Revolution will heute vor allem Aufmerksamkeit

Protestierende müssen keine Bilder mehr zerstören, sondern welche erschaffen.

Schockstarre bei den einen, Siegestaumel bei den anderen – und wieder andere bereiten die Nachahmung vor. Auch wenn einige der Täter inzwischen verhaftet wurden, sind sie als Erstürmer des US-Kapitols die erklärten Sieger. Das wissen auch die Organisatoren ganz anderer Proteste. In den Foren der Querdenkerbewegung wird zu ähnlichen Kundmachungen der Unzufriedenheit aufgerufen. Man lernt aus Washington, dass die Gewalt vor allem eine bildliche sein muss.

Statt einer blutigen Revolution gibt es ab sofort den Bildersturm anderer Art. Man reißt keine Denkmäler mehr ein, man schafft neue, indem man sich via Selfie der Welt mitteilt. Man zerstört keine Bilder, wie die Ikonoklasten, sondern generiert Bilder von sich selbst an Orten mit Symbolcharakter. Es geht um die vollkommene Verunglimpfung, die zeigt, wie wehrlos die Demokratie sein kann.

Es ist hochmütig, die Protestierenden als Mob abzutun

Die Kapitolserstürmung hat zunächst nichts mit Protesten gegen die Corona-Maßnahmen zu tun. Doch beide Bewegungen zeigen, dass sich Teile der Bevölkerung vernachlässigt, betrogen, belogen fühlen und ihr Heil in der Menge Gleichgesinnter suchen. PolitikerInnen (nicht nur die Regierungsmitglieder), ihre Berater und Lobbyisten müssen lernen, dies tatsächlich zu begreifen.

Deshalb ist es widerwärtig, von einem Mob zu sprechen, wie es quer durch die Berichterstattung und politische Kommentierung gemacht wird. Der Begriff Mob unterstellt ein geringes Bildungsniveau, deutet auf eine soziale Herkunft, der man nicht entkommen könne und stammt aus einer Zeit, in der die Gesellschaft streng in Hierarchien eingeteilt war. Wie sehr sie es bis heute ist, führen die aktuellen Proteste, deren bunte Bilder durch die Medien gehen, beschämend deutlich vor.

Die moralische Abwertung gibt den Protestierenden recht

Die moralische Bewertung, die Protestierenden hätten nicht ins Kapitol oder nicht in den Bundestag dürfen, wird die gesellschaftliche Spaltung weitertreiben. Beide Seiten werden Argumente dafür finden, warum die einen ungebildet, verblendet und dumm und die anderen elitär, betrügerisch und abgehoben seien. Allein die Wortwahl zeigt einmal mehr den gesellschaftlichen Riss und trägt nichts zu einer friedlichen Transformation der Probleme bei.

Es wäre klüger, sich intensiver mit den Unterschieden sozialer Wirklichkeiten zu beschäftigen. Jeder weiß um die Misere, die durch die Corona-Maßnahmen angerichtet wurde. Man nimmt sie hin, im Dienste der Gesundheit. Und während der Schutz der Gesundheit sehr wohl eine Aufgabe des Staates ist, sind der Schutz vor Verarmung, das Recht auf Verwirklichung und das Recht auf Bildung ebensolche Menschenrechte im Verfassungsrang. Werden sie nicht gewährt, muss und darf es zu Protesten kommen.

Auf der Suche nach Stimmen

Die politische Linke müsste diese Themen aufgreifen, doch sie ist mit anderen Dingen beschäftigt. Stattdessen stellt sich ein Herbert Kickl, der den Verlust seiner Macht nicht verkraftet, vehement auf Seiten jener, die gegen die Maßnahmen der Regierung wettern. Er weiß, dass er keinesfalls in die unangenehme Situation kommen wird, Verantwortung übernehmen zu müssen. Er will Stimmen lukrieren, egal mit welcher Absurdität.

Die ÖVP war einst eine Wirtschaftspartei, die Grünen standen für Menschenrechte, die SPÖ kümmerte sich früher um die ArbeiterInnen. Sie alle haben ihre Ideale verraten. Da kann auch die FPÖ plötzlich gegen die Einschränkung der Bürgerrechte auftreten. Es bemerkt kaum noch jemand, wie surreal das ist.

