Lass eine ernste Krise nie ungenutzt verstreichen!

Man kann an einer Hexenjagd teilnehmen, Camus lesen oder die Regierungspolitik hinterfragen.

Die Antwort meiner Freundin auf den Liebesbrief bin ich seinen LeserInnen schuldig. Sie war mehr als leidenschaftlich. Wie erinnerlich, hatte ich ihr einen Kuss auf den UnterstützerInnen-Button gedrückt und sie gebeten, ihn an selbiger Stelle zu erwidern. Jetzt hat mein Bildschirm einen Knutschfleck und auf meinem Konto fehlt ein Hunderter. Daher ein dringender Appell an meine Fans: Wenn jede 50 Euro spendet, dann wäre mein Konto wieder ausgeglichen. Davor kann ich nicht weitermachen. Deshalb habe ich für heute auch den Raphael gebeten, die Seite vollzuschreiben:

Quarantäne kann auf Dauer schon langweilig werden. So langweilig, manche freuen sich sicher, dieser Tage wieder arbeiten gehen zu dürfen, war doch der Corona bedingte Zwangsurlaub bis auf wenige Ausnahmen strikt zu Hause zu verbringen. Die wenigen, die sich diesen Weisungen widersetzten, wurden schnell ungewollt Teilnehmer einer Hexenjagd. Später konnte man sich sogar dank Dolomitenstadt.at daran beteiligen, ohne das Gesetz zu brechen. Über 50.000 Aufrufe und über 70 Postings sprechen eine klare Sprache. Ein weiterer Vorteil von Corona. Wann sonst bekommt man die Gelegenheit, vom Küchentisch aus Hexen zu jagen?

Ich selbst nutze die Zeit für trivialere und langweiligere Dinge. Lesen zum Beispiel. Tagebücher lesen. Das hat nicht nur ungemeinen Unterhaltungswert, sondern kann hin und wieder sogar lehrreich sein. Viele meiner Bekannten allerdings haben beschlossen, ihren literarischen Horizont zu erweitern und sich aus gegebenem Anlass ein Exemplar von Albert Camus „Pest“ zugelegt. Bis ich selbst auf diese Idee gekommen bin, waren alle Kopien vergriffen. Macht nichts, alternativ lese ich jetzt ein Buch über den Existenzialismus, in dem ich auch über ein Zitat aus der „Pest“ gestolpert bin:

„Der Gegenwart überdrüssig, der Vergangenheit feind und ohne Zukunft, so glichen wir wahrhaft denen, die die Gerechtigkeit oder der Hass der Menschen hinter Gitterstäbe zwingt.“

Was hält uns daheim fest? Gerechtigkeit? 20 Beschwerden vor dem Verfassungsgerichtshof stellen jetzt die Gerechtigkeit hinter vier Wochen kollektiver Sicherungshaft infrage. Bevor nun einer voreilig den Schluss zieht, ich hielte die Maßnahmen für überzogen und unnötig, sei gesagt, dass ich mich an jede von der Regierung ausgegebene Weisung gehalten habe. Ja sogar mehr als das: Nicht einmal virtuell habe ich Hexen gejagt. Allerdings lässt der Nachname Pichler zu, hier eine verwandtschaftliche Verbindung hineinzuinterpretieren; dem widerspreche ich jedoch entschieden. Dennoch muss es immer erlaubt sein, derart weit in das Leben der Bevölkerung eingreifende Maßnahmen zu hinterfragen.

Um zu erkennen, was passiert, wenn man das nicht mehr darf, müssen wir nicht einmal einen Blick in die Geschichtsbücher werfen, sondern lediglich ein wenig gen Osten schauen. Da bin ich ja froh, dass Ungarn nicht mehr zu Österreich gehört. Mit Gerechtigkeit hat das, was dort passiert, nämlich nichts mehr zu tun. Dennoch wagt es der Österreichische Bundeskanzler nicht, Orban zu kritisieren. Selbst bezeichnet er die Bedenken, die Rechtswissenschaftler und Datenschützer im eigenen Land äußern, als „juristische Spitzfindigkeiten“. Passend dazu ein Winston Churchill zugeschriebenes Zitat: „Lass eine ernste Krise nie ungenutzt verstreichen.“

Diese Herren haben trotz Mundschutz viel zu sagen. Verfassung hin oder her. Gezeichnet hat sie Andreas Brunner, Künstler der Kunstwerkstatt Lienz.

Rudi Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und freier Autor – auch für dolomitenstadt.at. Sein Corona-Tagebuch erscheint während der Zeit der „Corona-Krise“ in unregelmäßigen Abständen. Wenn Rudi eine Kunstpause macht, schreibt sein Sohn Raphael Pichler fleißig ins Tagebuch. Er zählt zum jungen Dolomitenstadt-Autorenteam.

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4 Postings bisher
aenda

Kogler, Kurz und Anschober nach der Lektüre von Camus existentiell genauso verunsichert wie verunsichernd. Ich kann beim besten Willen nichts von Kunst erkennen, außer vielleicht Anschobers BH.

osttirodler

Wenn ich wüsste was Kunst ist, würde ich es für mich behalten.