Was Ungläubige wissen und Unwissende glauben

Die „leibliche Aufnahme Marias in den Himmel“ sorgt seit dem Mittelalter für Diskussionen.

Nachdem Maria gestorben war und Jesus ihre Seele in den Himmel gebracht hatte, trugen die Zwölf Apostel ihren Leichnam in das Tal Josaphat vor den Toren Jerusalems. Und da liegt sie jetzt, in dem Bild auf Schloss Bruck. Wie es weitergeht, verrät uns Simon von Taisten in einem sehr ähnlichen Fresko in der Wallfahrtskirche von Obermauern. Drei Tage lang halten die Apostel ihre Totenwache, ehe Christus persönlich erscheint und den mit der Seele wiedervereinten Leib seiner Mutter zu sich in den Himmel aufnimmt und zur Königin krönt.

Während das Sterben Marias Ende des 15. Jahrhunderts Gegenstand unzähliger Darstellungen war, wurde ihre Bestattung und Himmelfahrt nur sehr selten thematisiert. Selbst Michael Pacher wagte es in seinem berühmten Altar von St. Wolfgang noch nicht, die Gottesmutter in ihrer vollen Körperlichkeit wiederzugeben. Erst Simon von Taisten deutet das Vorbild seines berühmten Landsmannes wenige Jahre später als „leibliche Aufnahme Marias in den Himmel“.

Das Ereignis steht nicht in der Bibel, im Gegenteil. Schon früh hatte die Kirche einen entsprechenden Bericht aus dem 5. Jahrhundert als historisch unglaubwürdig klassifiziert und ihn zeitweise sogar auf eine Art Index verbotener Bücher gesetzt. Das hinderte die Gläubigen aber nicht, des Sterbens und der Himmelfahrt Marias besonders ab dem Spätmittelalter verstärkt zu gedenken. Jakobus von Varagine, der Erzbischof von Genua, widmete ihnen sogar eines der ausführlichsten Kapitel seiner um 1260 verfassten Legenda Aurea.

Während das Sterben Marias Ende des 15. Jahrhunderts Gegenstand unzähliger Darstellungen war, wurde ihre Bestattung und Himmelfahrt nur sehr selten thematisiert – zum Beispiel von Simon von Taisten in der Kirche von Obermauern. Foto: Wolfgang C. Retter

Marias leibliche Aufnahme in den Himmel wurde von Pius XII. zu Allerheiligen 1950 zum Dogma erhoben. Schon im Vorfeld des unfehlbaren päpstlichen Aktes ließ innerkatholische Kritik, besonders aus Deutschland, nicht auf sich warten. Man wollte das Gespräch mit Protestanten nicht gefährden, hatte doch bereits Martin Luther die Absicht einer für ihn vollkommen verkehrten Marienverehrung erkannt: „Nun haben Pfaffen und Mönche der Weiber Ehr herfür ziehen wollen und Mariam so hoch erhebt, dass sie uns eine Göttin aus dieser demütigen Dienerin gemacht haben.“

Und da soll noch einer behaupten, die katholische Kirche sei frauenfeindlich. Trotz aller Einwände stimmten von den 1181 dazu befragten Bischöfen weltweit nur 22 gegen das Dogma. Und da soll noch einer behaupten, die katholische Kirche sei undemokratisch. Der 70. Geburtstag des Dogmas fällt allerdings auf ein Datum, das den Stoff für noch ganz andere Behauptungen liefert: Warum ist unter allen Heiligen Maria die einzige, die mit der Auferstehung nicht bis zum Jüngsten Tag warten muss? Das Privileg hängt mit einem weiteren Dogma zusammen und einem Feiertag, an dem Katholiken und Nichtkatholiken sich gegenseitig mit dem Argument der „Unbefleckten Empfängnis“ totschlagen. Während man den einen den Irrglauben unterstellt, dass menschliche Fortpflanzung der konservativen Art Flecken macht, wirft man den anderen ihre Unwissenheit an den Kopf: Maria empfing an diesem Tag nicht, sie wurde empfangen. Durch einen Kuss!