Die Proteste brauchen keine Parteien

Doch so gerne sich Populisten auf die Proteste schmeißen, sie werden nicht mehr gebraucht. Die Kommunikationsplattformen schaffen die Öffentlichkeit. Man benötigt auch kein seriöses Manifest, wahrscheinlich nicht einmal einen politischen Plan außer jenem: Weg mit dem, was ist.

Der Baseballschläger, zersplitterndes Glas, die Kamera hautnah – Proteste, die Bilder schaffen und Eventcharakter versprechen, passen perfekt in diese Zeit. Foto: Stephanie Keith/Reuters/APA-Picturedesk

Hinzu kommt ein gewisser Spaßfaktor, den man sich redlich verdient hat, weil man unter der aktuellen Herrschaft der Eliten viel erdulden musste. Das ist weit weniger zynisch, als es klingen mag. Man wurde seiner Existenz wie seines Glaubens beraubt. Somit ist es gleichgültig, was wirklich hinter SARS-CoV-2 steckt. Es ist mental wohltuend, eine – am besten abstrakte und ungreifbare – Gruppe oder eine geheime Machtkonzentration als schuldig zu benennen. Dieser traumatische Gemütszustand sollte endlich ernstgenommen, anstatt als Querdenkertum abgetan zu werden.

Die Folgen des Sieges sind ungewiss

Proteste, die Bilder schaffen und Eventcharakter versprechen, passen perfekt in diese Zeit. Man braucht keine Waffen, sondern nimmt sich Zeit, es sich in einem Bild gemütlich zu machen. Und man genießt, was dann geschieht; einfach, weil man es kann und weil man dafür nicht mehr machen muss als das, was man als Teenager tun wollte. Jetzt hat man ein globales Publikum, das gebannt auf die Bilder starrt und Likes spendet.

Die Bilder aber sind nicht mehr aus den digitalen Archiven und damit aus den Köpfen der Menschen zu löschen. Es sind Bilder des Sieges. Es muss bloß noch verhandelt werden, wohin dieser Sieg führt. Es könnte eine neue Form der Diktatur sein, doch so weit denkt die Revolution von heute ebenso wenig wie jene von früher.


Daniela Ingruber, Demokratieforscherin am Austrian Democracy Lab der Donau-Universität Krems, analysiert wöchentlich in der Rubrik „Politik im Blick“ aktuelle politische Themen und erklärt deren Hintergründe.

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13 Postings bisher
wolf_c

lasst die reichen ruhig reicher werden, es ist ja gesetzlich gedeckt

Herr_Kules

Sehr geehrte Frau Ingruber!

Ich lese bereits seit Sie mit der wöchentlichen Veröffentlichung Ihrer Kommentare begonnen haben, mit Interesse Ihre Texte und bin froh darüber, dass ein solches Format Platz auf Dolomitenstadt gefunden hat.

Jedoch bedaure ich, Ihnen sagen zu müssen, dass ich nun bereits seit einigen Wochen Ihren Texten immer weniger abgewinnen kann. Vor allem der Artikel "Freiheit zu verkraften muss man erst lernen" und dieser hier sind Auslöser für meine Kritik.

