Foto: iStock/Carmen Murillo

Foto: iStock/Carmen Murillo

Wenn die Freizeit ruft, muss die Solidarität warten

Die „Systemrelevanten“ sind noch immer im Schatten und brauchen mehr Dankbarkeit.

Am 19. November wurde ein Feuerball über Europa gesehen. Kein Zeichen fürchterlicher Götter, die das Ende planen, sondern lediglich ein Meterorit, der – soweit man bisher weiß – keinen Schaden angerichtet hat. Wenigstens hatten die Schlaflosen eine kurzfristige Ablenkung. Der Asteroid Apophis hingegen könnte im Laufe der nächsten 40 bis 50 Jahre die Erde treffen. Der Schaden wäre immens. Genaueres weiß man nicht. Auch hier wird es sich kaum um das Werk zürnender Götter handeln. Eher hat der Zufall die Hände im Spiel.

An jenem Tag, an dem das Corona-Virus von einem Tier auf einen Menschen sprang, dürfte auch der Zufall sein Unwesen getrieben haben. Der berühmte Flügelschlag eines Schmetterlings in China oder vielmehr der winzige Wanderweg eines noch winzigeren Virus hat die Welt ins Chaos gestürzt. Aber immerhin spielt Donald Trump Golf, statt dem G20-Gipfel beizuwohnen, einfallsreiche Bankräuber nützen leere Geldinstitute zur Vermögensvermehrung und einige Machthaber, darunter ein Friedensnobelpreisträger, beginnen neue Bürgerkriege aufgrund alter Konflikte.

Weder Klatschen, noch Lohnerhöhungen

Für andere Menschen hingegen kann man nur dankbar sein. Dankbar dafür, dass es sie gibt und dass sie in der Pandemie das tun, was sie tun, auf die Art tun, wie sie es tun. Pflegepersonal, Ärztinnen und Ärzte, Reinigungspersonal, LKW-FahrerInnen, Supermarktangestellte; all jene, die in ihrem Beruf besonderer Ansteckungsgefahr oder verstärktem anderen Druck ausgeliefert sind, um dafür zu sorgen, dass der Großteil der Menschen gut durch diese Zeit kommt. Im Frühling wurde für sie geklatscht. Was ist aus ihren Lohnerhöhungen geworden?

In einem ORF-Interview erzählte kürzlich die Leiterin zweier Covid-19-Stationen von ihrem Arbeitsalltag und eingeschränktem Privatleben. Andrea Schmalzbauer heißt sie und ihren Namen sollte man sich ebenso einprägen wie die Namen vieler anderer, die seit Monaten nahezu unbedankt Unglaubliches leisten.

Unbedanktes Heldentum

Als die Krankenschwester gefragt wurde, was sie beim Anblick der Massenanstürme auf Geschäfte vor dem zweiten Lockdown gedacht hatte, wurden ihre Worte deutlich. Befremdet sei sie gewesen und hätte das Gefühl gehabt, ihre Leistungen und die ihrer KollegInnen würden herabgewürdigt. Sie meinte auch, dass einige dieser Einkäufer bald auf ihrer Station landen werden. Was sie nicht sagte: dass dadurch wieder jene in Gefahr geraten, die sich um das Überleben der Konsumgierigen kümmern.

Wer hingegen nie gefragt wird, wie es ihnen geht, sind jene, die Kunden bedienen oder an der Kassa sitzen, auch mitten in einem Massenansturm. Es sind jene, die häufig weniger Ausbildung haben, weniger verdienen und auch sonst in der Gesellschaft zuwenig beachtet werden. Sie können sich nicht ins Homeoffice zurückziehen. Sie können auch nicht so leicht die Sonne am Berg genießen und in Social Media-Beiträgen davon schwärmen, dass die Natur gerade im Lockdown so guttäte. Man nennt sie neuerdings systemrelevant, doch man kennt ihre Namen nicht und nimmt sie nur im Vorbeigehen wahr, es sei denn, man braucht etwas.

Freizeit und Ablenkung versus Solidarität

Dankbarkeit scheint eine komplizierte Sache zu sein. Die nunmehr systemrelevant genannten Menschen werden viel Solidarität brauchen, damit sie mehr Anerkennung und mehr Gehalt erhalten. Ihre eigene Lobby scheint dafür zu schwach oder zu desinteressiert. Dabei zeigt nur ein kleiner Blick in einen Supermarkt, ein Pflegeheim oder ein Krankenhaus, dass die Systemrelevanz nicht nur ein hässliches Wort, sondern auch massiv unterbezahlt ist.

