Wer ist „Mareigl“ und warum interessiert uns das überhaupt?

Was Sie auf Schloss Bruck nicht zu sehen und im Stadtbuch Lienz nicht zu lesen bekommen!

Entdeckungen sind privilegierte Momente im Leben des Forschers und in der Regel so selten, dass er sie nicht wie einen Schatz hütet, sondern mit anderen teilt. Geteilte Freude ist in diesem Fall vielfache Freude und der selten gewordenen Idealisten einziger Lohn. Dieser wird investiert in die Bildung von Theorien, die aber so beschaffen sein müssen, dass sie von anderen widerlegt werden können. Natürlich ist manchmal ein Korn auch für blinde Hühner zu finden, aber der Mann, um den es hier geht, war für sein scharfes Auge bekannt.

Hans Semper, Kunsthistoriker und Sohn des Erbauers des Kaiserforums in Wien, des Burgtheaters und der Dresdener Oper, war 1903 bei seiner Erforschung des Hochaltars von Heiligenblut auf die in den 1730er Jahren verfasste Notiz des Sagritzer Pfarrers G. A. Aicher von Aichenegg gestoßen, die besagt, dass die äußeren Altarflügel im geschlossenen Zustand während der Fastenzeit und im Advent „die allerschönsten Figuren von einem vornehmen Künstler Namens Simon Mareigl zu Dässten (Taisten) im Gericht Welsberg“ enthielten.

Die Zuschreibung der übrigen Tafeln – schließlich besitzt der Altar vier jeweils vorn und hinten mit Bildern verzierte Flügel – gelang Semper durch seinen aus dem Gedächtnis gezogenen Vergleich mit einem Marienaltar in Schloss Schleißheim (heute in der Alten Pinakothek München), den sein Verfasser mit den Buchstaben M. R. signiert hatte. „Wie ein Blitz durchzuckte mich die Vermutung: Sollte jener Pfarrer aus dem 17. Jahrhundert sich nicht bei seiner Angabe über den Meister der Bilder des Heiligenbluter Altars, die sich offenbar auf irgend eine Urkunde stützte, getäuscht haben? Sollte vielleicht von Simon von Taisten und Marx Reichlich die Rede gewesen sein und er diesen letzteren Namen schlecht gelesen und als Beinamen des Simon aufgefasst haben? Wie leicht konnte so aus Marx Reichlich: ,Mareigl‘ entstanden sein!“

„Mal mir den Himmel“ nennt sich auch heuer jene Ausstellung auf Schloss Buck, die Einblick in Leben und Arbeit des Simon von Taisten gibt. Kern der Schau sind wie immer die spätgotischen Fresken in der Schlosskapelle. Doch stammt alles, was dem Meister zugeschrieben wird, auch wirklich von ihm? Foto: Wolfgang C. Retter

30 Jahre später war Heinrich Waschgler mit einer „viel natürlicheren Erklärung“ zur Stelle, die Sempers Konstrukt im kulturellen Gedächtnis der heimischen Expertinnen und Experten pulverisierte: „Mareigl“ sei gleichsam die lautschriftliche Version von „Marenkl“, Simons Familiennamen, der von dem unweit der Taistener St. Georgs Kirche gelegenen Marenklhof stamme. Ein Kärntner wie Pfarrer Aicher von Aichenegg habe das harte Pustertaler „k“ eben wie ein doppeltes „g“ ausgesprochen und das „e“ durch ein angehängtes „i“ in die Länge gezogen! Allerdings war er nicht nur Kärntner, sondern Mölltaler aus Winklern. Man darf eine entsprechende Modulation von Marenkl daher wie „Ma-Hreigl“ mit bitter gerolltem „r“ ausprobieren. Klingt einleuchtend, oder?

Auf jeden Fall einleuchtender als „Mörönkl“, wie der aus Dresden gebürtige Semper artikuliert hätte. Und dann auch noch Marx! Vielleicht glaubte man dem aus Oberrasen stammenden Kunsthistoriker Waschgler aber schlicht deshalb, weil er als Kooperator in Lienz und Innervillgraten quasi als Einheimischer gelten durfte. Umso mehr, als sein mittlerer Bruder, Lehrer und Bezirksschulinspektor in Lienz, Maler, Kunstkritiker und Schriftleiter der Osttiroler Heimatblätter, das regionale Kulturverständnis ein halbes Jahrhundert lang mitbestimmt hat. Einer älteren Generation wird Hans Waschgler auch durch die gewagten Manöver mit seinem VW Käfer in Erinnerung sein, bei denen er beispielsweise auf der Geraden zwischen Jungbrunn und Lavant ohne mit der Wimper zu zucken den zweiten Gang eingelegt hat.

Sempers Identifizierung des Hauptmeisters der Gemälde am Heiligenbluter Altar mit Marx Reichlich hat bis heute Bestand. Die Identifizierung Simons von Taisten mit einem Spross des Marenklhofs, der heute mit fünf Appartements für Urlaub am Bauernhof wirbt, aber auch. Also die wissenschaftliche und die touristische Deutung des Namens „Mareigl“. Das Museum Schloss Bruck zeigt heuer zum dritten Mal mir den Himmel, eine Ausstellung, welche seit 2018 die überwiegend durch Simon von Taisten bemalte Kapelle zum Gegenstand hat. Man darf gespannt sein, welche der beiden Versionen den Gästen erzählt wird, und noch gespannter, für welche sich die beiden Autoren des Lienzer Stadtbuchs am Ende des Jahres entscheiden.


Nach dem dramatischen – oder doch dramaturgischen? – Abgang von Rudi Ingruber auf der Fahrt nach St. Corona sind seine Tagebucheinträge zwar Geschichte, doch die Dolomitenstadt-Community kann aufatmen. Unser pointiertester Autor hat den literarischen Absturz überlebt und spitzt neuerlich den Bleistift. Diesmal kritzelt Rudi nicht in sein Tagebuch, sondern an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“. Das Motto dieser neuen Serie kennen Sie bereits: „Was Sie auf Schloss Bruck nicht zu sehen und im Stadtbuch Lienz nicht zu lesen bekommen!“ Viel Spaß!

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8 Postings bisher
Maron

Die And.s bis Piz.s werden eine Freude haben, oder den Herrn Rudi zitieren – vor dem Umbruch.

    r.ingruber

    Den Herrn Rudi vielleicht nicht, aber dolomitenstadt.at, die in Sachen Kunst und Kultur die OHBl längst überholt hat.

      Maron

      Stimmt absolut! Aber Herr Rudi ist Teil beider Medien und so doch auch schon länger Teil von Zitaten ...

aenda

Jetzt wissen wir: mit einem VW Käfer war Herr Rudi nicht unterwegs nach St. Corona, Gott sei dank, das wäre wohl nicht so gut ausgegangen. Und im zweiten Gang schon gar nicht, da wäre er jetzt noch unterwegs. Fairerweise muss man dazusagen, die Gänge bei diesen Autos waren schwer zu finden, das verlangte beherztes Zupacken und das Einlegen des Rückwärtsgangs obendrein noch extra Topspin.

    r.ingruber

    Ja, und man konnte damit auch Kühe erschrecken!

    vielleserin

    Die Frage ist nur, was gehört in einen Käfer??

todo

Die Trauer war groß nach dem plötzlichen Ende der Coronatagebücher aber jetzt ist die Freude umso größer.

Rrose Selavdottir

Danke für diese detektivische und amüsante Recherche. Was kann ein Text Schöneres tun, als neugierig und Lust auf mehr zu machen?