Zu "Freiheit zu verkraften muss man erst lernen" - Sie versuchen hier meiner Meinung nach eine sehr eigentümliche Definition von Freiheit zu entwickeln. Speziell der Absatz "Doch Freiheit beginnt da, wo sie in Beziehung zu anderen agiert. Freiheit setzt das Sich-Kümmern voraus. Ansonsten ist sie egoistisch und selbstbezogen – bis hin zur Gewalttätigkeit. Dann ist Freiheit keine solche mehr.", bringt mich zum Nachdenken. Meinen Sie damit, dass die Freiheit desjenigen, der frei ist, dort beginnt, wo er in Beziehung zu anderen (freien) Menschen agiert? Geläufig ist nämlich eher das Gegenteil: Die Freiheit des einen hört da auf, wo die Freiheit des anderen beginnt. Folgt man Ihren Ausführungen weiter, wird klar, dass Sie voraussetzen, dass ein freier Mensch , um ihn frei nennen zu können, eine bestimmte Moralvorstellung haben muss. (Ansonsten ist sie (Freiheit) egoistisch und selbstbezogen (...) Dann ist Freiheit keine solche mehr.) Wenn ich Sie richtig verstehe, nennen sie also nur denjenigen frei, der sich um die Freiheit anderer kümmert. Demnach wäre jemand, der aus Egoismus die Freiheit anderer Menschen versucht zu beschneiden, nicht frei. Problematisch ist das sicher spätestens bei der Frage nach der Verantwortung für Handlungen. Gängig ist es nämlich, denjenigen für seine Handlung verantwortlich zu halten, der sich aus freiem Willen dazu entschlossen hat, diese Handlung auszuführen.

Des Weiteren erschließen sich mir einige Stellen des Textes nicht. So zum Beispiel, warum Wirklichkeit und Realität etwas Unterschiedliches sein sollen. ("So ist Wahrnehmung nicht unbedingt an die Realität gebunden; genau so wenig wie die Wirklichkeit selbst.")

Zu "Revolution will heute vor allem Aufmerksamkeit" - Ich gebe Ihnen recht, man mit denjenigen, die in den USA das Kapitol gestürmt haben, in den Dialog treten müssen wird, sollte man das Problem nachhaltig lösen wollen. Ich widerspreche Ihnen jedoch darin, dass man ein solches Verhalten nicht verurteilen darf, denn es wird kaum möglich sein, einen solchen Ausbruch von Gewalt als nicht moralisch verwerflich zu rechtfertigen, betrachtet man den unmittelbaren Auslöser, der zweifelsohne Donald Trump ist. Ich Stimme jedoch Ihrer Aussage "Seine Worte wären machtlos, wenn nicht wesentlich mehr dahintersteckte, u.a. ein noch immer hierarchisches Gesellschaftssystem.", zu. Dazu steht allerdings in Ihrem Artikel nichts. Die Corona-Pandemie mag ein Katalysator für aufgestaute Wut in der Bevölkerung sein, ist jedoch sicher nicht der alleinige Auslöser für die Stürmung des Kapitols.

Außerdem bleiben viele wichtige Aspekte unangesprochen, die von "dazu folgendes" bereits genannt wurden. Die Unterschiede in der Härte, mit welcher gegen Protestierende unterschiedlicher politischer Zugehörigkeit vorgegangen wird, lässt sich sicher auch zu großen Teilen auf "ein noch immer hierarchisches Gesellschaftssystem" zurückführen.

    Daniela Ingruber

    Sehr geehrter Herr_Kules, danke für ihr genaues Lesen und für Ihre Meinung. Ich würde unterscheiden zwischen Freiheit und freiem Willen. Während die Freiheit ein Gegenüber und ein Miteinander braucht (ich spreche nicht von dem wunderbaren Gefühl, das man beim Segeln oder Bergsteigen empfindet, sondern vom Menschenrecht auf Freiheit), benötigt der freie Wille das Gegenüber nicht unbedingt.

    Was das US-Kapitol betrifft: Selbstverständlich verurteile ich die Ereignisse von letzter Woche. Ich wüsste nicht, wem bei solchen Bildern nicht zum Weinen gewesen wäre. Ich wehre mich aber dagegen, diese oder andere Menschen als "Mob" abzuwerten, weil das nichts zur Problemlösung beiträgt.

    Wenn ein Text oder auch ein Leser*innenbrief ein Nachdenken darüber auslösen kann, was die vielfachen Gründe sein mögen, die hinter den Ereignissen vor und im US-Kapitol stecken, oder warum Menschen in vielen Ländern immer verzweifelter gegen die Corona-Maßnahmen protestieren, dann bin ich sehr dankbar, denn viel zu häufig wird etwas nur abgenickt und kritiklos über social media geteilt. Insofern ein herzliches Dankeschön Ihnen und @dazu folgendes sowie allen anderen für jedes kritische Wort zu meinen Texten.