Aufklärung und Mythos geraten hier aneinander. Ziel der Aufklärung ist es, die Natur nicht durch die Willkür des Übernatürlichen, sondern durch die Vernunft zu erklären um, so Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, „von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen“. Der Konflikt wird jedoch weiterbestehen, solange es weder der säkularen Gesellschaft noch der katholischen Kirche gelingt, von den Herren die Furcht zu nehmen und sie als Menschen einzusetzen. Genau das aber wäre die Botschaft des christlichen Glaubens.

„Eigentlich sollte es eine Voraussetzung sein, dass man zum Beispiel weiß, dass man vom Küssen nicht schwanger werden kann. Und doch denken noch viele Jugendliche eben dieses, wie ‚Bravos‘ Kummerkasten Dr. Sommer beweist. Das allein wäre ja nicht so schlimm, aber leider kommt es durch mangelndes Verhütungswissen immer häufiger zu Schwangerschaften bei Jugendlichen“, hieß es im Hamburger Abendblatt vom 27.02.2004, in Erinnerung an 35 Jahre Aufklärung im deutschen Sprachraum.

Gleichviel, was Ungläubige wissen oder Unwissende glauben, seither hat sich vieles grundlegend geändert. Verhütet wird heute durch Social Distancing, und den Hut setzt man nicht auf die Stange, sondern bindet ihn vor das Gesicht. Adorno und Horkheimer glaubten zu wissen, dass die Befreiung aus der Herrschaft der Natur unweigerlich in die Unterdrückung durch das herrschende System führen muss. Das Projekt der Aufklärung ist – wieder einmal – auf die Zielgerade gebogen.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Während des Lockdowns hielt uns sein Corona-Tagebuch bei Laune, doch mittlerweile kritzelt Rudi seine Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“. Das Motto dieser neuen Serie: „Was Sie auf Schloss Bruck nicht zu sehen und im Stadtbuch Lienz nicht zu lesen bekommen!“ Viel Spaß!

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10 Postings bisher
vielleserin

Wir sollten uns hüten vor schlecht maskierten Fratzen und Spaltung und Hetze aufgeklärt gegenübertreten.

Lienzner7

Dass soetwas bis heute für Diskussionen sorgt, ist doch perse schon traurig genug. Gibt es nicht wichtigere, reale Probleme?

    aenda

    Was meinen? Gleichberechtigung, Aufklärung, Bildung, Kultur?

    Raphael Pichler

    Was sind denn Ihrer Meinung nach die wichtigeren Probleme, über die hier zu lesen sein sollte. Die Förderung privater Glasfaser-Anschlüsse? 17 Kilometer Stau in Richtung Kroatien? Oder sind es die gefährlichen E-Bikes? Obwohl...als LienzNer sorgen Sie sich sicher am meisten um die 9:1 Niederlage gegen Matrei.

      Lienzner7

      Bitte nicht falsch verstehen. Es geht mir lediglich um den Aufhänger "Maria im Himmer oder nicht". Wenn wir offenbar immer noch Probleme mit der Gleichberechtigung haben, dann bitte mit weltlichen Beispielen beschreiben.

aenda

1181 zu 22 ist ungefähr so demokratisch wie die 80 Prozent in Weißrussland...

amRande

"Randnotiz" ist für Rudis Analysen gehörig untertrieben. Er ist nicht nur ein profunder Kunst- und Kulturwissenschaftler, man möchte - so wie in diesem Beitrag - meinen, er sei auch Theologe. Dem es gelingt, selbst religiös brisanten Fettnäpfchen das Fett zu entziehen, um schlussendlich den bloßen Napf in all seiner vielfältigen (und durchaus streitbaren) Interpretation glaubhaft und verständlich darzustellen. Großes Kompliment!

boarium

Eine wunderbare Ergänzung und Erläuterung zu einem Besuch der Kapelle auf Schloss Bruck oder in Obermauern - quasi die Sprechblase zu den mittelalterlichen Bilderbüchern an den Wänden, die wir so oft nicht (mehr) lesen können...