Handgreiflichkeiten bei Corona-Protesten in Neapel. Wie vermeidet man Frust und Ausschreitungen? Foto: Expa/Alessandro Pone

Handgreiflichkeiten bei Corona-Protesten in Neapel. Wie vermeidet man Frust und Ausschreitungen? Foto: Expa/Alessandro Pone

Steigende Wut führt selten zu Gutem

Nicht nur die Regierung muss jetzt handeln, sondern auch die Bevölkerung.

Schuld ist im Volksmund immer die Politik. Mal ist sie an sich böse, mal gelten die PolitikerInnen als unfähig, ein anderes Mal sind es dunkle Mächte sowie Großunternehmer, denen die Regierenden ausgeliefert sind oder sich willfährig unterwerfen. Die Erzählungen dazu variieren. Das Opfer hingegen ist stets klar: die Bevölkerung.

Da Österreich keine Protestgeschichte mit rebellischen Usancen besitzt, sind die Stammtische sowie die digitalen Medien jene Orte, wo sich der Ärger am leichtesten ausleben lässt. Hier kann ungebremst geschimpft, aber auch über die Situation gelacht werden. Man kann die eigene Ohnmacht ebenso beklagen, wie die Allmacht der anderen.

Schimpfen als Konfliktbearbeitung

Das mag feige klingen, doch hat es reinigende Wirkung. Dampf abzulassen bildet einen wesentlichen Schritt von Konfliktbearbeitungsstrategien. Es ist ein Schritt von vielen und die meisten sind nicht besonders kompliziert. Erstaunlich wirkt derzeit nur, wie wenig von offizieller Seite auf Konflikttransformation zugegriffen wird. Dabei müssten alle Alarmglocken schrillen, denn es zeichnet sich ab: Das Schimpfen am Stammtisch könnte bald zuwenig wirksam sein. Acht Monate, in denen alles dem einen Thema unterworfen wurde. Das hat Folgen für die Wirtschaft, die Demokratie, die Psyche.

Ein Teil der Bevölkerung zieht sich völlig zurück in die Angst vor Ansteckung, vor Jobverlust, Verarmung und vor der Zukunft. Ein anderer Teil wird zunehmend zornig und hat das Wesentliche verloren, das eine Demokratie zusammenhält: das Vertrauen darin, dass jene, die Maßnahmen treffen und verlautbaren, das Beste für die Bevölkerung versuchen. Gemeint sind damit Politik, Medien sowie internationale Organisationen.

Die Regierung kann etwas tun

Steigende Wut in der Bevölkerung gehört zu den verstörendsten politischen Entwicklungen und führt selten zu Gutem. Die Regierung müsste das wissen. Ständig neue Einschränkungen in den Alltag zu verkünden, ohne einen Plan, der weiter geht als ein paar Tage, muss zu Vertrauensverlust, Zorn oder Abwendung führen. Dass seit Kurzem auch die Landesregierungen unterschiedlich agieren und dabei ebensowenig erklären, bringt zusätzliche Verwirrung und viel Unverständnis mit sich. So bleibt Raum für Gerüchte über längst geplante Lockdowns, über DNA-Sammlung, die eigentlich hinter den Coronatests stecke und über Zwangsimpfungen, die uns alle in kleine Dummies oder Reptilien verwandeln sollen. Die Gerüchte verbreiten sich schneller als die Pandemie, und mit ihnen unterschwellige, verständliche Aggression.

Dieser negativen Stimmung wäre die Regierung nicht ausgeliefert. Sie könnte langsam aufhören, die BürgerInnen wie kleine Kinder zu behandeln. Denn dies, so weiß jeder Pädagoge, führt zu Trotz. Trotzreaktionen wiederum schalten die Vernunft aus – auch zum eigenen Schaden. Das ist in Zeiten steigender Infektionszahlen wenig sinnvoll.

Das Bild des Unvorbereitetseins umdrehen

So gesehen ist das Drama nicht das Eintreten der Vorhersage einer zweiten Welle, sondern das Bild des Unvorbereitetseins, das die Bundesregierung ebenso wie einige Landesregierungen demonstrieren. Nicht zuletzt deswegen steigt die Corona-Müdigkeit der Bevölkerung so, dass die Macht der Verordnungen wankt.

Es bleibt offensichtlich, dass zumindest Teile der Regierung(en) bemüht sind, diese Phase im Sinne des Landes und der Bevölkerung zu bewältigen, während ebenso sichtbar wird, dass die Krise auch benützt wird. Das geht von zunehmender Überwachung bis zur langsamen Gewöhnung an eine dystopische Demokratie, in der Kommunikation nur noch von oben nach unten funktioniert und den BürgerInnen lediglich das Hinnehmen und Gehorchen bleiben.