      Herr_Kules

      Sehr geehrte Frau Ingruber!

      Vielen Dank für Ihre Antwort. Sie löst meine Fragen jedoch noch nicht. Ich habe Ihre Definition für Freiheit eben deshalb als eigentümlich empfunden, weil Sie sagen, dass Freiheit ein Gegenüber benötigt. Warum das so sein soll, ist mir nicht ganz klar.

      Sie sprechen ja davon, dass wegen der Corona-Pandemie gewisse Freiheiten beschränkt sind. (Wo Sie natürlich recht haben) Sie sprechen davon, dass man nicht mehr alles machen darf, wie man es gewohnt war, dass in den Alltag eingegriffen wird. Hierbei handelt es sich ja zweifellos um die Beschränkung persönlicher Freiheit; Persönliche Freiheit oder Negative Freiheit, wie Freiheit von Zwang und Verboten im persönlichen Raum von dem Philosophen Isaiah Berlin genannt wurde. Auch bereits Thomas Hobbes bezeichnete denjenigen als frei, „der in den Dingen, die er durch seine Kraft und seinen Verstand zu tun vermag, nicht gehindert wird, das zu tun, was er zu tun gewillt ist.“ Nach diesen beiden Definitionen von Freiheit ist also wahrscheinlich derjenige am freiesten, der kein Gegenüber hat, das ihn am Ausführen seiner Handlungen hindern könnte.

      Eine gewisse, wünschenswerte moralische Haltung an die Vorstellung von Freiheit zu binden, ist meiner Meinung nach eine Überladung und Überhöhung des Terminus Freiheit. Freiheit ist nichts intrinsisch Gutes und birgt auch keine Moral in sich. Moral kontrolliert Freiheit vielmehr. Niemand hält es für besonders frei, nicht töten zu dürfen. Niemand würde das aber als schlecht bezeichnen. Es ist also nicht die Freiheit, welche mir vorgibt, wie ich mich zu verhalten habe, sondern die Moral, welche mir vorschreibt, wo meine Freiheit enden muss. „Es ist eines zu sagen, dass zu meinem eigenen Wohl, das ich aus lauter Blindheit nicht erkenne, Zwang gegen mich ausgeübt wird: dies kann mir unter Umständen wirklich zum Wohle gereichen; es kann sogar meinen Freiheitsspielraum vergrößern. Es ist aber etwas ganz anderes, in einem solchen Fall zu sagen, es würde gar kein Zwang auf mich ausgeübt, denn ich selbst würde es, ob mir das bewusst sei oder nicht, so wollen und sei also frei.“

wasserwerk

Herzlichen Dank für die brilliante Analyse. Werden wir in der Lage sein, diese Problematik zu begreifen und uns aus dem egozentrischen Lebensentwurf zu verabschieden? Ich habe nur die Befürchtung, dass wieder ein "starker Mann" gesucht und auch gefunden wird. Wie heißt es so schön: Man kann aus der Geschichte lernen, aber es fehlen die Schüler.

dazu folgendes

Meiner Meinung nach ein sehr unglücklicher Artikel, der die Vermischung

Die einzige Fragen, die man sich im Zusammenhang mit der Erstürmung des Capitols eigentlich stellen müsste wäre es zu hinterfragen, warum die Staatsmacht "linke" Demonstrationen seit jeher als gefährlicher einstuft als die rechtsextremistisch motivierten und gegen diese auch dementsprechend rigoros(er) vorgeht.

Man denke zB an die Pizzeria Anarchia Hausbesetzer Aktion mit über 1700 Beamten um 17 Punks aus dem besetzten Haus zu bekommen, an den Umgang der Polizei gegen die Occupy Wallstreet oder der Black Lives Matter und anderen den Rassismus anprangernden Bewegungen, die Räumung von umweltpolitisch motivierten Demos (Hambacher Forst Räumung, Castor Transporte, Hainburg, diverse Fridays for Future Demos) oder die G7/G8 Proteste (vor allem jene in Genua oder Hamburg).

