Wer sich einsperrt ist ein Lebensretter. Oder?

Vom Infizieren und infiziert werden. Alles eine Frage der Perspektive.

Während ich die Quarantäne genieße – endlich kein schlechtes Gewissen bei Schönwetter – macht mein Sohn Raphael die ganze Arbeit. Könnte schlimmer sein, denke ich mir. Hier ist sein zweiter Eintrag in unser familiäres Corona-Tagebuch. Diesmal geht es um Vertrauen – und um Ethik:

Wir brauchen heute viel Vertrauen in unsere Mitmenschen. Vertrauen, dass sie zuhause bleiben, damit das Leben möglichst bald wieder normal ablaufen kann, Vertrauen, dass uns keiner zu nahe kommt, denn wo früher ein Eindringen in die intime Zone (Radius ca. 60cm) wohl kaum mehr als eine unangenehme Gefühlsregung beim Gegenüber auslöste, lokalisiert man heute eine Straftat. Vertrauen brauchen wir auch, dass uns nicht das Klopapier vor der Nase weggekauft wird, wenn die anderen Supermarktbesucher wieder nur darauf bedacht sind, ihren eigenen Arsch zu retten.

Zum Glück scheint es so, als hätten wir die Zeiten der Hamsterkäufe überstanden. In so manch anderem Fall trägt Egoismus ja sogar zur Krisenbewältigung bei: Wer sich daheim einsperrt, um nicht infiziert zu werden, ist Lebensretter und tut damit auch seinen Dienst an der Gesellschaft. So zumindest Innenminister Nehammer.

Wer sich in diesen Tagen einsperrt ist ein Lebensretter! Foto: Aral Tasher/Unsplash

Da sind wir bei der anderen, passiven Fassung der Goldenen Regel: Was du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Ich will nicht infiziert werden, also infiziere ich niemanden. Mit der Erkenntnis, dass auch Menschen, die keine Symptome haben, Infizierte und damit Überträger sein können, wird ganz klar, dass die Goldene Regel kein ethisches Prinzip wie „Du sollst nicht töten“ ist, sondern vielmehr ein Mittel zum Zweck. Man befolgt die Goldene Regel nicht, weil man sie prinzipiell für richtig hält, sondern um ein Ziel damit zu erreichen: Nicht angesteckt werden.

Die Goldene Regel hat allerdings auch eine aktive Fassung: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst. Im Kontext mit dem Coronavirus bedeutet das: Halte andere gesund, du willst ja selbst gesund bleiben! Das Ganze geht dann so lange gut, bis einer angesteckt werden will. Der hätte dann nicht nur die Freiheit dazu, sondern sogar die ethische Pflicht, die Krankheit zu verbreiten.


Rudi Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und freier Autor – auch für dolomitenstadt.at. Sein Corona-Tagebuch erscheint während der Zeit der „Corona-Krise“ in unregelmäßigen Abständen. Wenn Rudi eine Kunstpause macht, schreibt sein Sohn Raphael Pichler fleißig ins Tagebuch. Er zählt zum jungen Dolomitenstadt-Autorenteam.

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5 Postings bisher
karlheinz

Wie ich heute aus der Kleinen Zeitung gelesen habe, gastiert voraussichtlich in der Zeit zwischen dem 3. und dem 5. Juli die Formel 1 in Spielberg auf Österreichischem Bundesgebiet. Geschätzt wird ein Publikumsaufkommen von ca 100.000 Menschen, selbstverständlich aus allen Nationen. Ich frage mich nun, ob bis dahin (3 Monate) das Corona-Virus besiegt worden ist? Wo bleiben nun die Ansichten unserer Regierung bzw. unseres Grünen Gesundheitsministers? Vor einem Jahr machte diese Partei Wirbel wegen der Umweltbelastung dieser Veranstaltung. Jetzt toleriert sie sogar eine arg wegen des Viruses menschengefährdete Massenansammlung !! Wenn unserer Bevölkerung zu Recht für Ostern die "Rute ins Fenster gestellt" wird, so frage ich mich, wer dies unseren verantwortlichen Politikern macht ? !

    unholdenbank

    Wenn am 3. - 5. Juli wirklich die Formel 1 in Spielberg gastiert, so ist jeder der 100.000 von dir angedachten Besucher selber schuld, wenn er dorthin geht. Niemand, aber auch gar niemand zwingt nur einen einzigen davon, sich der Infektionsgefahr auszusetzen. Haben wir alle schon unser Hirn beim Führer abgegeben? Und kann der grüne Gesundheitsminister das Hirn seiner Mitmenschen ersetzen? Du kannst ja den verantwortlichen Politikern die Rute ins Fenster stellen! Bei der nächsten Wahl! Aber da wählen wir, wie die Lemminge, immer wieder die gleichen Betonköpfe. Warum schweigen die Lämmer? Ein interessantes Buch von Rainer Mausfeld (ISBN978-3-86489-225-7 im Fall es dich interessiert)

todo

na dann hoffe ich mal, dass das niemand wollen will! Ich muss ja ständig abwägen, was denn jetzt das Beste ist. Also zuerst will ich ja, dass alle gesund sind oder bleiben oder im schlimmsten Fall werden. Eine recht althruistische Sichtweise wie ich denke. So und dann will ich mich laufend fortbewegen. Damit helfe ich niemandem außer mir selbst. Jemand, der jede Falte seiner Couch beim Namen nennen kann wird dies als sehr egoistisch empfinden, aber jeder, äder weiß, wie viele Stufen man den Gogg hinauf zurücklegt, der weiß auch, wie viel Nächstenliebe in meinem Drang nach Bewegung steckt!

    r.ingruber

    Die Falten meiner Couch haben mittlerweile schon mehrere Vornamen. Die Falte, auf der ich sitze, auch. Von dort aus verfolge ich am Computer ganz genau die Bilder von der Webcam auf dem Gogg. Ich weiß genau, wo Sie jetzt sind, und würden Sie keine Maske tragen, auch w e r Sie sind.

      todo

      Sie müssen sich jetzt leider eine andere Webcam suchen. Also seit heute 00:00 - danke dem Herrn LH für die Gnade, welche er uns zuteilwerden lies!