Was die Bevölkerung tun kann

Für die Bevölkerung sollte das heißen, Eigenverantwortung auf andere Art zu übernehmen, als sie derzeit diskutiert wird. Weil Eigenverantwortung ist nicht nur die Entscheidung, ob ich eine Maske tragen will oder nicht. Vielmehr bedeutet sie, gegen den eigenen Trotz anzukämpfen und mitzudenken.

Aggression gegen die Regierung und gegeneinander hilft nicht, sondern Solidarität mit denen, die ihre Kraft verlieren, die psychisch nicht mehr weiterwissen oder finanziell am Ende sind. Man kann regional einkaufen, man kann seine Mitmenschen fragen, wie es ihnen geht und man kann von seinen politischen VertreterInnen (im Parlament ebenso wie in Institutionen) verlangen, dass sie sich aus der Abhängigkeit ihrer Zuflüsterer bewegen, um die notwendigen Maßnahmen so zu entwickeln, dass sie jene schützen, die wirklich Schutz brauchen und dafür nicht das gesamte Land und darüber hinaus zu Gefangenen ohne Hoffnung machen.


Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems, analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

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16 Postings bisher
wolf_c

ich vertraue meinem hausarzt und der hat eine eindeutige meinung

Sonnenstrahl

@S-c-r-AT... ist schon a Trauerspiel, wenn man sich gar nimmer auskennt (hab echt Mitgefühl) - weder mit dem ganzen Wahnsinn da draußen (da kennt sich definitiv auch niemand wirklich aus), und noch viel weniger mit den fürchterlichen Gegebenheiten nach innen (da wären wir selbst ganz persönlich gefragt)... da hilft wohl nur noch FLUCHT!!! 😷 Wir können uns zu Tode diskutieren, wer recht oder unrecht ... in echt geht es um uns selbst! Sie und ich - wir werden uns früher oder später entscheiden müssen für oder gegen das Leben mit all seinen Facetten... und hoffentlich wird uns Covid nicht schon vorher grob erwischt haben ...😉

Bergzeit

@Sonnenstrahl denke nicht das wir uns unbedingt Schweden als "Vorbild" nehmen sollten. Schweden hat ca. 10,2 Mio Einwohner , Österreich ca. 8,8 Mio. In Schweden gab es seit Februar 2020 offiziell knapp 6.000 Covid Tote und in Österreich knapp 1.000.

Man kann nur kranke und gefärdete Personen schützen, wenn wir uns alle schützen. Das Virus macht keinen Unterschied ob jemand krank, gefährdet oder jung und gesund ist. Anstecken können wir uns alle wenn wir nicht achtsam sind.

    Sonnenstrahl

    Warum sollten wir uns Schweden nicht als Vorbild nehmen, schließlich erwähnen einige namhafte Virologen und Infektiologen (darunter auch Professor Allerberger von der ARGES) Schweden mehrmals als beachtenswertes Beispiel. Die Schweden hatten im Frühjahr hohe Sterbezahlen, ja das stimmt. Aber sie haben mittlerweile auch in Erfahrung gebracht, woran das lag. Fälschlicherweise haben sie Kranke zusammengetan, was sich im Nachhinein als fataler Fehler herausgestellt hat. Dafür hat man sich dort aber auch beim Volk entschuldigt.

    Und ja, anstecken können wir uns alle (laut Allerberger gibt es sogar stichhaltige Belege, dass sich ein Gefängnismitarbeiter trotz durchgehendem Tragen von Maske und Schutzbrille infiziert hat - nachhörbar über Ö3, Frühstück bei mir von gestern, Minute 9,50).

    Aber auch eigenverantwortlich vorsorgen und unser Immunsystem auf Vordermann bringen können wir alle. Das wird schlussendlich ausschlaggebend dafür sein, wie wir eine allfällige Infektion gut überstehen.

      S-c-r-AT

      Allerberger hat gestern ein paar Sätze getätigt, die Wasser auf den Mühlen der Coronaskeptiker sind. Leider werden seine warnenden Worte gerne überhört. Auch er sieht das ganze weder harmlos noch rosig. Sie picken sich hier jemanden raus, der das sagte, was Sie hören wollten.

      Man hat sich beim schwedischen Volk entschuldigt. Sorry, aber das ist wirklich der denkwürdigste Satz, den ich je gehört habe. Man entschuldigt sich mal schnell für tausende Tote, weil man da Fehler gemacht hat. Alles halb so schlimm.... Vielleicht entschuldigt sich demnächst ein Alko-Lenker, er hat ja nur einen Fehler gemacht.

      Dieser Gefängnismitarbeitet hat wahrscheinlich auch im Privatleben durchgehend Maske und Brille getragen.....

      Die Schweden laufen auch grad in eine 2. Welle. Mal schauen, ob sie an ihrem alten Weg festhalten. Dass dort bis heute strengere Regeln in Altersheimen gelten als bei uns, wird gerne verschwiegen. Dass der Staatsepidemiologe Tengell selbst erklärte, er würde diesen Weg nicht mehr wählen,...... er hat das dann allerdings wieder revidiert, wird nicht erwähnt.