Während rechtsextremen Coronleugnern, Reichsbürgern und anderen umstürzlerischen und politisch organisierten und ideologisierten Wahnsinnigen nur in sehr geringem Maße von der Staatsseite entgegengetreten wird (zB die Beregnung der Demoteilnehmer der Coronademo in Berlin oder eben jetzt die angesagte Erstürmung des Capitols oder vor einigen Monaten des Reichstages in Berlin ohne oder nur sehr geringe Polizeipräsenz) werden legitime Proteste mit allen Mitteln und polizeilicher Härte auseinandergetrieben.

Siehe dazu auch den Vergleich von BLM mit den Trumpisten https://edition.cnn.com/2021/01/07/us/police-response-black-lives-matter-protest-us-capitol/index.html

Und selbstverständlich handelte es sich bei der Erstürmung des Capitols um einen Mob, was denn sonst? Als was würde die Autorin denn einen gruppendynamisch, ohne Führung agierende und aufgestachelte Menge, die nur auf Zerstörung ausgerichtet ist bezeichnen? Mob ist eigentlich noch sogar zu milde ausgedrückt, wenn man sich die Waffen- und Bombenfunde rund um das Capitol ansieht und sich vor Augen führt, was hier passieren hätte können.

Es genügt oft die Radikalität und Brutalität einiger weniger um ganze Systeme zu Fall zu bringen. Man erinnere sich an das Erstarken des IS, als einige wenige hundert fanatische Dschihadisten durch deren martialisches Auftreten und Verbreiten von Terror die halbe irakische Armee aus dem Nordwest -Irak vertrieb und einen Fundi-Staat aufbauen konnte.

Und solche Versuche, wie die gewaltsame Erstürmung eines Parlamentes mit mehrern Toten, als Nachmittagsausflug der Hillbillies mit Fotosafari Charakter abzutun, ist gelinde gesagt, gefährlich und verharmlosend.

    Daniela Ingruber

    Korrekt, es wird gegen Rechtsextreme weit weniger konsequent vorgegangen, als gegen andere Protestierende. Die Folgen sind fatal. Dennoch scheint es mir unklug, jemanden, dessen Handlungen man nicht teilen will, verurteilt oder als falsch betrachtet, als Mob oder Terroristen zu bezeichnen; schon aus ethischen Gründen, vor allem aber aus Vernunft: Wie will man eine komplizierte Situation transformieren, wenn man eine Seite als Mob, als ungebildet, verblendet etc. abtut? Solche Bezeichnungen zerstören jegliche Basis, miteinander ins Gespräch zu kommen.

    Mit Verharmlosung hat das nichts zu tun. Gerade weil damit zu rechnen ist, dass die Eskalation in naher Zukunft weitergehen wird, wäre es wichtig, nicht nur den inszenierten Gewaltakt zu sehen und die Hintergründe zu analysieren, sondern zumindest zu versuchen, diese tatsächlich zu begreifen. Radikalisierung entsteht nicht aus dem Nichts. Alles mit einem verrückt gewordenen Präsidenten zu erklären – der zweifellos alles getan hat, um die Täter*innen zu ermutigen – ist zu einfach. Seine Worte wären machtlos, wenn nicht wesentlich mehr dahintersteckte, u.a. ein noch immer hierarchisches Gesellschaftssystem.

    Der Umstand, dass die Inszenierung als Revolutionäre via Ich-Event am Handy stattfindet und der Aufstand keine Gemeinschaft mehr braucht, sondern nur noch eine Masse an Individualisten darstellt, ist trotz aller Absurdität ein Hilfeschrei. Diesen zu verachten, wird keine Verbesserung der Situation mit sich bringen. Im Zweifel wäre ich daher immer für das Hinhören und Hinschauen, anstatt für die Abwertung.

      dazu folgendes

      Glauben Sie wirklich, dass man mit den meisten Trump-Anhängern ins Gespräch kommen kann? Ich denke kaum.

      Ein Großteil seiner Anhänger wurden in präfaschistischer Art und Weise bereits so manipuliert, indoktriniert und immer wieder mit den gleichen Lügen bombardiert, dass diese keinen Argumenten mehr folgen können oder gar wollen. Genau das ist ja das Problem.

