Terrorismus will Ohnmacht erzeugen

Er gewinnt nur, wenn man als Reaktion Freiheiten, Ethik und Offenheit opfert.

Man fühlt sich so lange sicher, bis etwas geschieht, das die Gewissheiten des Alltags durcheinanderwirbelt. Das Jahr 2020 hat bereits viele solcher Selbstverständlichkeiten verändert. Immer wieder hieß es, man solle in der Krise zusammenhalten. Seit dem Abend des 2. November bekommt diese Aufforderung noch mehr Bedeutung, denn den Schock nach einem Terroranschlag kann man kaum alleine verarbeiten.

Wir werden lernen müssen, mit dieser Erinnerung zu leben – das bedeutet auch zu lernen, mit der Wut, der Verunsicherung, der Angst umzugehen. Man kann über Stunden oder Tage die Medienberichterstattung verfolgen, nach Informationen suchen und wird dennoch nie ausreichend Antworten erhalten, weil der Akt an sich unverständlich bleibt und gar nichts erklären, sondern das gesellschaftliche Miteinander zerreißen will.

Angriff in einer Zeit der Schwäche

Kühl betrachtet, hat der Täter den richtigen Moment gewählt. In die Corona-Müdigkeit haben sich längst Depression und Ärger gemischt. Gestern aber, an jenem letzten Abend vor dem Lockdown, an dem selbst die Temperaturen mitspielten und noch einmal das Gefühl eines schönen Spätsommers zurückbrachten, waren wir besonders verletzlich. Wir saßen zusammen, wollten noch einmal jene Dinge tun, die Gemütlichkeit und Normalität verbreiten. Es war ein Moment, in dem Lebensfreude im Vordergrund stand. Vorsicht und Zweifel sollten kurz ruhen, ehe man in ein Monat der Stille geht.

Es war jener Moment, in dem man Schutzmechanismen abgesehen von Maske und Abstand ablegte. Die Angriffe schlugen in diesem Moment zu. Die Ähnlichkeit zu den Anschlägen in Paris vom 13. November 2015 liegt auf der Hand. Doch Terrorismus hat immer schon mit den gleichen Mitteln funktioniert.

Die Methoden des Terrorismus sind alt

Vor 2000 Jahren erstachen manche Sikarier (auch Zeloten genannt), im öffentlichen Raum, wen sie als Mitläufer oder Verräter sahen. Sie schoben Religion als Motiv vor, kämpften aber de facto für politische Ziele. Diese Elemente sind bis heute bekannt: Im Terrorismus erhebt sich jemand oder eine Gruppe über alle anderen und bestimmt, wer es wert ist zu leben und wer nicht. Manchmal wird gezielt getötet, andere Male, wie diesmal in Wien, wurden die Opfer zufällig gewählt, weil sie gerade da waren.

Darin liegt der eigentliche Terror, im Gefühl, dass man nirgendwo und nie (wieder) sicher ist. In Israel ist dies trauriger Alltag. In Österreich wähnte man sich in Sicherheit, obwohl immer klar war, dass es Österreich ebenso treffen könnte. Folge des Terrorismus ist nicht nur der wörtliche Schrecken. Langfristig einschüchternder sind das Gefühl der Unsicherheit, der Kontrollverlust und leider auch die Gefahr des Hasses.

Wut als Reaktion ist verständlich. Ebenso wie jener Knoten in der Brust, der sich kaum aufzulösen vermag, weil die Beklemmung, der Schmerz und die Trauer so tief sitzen.

Jetzt miteinander reden

Es werden nun Stimmen laut werden, die aus dem Entsetzen (politisches) Kapital zu schlagen versuchen. Es wird im Öffentlichen Raum mehr kontrolliert werden und völlig natürlich wird auch die Reaktion sein, ein wenig skeptischer zu werden. All das gehört zum Plan des Terrorismus. So entsetzlich es ist, dass Menschen ermordet wurden, man würde terroristischen Gruppen wie dem Islamischen Staat in die Hände spielen, wenn man demokratische und humanistische Werte, Offenheit und den Respekt vor anderen nun aufgäbe.

Terrorismus lässt niemals eine Wahl. Man kann seinen Emotionen nachgeben, in Angst, Ohnmacht und Wut versinken. Doch dann haben der Täter und alle, die sich hinter ihm verstecken, gewonnen. So haben wir letztlich keine andere Wahl als Rachegefühle beiseite zu legen und stattdessen weiterzumachen, zusammenzuhalten und in diesen Zusammenhalt verstärkt jene zu involvieren, die man bisher übersehen hat.

Aber wir dürfen und sollen jetzt auch innehalten, trauern und vor allem darüber sprechen und einander zuhören, denn im Schweigen werden Schock und Trauer nicht weggehen.

Kranzniederlegung im Gedenken an die Opfer. Immer wieder heißt es, man soll in der Krise zusammenhalten. Seit dem Abend des 2. November bekommt diese Aufforderung noch mehr Bedeutung. Foto: Expa/Schrötter

Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems, analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

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Kiew

Liebe Daniela! Danke für diesen so treffenden Artikel!