Die Solidarität aber lässt auf sich warten, denn derweil gehen die einen weiterhin zur Erholung in die Sonne, andere bauen optimistisch Christkindlmärkte auf, um sich abzulenken, zu viele kaufen bei Amazon und wieder andere decken sich mit Munition, Alkohol und Zigaretten ein. Das darf man. Nur das mit dem geistigen Futter wird schwierig. Bücher waren schon immer gefährlicher als Gewehre.

Und ein Ökonom spricht vom „Biest“ Kapitalismus

Vielleicht sollte man vorschlagen, dass Buchhändler ihre Bücher bei Waffenhändlern abholen lassen. Die Bäcker könnten Ausstellungen organisieren. In Banken könnte Theater gespielt werden und die Absurdität der Unterscheidung von systemrelevant oder nicht, würde bald bewusster werden. Zu denken geben sollte allerdings, wenn selbst Wirtschaftswissenschafter, wie der 2015 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Angus Deaton, dazu aufrufen, dass man endlich mehr Geld in Bildung stecken solle und dass man das System Kapitalismus, er nennt es tatsächlich „Biest“, zähmen muss, damit die Ungleichheit in der Gesellschaft zurückgeht.


Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems, analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

Die Arbeit von
dolomitenstadt.at unterstützen

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade in Krisenzeiten ist faktenorientierte und schnelle Information wichtig.
Wir arbeiten trotz Rückgang bei den Werbeeinnahmen mit großem Einsatz, um Sie bestmöglich – und kostenlos! – zu informieren.

Wenn Sie unsere journalistische Arbeit mit einem einmaligen Beitrag unterstützen möchten, haben Sie jetzt Gelegenheit dazu. Wir würden uns freuen!

Sie möchten dolomitenstadt.at unterstützen?

Ein Posting verfassen

Sie müssen angemeldet sein, um ein Posting zu verfassen.
Anmelden oder Registrieren

11 Postings bisher
ozzy

Bleibts dahoam und im Dezember gehts schifoan. Was soll man da noch sagen. Covidstationen gehn über und der LH macht wieder alles richtig.

christoph03

der einzige Unterschied zwischen 1. und 2. Lockdown ist, dass diese mal viel mehr ihrer Arbeit nachgehen (müssen, dürfen, wollen..) und daher sich mit diesen Gedanken nicht mehr auseinandersetzen. Im 1. Lockdown habe n bis auf die Baubranche ALLE Firmen geschlossen und somit war es auch kein so grosses Problem mit "homescooling" udgl. aber jetzt wo viele ums überleben kämpfen müssen Sie Aufträge ab arbeiten und die Angestellten müssen auch ihre Arbeit verrichten und hoffen dass Sie selber nicht angesteckt werden! Ich finde Ihren Artikel sehr gut geschrieben und alles aber so wie hier schon beschrieben wir kämpfen alle ums finazielle überleben... und doch froh zu sein in Österreich zu sein... ps: und die ganzen was letzten Montag noch schnell im Baumarkt Möbelmarkt und überall hinliefen möchte ich sagen: SCHÄMT EUCH! SCHÄMT EUCH VOR EUCH SELBST UND VOR DEN ANDEREN die einen Kämpfen ums Überleben und Ihr müsst noch einkaufen...!!!! Frechheit!

karlheinz

Wie recht Sie haben Frau Ingruber ! Wenn die Regierung von den systemrelevanten Menschen spricht, verbinden diese das stets mit einem Zusatzbonus als Dank. Das ich nicht lache !! Momentan ist aktuell angedacht, dass die Angestellten im Handel als Bonus noch Sonntagsarbeit zu leisten haben ! Soll dies diesmal für den Handel klappen, so wird es auch in Zukunft Sonntagsöffnungen geben. Einen Grund hiefür findet man immer ! Hofft ja niemand auf seine Gewerkschaftsvertreter, weil diese geben sicher den Forderungen der Wirtschaft nach. Ähnlich konnte man es in den Medien von diesen "Schmarotzern" schon vernehmen.

    senf

    Gibt es Sinn, die einzelnen Berufsgruppen gegeneinander aufzuhetzen. Trägt nicht jeder zur Systemerhaltung bei?

    Ich versteh die Lohnpolitik für verschiedener Arbeitnehmer nicht. Großen Respekt vor Leute in den Krankenhäusern oder Pflegeheimen, sie machen gute Arbeit und werden auch gut entlohnt. Aber wie ist`s denn im Handel, wenn z. Bsp. eine Kassiererin im Supermarkt nur einen Bruchteil davon verdient, obwohl sie täglich stundenlang in voller Konzentration tausende Artikel von links nach rechts über das Lesegerät schiebt, die Launen der Leute aushalten muß? oder in der Entsorgung, im Gaststätten-Dienstleistungsereich, und und und?

