal an dystopische Erzählungen, in denen die Menschen in einer Zukunftswelt leben, die kaum mehr Gemeinschaft zulässt. Jeder für sich. In einem von oben kontrollierten Staat. Die tägliche Fernsehübertragung der Herrschenden, die ansagen, was in nächster Zeit zu tun ist. Wir kennen das aus Filmen, von Fritz Langs Metropolis (1927) über Fahrenheit 451 (1966) bis hin zur Matrix-Trilogie (1999–2003) oder I am Legend (2007), wo es die Krankheit Masern ist, die die Menschheit fast ausrottet.

Zahllose Verordnungen – und wir nehmen sie fast dankbar an

Wer sich diese Filme jetzt nochmals anschaut, wird viel entdecken, das wir derzeit erleben. Wir warten darauf, was die Regierung verordnet und – zum Glück – hält sich ein Großteil daran. Doch schon alleine der Umstand, dass man nicht nur selbst den „Befehlen von oben“ gehorcht, sondern auch hofft, dass es andere tun, muss uns zu denken geben. Viele Diktaturen haben gezeigt, dass sie vor allem dadurch langfristig ermöglicht wurden, weil sich die Menschen daran gewöhnten und weil es letztlich recht bequem ist, wenn einem gesagt wird, wie man zu leben hat. Das beschert auch Ordnung. Die massiven Gefahren, die dahinter stecken, muss man nicht erwähnen, jeder kennt sie aus dem Geschichtsunterricht.

Das bedeutet nicht, dass man sich jetzt gegen die Regierungen wenden soll, sondern einfach nur, dass wir achtsam bleiben dürfen und wach. Die Weitergabe von Telefonbewegungsdaten gehört zu den Überschreitungen, die passieren; wahrscheinlich nicht einmal böse gemeint. Sie lässt sich gut argumentieren, doch sie bleibt ein Zuviel der Kontrolle.

Die Demokratie hält das aus – solange die Bevölkerung achtsam bleibt

In Zeiten besonderer Herausforderungen ist nichts mehr selbstverständlich. Daher muss man jetzt nicht in den Widerstand gehen, aber bemerken sollte man es und sich später daran erinnern, damit die Verordnungen nicht auch dann bleiben, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Eine Demokratie hält es aus, dass man in einer Not- oder Krisensituation manche Freiheit einschränkt. Eine Zeit lang geht das gut. Eine Zeit lang eben.

Doch man darf auch ein wenig optimistisch in die Zukunft schauen. Wenn aktuell sogar der slowenische Pop-Philosoph Slavoj Žižek das Paradox bewundert, dass man Solidarität zeigt, indem man einander fernbleibt, und darin eine „metaphysische Hoffnung“ sieht, nämlich jene, dass wir nachzudenken beginnen, dann dürfen wir hoffen, dass er recht behält. Es wäre nicht das erste Mal.


Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems, analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

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7 Postings bisher
wolf_c

... jeder der Macht will hat den überragenden Führer Xi in sich ...

Genuatief

Bei allen Vorsichtsmaßnahmen sollten man bei Einkäufen auch auf die Geschäfte denken, die im Citycenter noch offen haben. Neben Bipa und Ortner hat auch die Bäckerei Trenker bis auf weiteres bis 13 Uhr geöffnet und ist über jeden Einkauf dankbar. Viele Leute bleiben aufgrund der Ausgangsregeln zu Hause oder gehen nur in ein nahegelegenes Geschäft. Also Danke für ihren Einkauf!!☺

Querkopf

... hinter deinen Ausführungen steckt ein scharfer Verstand, liebe Daniela. Das liest sich gut! Notiz am Rande: ohne die paneuropäische Idee polemisch abwerten zu wollen - spätestens jetzt müsste so manchem denkenden Bürger dämmern was der Moloch EU in der jetzigen Form wert ist...

    Daniela Ingruber

    Lieber Querkopf, die EU hat sich da leider wirklich nicht ausgezeichnet. Ich glaube allerdings, dass das an den Akteuren und weniger an der Idee eines vereinten Europas liegt.

Grisu

einmalkurzlautnachgedacht: macht es vielleicht nicht langsam mehr Sinn die gefährdeten Bevölkerungsgruppen zu schützen und den Rest der Bevölkerung wieder einem, den Umständen entsprechendem halbwegs geregelten (Arbeits)leben nachgehen zu lassen?

spitzeFeder

Ein Blick nach Ungarn - und man erkennt, was passieren kann.

Die Demokratie hält das aus – solange die Bevölkerung achtsam bleibt. Bitte liebe Bevölkerung: bleibt achtsam! 🤔

    ErnstL

    Vollkommen richtig!

    oder auch Deutschland wo sie im Öffentlichen Rechtlichen, via KIKA, die Jüngsten schon auf Ideologische Schiene bringen....