Haltung ist gefragt – wie im Himmel so auf Erden

Mit staatsbürgerlichem Brav- und Fleißigsein ist da noch nichts getan.

„Ich sehe eher für Christen die Notwendigkeit, noch mehr und selbstbewusster über ihre christlichen Werte zu sprechen und die eigenen Kenntnisse ihrer Religion zu vertiefen.“ Das sagte die deutsche Bundeskanzlerin, nach dem Pariser Terroranschlag im Januar 2015 auf die Gefahr einer Islamisierung Europas befragt. „Jeder sollte sich selbst fragen, was er zur Stärkung der eigenen Identität tun kann.“ Angela Merkel ist die Tochter eines protestantischen Theologen. Selbst Hardliner unter den Katholiken gestehen, dass die Bibelkundigen in ihren Reihen wohl in der Minderheit sind und die Protestanten die besseren Prediger haben. Dafür aber sind sie selbst im Besitz der Wahrheit, die ihnen auf andere Weise zur Kenntnis gebracht wird.

„Gott im Himmel, steh mir bei, dass ich brav und fleißig sei!“ So beteten wir in der Volksschule jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn. Einige meiner Mitschüler waren der deutschen Sprache nicht mächtig und verwechselten noch den Dativ mit dem Akkusativ: „Gott in(!) Himmel steh mir bei …“ „Aus! Gott im(!) Himmel heißt das“, unterbrach dann der Lehrer die kindliche Litanei. Ob das heute noch immer so ist, habe ich mich neulich gefragt. Schließlich besuchen auch bei uns viele Kinder die Schule, die noch nicht so gut Deutsch gelernt haben, und da denke ich nicht nur an die aus den Tälern. Die hätten dann aber, zusätzlich zu dem Problem mit der deutschen Grammatik, auch noch ein Glaubensproblem.

„Gott im Himmel, steh mir bei, dass ich brav und fleißig sei!“ Foto: Museums Victoria/Unsplash

Zu meiner Zeit gab es das nicht. Obwohl, einmal hatten wir einen Evangelischen in der Klasse, der war konkordatsmäßig vom Religionsunterricht dispensiert. Während wir uns mit den „fünf B“ des Bußsakraments plagten – besinnen, bereuen, bekennen, beichten, büßen und bessern – kam er auf allerhand unkatholische Flausen. Zur Strafe musste er sich hinter dem Rücken des Lehrers postieren. Vorkonziliar, sozusagen. Von dort aus zeigte er dem Religionslehrer nicht nur die lange Nase. Das heißt, eigentlich zeigte er sie nicht ihm, weil der konnte ihn ja nicht sehen, aber als er uns simultan zur Katechese über das sechste Gebot auch noch Anschauungsmaterial offerierte, flog er am Ende doch auf. Für solche Fälle hatte der Katechet die „drei Z“ in seiner Kukulle: zurückschauen, zupacken, züchtigen. Zack, zack, zack. Und wir hatten unseren Spaß.

Religion stiftet Identität und Gemeinschaft. Mit Individualisten aber tut sie sich schwer. Der griechische Philosoph Platon erzählt in seinem „Protagoras“ von Prometheus, der die ersten Menschen mit Kunst und mit Weisheit beschenkte. Die unterschiedlichen Fertigkeiten wurden dann zu Berufen und damit zur Sache von Spezialisten. Über die staatsbürgerlichen Tugenden aber sollten nach dem Willen des Göttervaters alle (!) verfügen, und wer sich das Recht und die Scham nicht anzueignen vermochte, war „wie die Pest“ zu bekämpfen.

64 n. Chr. ließ Kaiser Nero Rom in Brand setzen. Er schob die Schuld der christlichen Minderheit in die Schuhe und konnte sich bei deren Bestrafung auf das im Zwölftafelgesetz verbriefte Talionsprinzip stützen: Brandstiftung war mit Verbrennung zu ahnden. Der römische Schriftsteller Sueton listet in seiner „Vita Caesarum“ die Taten Neros in einer Art doppelter Buchführung auf, die den Brand von Rom zwar ausführlich tadelt, die Verfolgung der Christen jedoch auf der Habenseite verzeichnet. Die Christen als Staatsfeinde zu klassifizieren war einfach: Sie lehnten den staatlich verordneten Kult ab und waren in einer der römischen Rechtsordnung fremden Weise Individualisten.

Trotzdem war ihre Ausbreitung durch nichts mehr zu bremsen. Ab dem Jahr 313 hatte das Imperium mit ihnen zu leben gelernt und 80 Jahre darauf wurde die Herdenimmunität vom Kaiser bestätigt. Er hob das Christentum in den Rang einer Staatsreligion, und die Relikte des heidnischen Kultes wurden verräumt. Seine Anhänger auch. Nie wieder sollte sich ein Vertreter der Kirche dem Staatskult verweigern und sich an seinen Institutionen nicht schadlos halten. Das verriet, unausgesprochen, die Replik des Bischofs von Mailand an einen Traditionalisten, der für Toleranz und staatliche Unterstützung der heidnischen Bräuche eintrat: Schließlich hätten die Christen ihr Auslangen auch ohne Subventionen gefunden. Früher einmal.

Der Traum vom Reich Gottes auf Erden währte nicht lange. Alarichs Westgoten plünderten Rom. Von Historikern wird das Ereignis gerne mit 9/11 verglichen, denn der Kulturschock war hausgemacht. Alarich aber, von der Supermacht selbst bewaffnet und ausgebildet, war Christ. Unter dem Eindruck der Katastrophe schrieb der Hl. Augustinus sein monumentales Werk „Über die Bürgerschaft Gottes“, mit der aber keine irdische Institution gemeint war, sondern die innere Haltung des Individuums, das durch Gerechtigkeit, die Augustinus dem Staat nicht recht zutraut, dem Gemeinwesen erst die rechte Ordnung verleiht. Wie im Himmel so auf Erden.

Mit Brav- und Fleißigsein, der staatsbürgerlichen Tugend, die dem Anderen vielleicht noch die Mindestsicherung und die Arbeitslose missgönnt, und so „die eigene Art zu leben“ verteidigt, ist da gar nichts getan. Das sollte man vielleicht wissen, bevor man, um das Projekt einer friedlichen Koexistenz der Menschen, Kulturen und Religionen auf eigenem Boden zu torpedieren, sich auf die – in letzter Zeit vor allem von der politischen Rechten – verkürzte Version der Fundamente Europas beruft: auf die griechische Philosophie, das Römische Recht und das Christentum.


Rudolf Ingruber ist Kunsthistoriker, Leiter der Lienzer Kunstwerkstatt und Autor. Während des Lockdowns im Frühjahr hielt uns sein Corona-Tagebuch bei Laune, doch mittlerweile kritzelt Rudi seine Notizen einfach an den Rand der Ereignisse, also dorthin, wo die offizielle Berichterstattung ein Ende hat. Wir präsentieren in unregelmäßigen Abständen „Rudis Randnotiz“.

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amRande

Geniale Analyse!