    Nickname hat gar nicht so unrecht, es geht auch um diejenigen die keine oder nur mehr minmal Arbeit mehr haben und die jetz durch die Pandemie täglich bangen müssen, wie etwa der morgige Tag ausschauen wird. Über diese Fragen brauchen sich Beamte, Lehrer, Pensionisten oder Menschen aus der Sozialbranche und im Öffentlichen Bereich nicht allzuzviele Gedanken machen. Das ist auch gut so!

      Oschtadio

      senf ich würde sagen das Verhältnis das eine Kassiererin zu einem Kranken/Pflegeberuf einen Bruchteil an Verdienst hat ist nicht korrekt.Ich habe auch großen Respekt von allen Dienstleistern aber in den Sozialberufen als Kranken/Pflegepersonal werden hier in Osttirol immer noch schlechter entlohnt als im übrigen Österreich. Und diese Arbeit ist ziemlich anstrengend 12 std. Dienste mit voller Schutzkleidung/Maske Besuchsverbot /Demenz /Palliativmedizin Patienten. Das ist nur ein Entlohnungsschlüssel den man dabei einrechnen sollte.

      senf

      @Oschtadio: hab versucht, die Sitiuation tirolweit zu beurteilen, denn dort haben sämtliche öffentlich Bedienstete Spartenmäßig die gleichen Lohnschemen (Beamte, Lehrer, ...).

      Im Krankenhauswesen und im Pflegebereich sollte das ja auch nach den TILAK System ablaufen, wie es ab dem Jahr 2020 vorgesehen wurde (Tilg 21.10.2018 dol.at) .

      Aber ja, es gibt nach Absichtserklärungen leider immer noch krasse Unterschiede. Warum wohl? Die "Autonomie" der vielen Sprengel in Osttirol ist heilig und Personalhoheit dürfte wohl eines der Hauptargumente der jeweiligen (Orts) Organisationen sein, die politisch motiviert oder dominiert sind.

      Vielleicht ist man deshalb nicht in der Lage, einen Osttirolweiten Sprengel einzurichten und die Aufgaben zentral zu übernehmen. Mit einheitlicher Vernetzung, Fuhrpark und Einkauf der erforderlichen Pflegematerialien oder Bekleidung u. v. a. m! Bestimmte Aufgaben könnten trotzdem dezentral erfolgen und Bereichsleiter/innen für die jetzigen Sprengelgebiete übertragen werden, denn der jetzige Osttiroler Sozialsprengel scheint mir zahnlos zu sein.

      Und mit den Einsparungen könnte ein Gutteil der Gehälter für das Pflegepersonal aufgebessert werden, das - so nehme ich an - nach Ausbildungs- und Verwendungsgrad bezahlt wird.

Maik Eva

Zu ihrem Artikel sag ich nichts - ich les ihn lieber noch ein, zwei, dreimal ... Der Sonntag ist ein besonderer Tag - nicht zuletzt wegen ihrer Artikel! (😉 jetzt sag ich doch danke)

Nickname

Baugewerbe hat auch nie Pause gahabt, hat niemand geklatscht, niemand hat danke gesagt oder daran gedacht.. Wie ist das Leben ohne Installateur, wenn Kackrohr verstopft wird? he? ;-) oder wenn Heizung kaputt geht.. oder wenn Elektrische Geräte sich nicht mehr einschalten lassen?.. im Hintergrund buckeln unendlich viel mehr Menschen, als man denkt! und ja, uns fehlen sehr, die, die jetzt nicht arbeiten dürfen! sie gehören auch nicht unterbewertet! denn alle wichtig sind

isnitwahr

Vielen Dank Frau Ingruber für diesen Artikel, sehr anschaulich und vor allem so treffend geschrieben. Wie hat Günther Mayr in der ZIB am 19.11. gesagt: wir dürfen es nicht zulassen, dass uns das Virus die Menschlichkeit austreibt". Ich habe vor diesem SARS COV 2 Virus keine Angst (wohl aber Respekt). Was mir wirklich Angst macht, ist die Verrohung unserer Gesellschaft, in der die "Alten" nichts mehr Wert sind und einhergend Ethik kaum mehr Platz hat, eben wenn die Solidarität abhanden kommt, damit die einzelnen kleinen Befindlichkeiten so Vieler befriedigt werden können. Ich zähle selbst zu einer dieser systemrelevanten Gruppen. Wir wissen alle, was wir leisten und dass wir gut darin sind, in dem was wir tun, egal in welcher Sparte. Beklatschen hat nichts mit echter Wertschätzung zu tun, nur diese fordern wir tatsächlich.