      Inzwischen scheint alles wichtiger zu sein, als das verfrühte Ableben von Menschen zu verhindern. "Sind ja nur Alte und Kranke". Ob man das noch so sieht, wenn einer dieser Alten und Kranken aus dem eigenen Umfeld verstirbt? Hauptsache, man braucht sich nicht mehr einzuschränken, alles andere ist wegdiskutierbar. Diese Einstellung stimmt mich nachdenklich.

      Bis jetzt sind 1,3 Mio Menschen an dem Virus gestorben. Von harmlos keine Rede!

Denksport

Klar macht sich Resignation breit und bei manchen Wut, denn scheinbar waren die gesellschaftlichen, kulturellen und finanziellen Einschränkungen für die Katz. Dieses "Hü" und "Hott" ist nicht nachvollziehbar. Im Sommer etwas "Hü", damit der Tourismus und die Wirtschaft ein wenig leben kann, jetzt wieder "Ho- ho- hott", was wie auf Knopfdruck mit einer in die Höhe schnellenden Zahl an Testungen und positiven Ergebnissen herbeigeführt wird. Nie werden die Zahlen bereinigt um die Falsch-Positiven, nie die Anzahl der Symptomlosen, der in häuslicher Behandlung Befindlichen, der Altersgruppen, usw. genannt. Stattdessen trommelt man weiter Angst in die Bevölkerung mit verunsichernden Aussagen über mögliche Übertragungsarten, Ansteckungsdauer, Infektionsorte, Immunitäts-Dauer, Langzeitschäden, usw. Über der alles rettenden Impfung stehen genau so viele Fragezeichen. Wie soll man sich da noch auf die kommenden Monate freuen und POSITIV bleiben?

Nickname

Politiker haben bei der 1 Welle stark übertrieben und die Bevölkerung fühlt sich belogen, ist das etwa nicht normall? :) das Problem ist, die Politiker tun wieder dasselbe, Panikmache und nichts konkretes, die Darstellung der Information ist mangelhaft und ja, das funktioniert nicht

    Bergzeit

    Wieso wissen sie dass bei der 1 Welle stark übertrieben wurde? Waren/sind Ihnen in Österreich zu wenig infiziert? ...zu wenig in den Intensivstationen? ...zu wenig gestorben? Oder sind sie Extrapolation Experte mit Fachgebiet Virologie?

    @Nickname: "Bei einer stark befahrenen Kreuzung stellt man auch eine Verkehrsampel auf damit keine Unfälle passieren. Wenn dann keine Unfälle passiert sind, sagen sie dann auch die Ampel hätte man sich sparen können?" (die Ampel stellt lediglich eine Metapher da und ist nicht in Bezug mit der Coronaampel zu sehen)

      Nickname

      die Menschen sterben mit Corona, an Corona und meistens auch ganz ohne Corona.. war schon immer so. Selbst Corona ist nicht so neu.. vor ein Paar tagen war es grob gesagt auf 20k+ Infizierten 175 Intensivbetten belegt. was soll man noch mehr sagen?

      Sonnenstrahl

      Bergzeit - gscheiter als eine Ampel aufstellen hat sich mittlerweile ein fließender Kreisverkehr entpuppt😉. Vielleicht sollten wir in der Coronageschichte auch eher - so wie die Schweden - an Eigenverantwortung mit groben Rahmenbedingungen appelieren, damit ein möglichst normales (fließendes) Leben gewährleistet sein kann. Natürlich gehören kranke und gefährdete Personen entsprechend geschützt, dem allgemeinen "Verkehr" demnach nicht ausgesetzt. Aber das ist, denke ich, auch normal (zumindest war das in Zeiten, wo wir "nur" die Grippe kannten, auch schon so üblich).

    nikolaus

    Es gab keine "1. Welle" - das war eher ein "Sturm im Wasserglas" (siehe Statistiken).

      Nickname

      nikolaus, das war Corona, Episode 1 😀

      Bergzeit

      Was wäre Ihrer Meinung nach eine 1. Welle gewesen?

      nikolaus

      @ Bergzeit:

      Bergamo und Umgebung: schlechte Luft, Leiharbeiter in billigsten Unterkünften, schlechte Krankenhaushygiene, zu Tode gespartes Gesundheitssystem, falsches Management in Altenheimen, hysterische Presse ...

      All das hatten/haben wir nicht bzw. nicht in diesem Ausmaß - bis vielleicht auf die PRESSE, die sich selbst wortwörtlich nimmt und sehr viel Druck erzeugt, so wie es eine (Saft-, Öl- usw.) Presse eben tut ...

genaugenommen

ich würde noch einen punkt hizufügen: beim einkaufen nicht immer die ganze familie ins geschäft mitnehmen!!!

    Nickname

    sollen die Kinder draussen bleiben? 😂🤷‍♀️ ausserdem es war schon öfters gesagt, die Ansteckungen sind in Supermärkten selten wie nie