      Kritische Institutionen wie die unabhängige Presse werden im Vorhinein abgelehnt und mehrfach auch tätlich angegriffen. Das eigene Weltbild stimmt, andere Sichtweisen werden als Angriff gesehen. Klassisches Freund-Feind Denken, Feindbilder werden bewusst aufgebaut und bekämpft. Agressive Rhetorik führt zu agressivem Verhalten. Dieser Verantwortung sollte man sich bewusst sein. Und wohin solch ein Verhalten führen kann, hat die Geschichte gerade bei uns ja hinlänglich gezeigt. Appeasement Politik hat gegenüber Faschisten noch nie funktioniert.

      Was allerdings nicht heißt, dass die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme in den USA gerade am Land definitiv unübersehbar sind und die enormen sozialen Unterschiede und fehlende Absicherungssysteme natürlich mitverantwortlich sind.

      Gerade deswegen müsste es ja ein Ziel der Linken sein, die im Land grassierende Ungerechtigkeit zu bekämpfen, eine Verteilungsgerechtigkeit zu schaffen, neue Jobs (green revolution) aufzubauen.

      Ob Biden in diese Richtung geht, bleibt abzuwarten. Genügend Druck der eigenen Basis hat er sicher (auch aufgrund des Erfolges von Bernie Sanders und dessen bei uns würde man wohl sagen sozialdemokratischen, in den USA eher sozialistischen, wenn nicht gar kommunistischen Ansichten ;))

      Hoffen wir, dass auch das demokratische Establishment dies erkennt, durch die Congresss Mehrheit in beiden Kammern haben diese nun die Macht einen tatsächlichen Wechsel durchzuziehen. Sollten sie scheitern, könnte, neben den Reps auch die zweite Gran Old Party implodieren.

      Daniela Ingruber

      Chronos, ich gebe Ihnen in allem recht, was Sie in ihrer zweiten Nachricht schreiben. Das erspart uns nicht, immer wieder zu versuchen ins Gespräch zu kommen. Sie schreiben das selbst in Bezug auf die US-Demokratische Partei. Das Ignorieren würde zu jenen Folgen führen, die Sie benennen. Die Schwierigkeit liegt gewiss in der Auflösung der Desinformation und Manipulation – mit Gewalt ist diese nicht zu erreichen.

      Regierungen tendieren dazu, die Symptome eines Protestes zu beseitigen, doch ein Aufstand ist keine Krankheit und kann nicht mit einer Pille beseitigt oder befriedet werden. Die Ursachen (vor allem jene in den Köpfen) lassen sich nur bearbeiten, wenn man dies auf gleicher Ebene tut, nicht von oben herab, weil man meint, man wisse es besser. Es braucht vor allem sehr viel Geduld. Sie werden jetzt vielleicht sagen, die hätten wir nicht. Auch da haben Sie recht. Erfolgreiche Veränderungen wurden bisher stets nur durch mehrere parallele Strategien möglich.

Chronos

Wie wahr, wie wahr, Frau Ingruber! Es sind Bilder der Aufmerksamkeit die direkt und ungefiltert in die sozialen Netzwerke live ein gebanntes Publikum erreichen! Die Macht der Bilder, egal ob sie jemanden ergötzen oder entsetzen. Revolution erfolgt heute durch Live-Bilder direkt in jeden Haushalt. Reichen die Bilder um uns zu manipulieren?

Auf Ihrer Rubrik und Ihr aktuelles Thema muss ich einiges loswerden… Sie beantworten mir z.T. mit dem Artikel brennende Fragen über Trump und Populisten. Stichwort: Verführen und Spalten! Wie könnten wir aus der Geschichte lernen? Tun wir das? Was macht mich so sicher, dass ich z.B. über Trump mir folgende Meinung bilde? Liege ich richtig? Sehr viele Menschen auf der Welt haben genau eine gegenteilige Meinung.

Aus meiner Sicht ist Trump egozentrisch, narzisstisch und auf eigenen Vorteil bedacht. Er will gewinnen und dominieren, was anderes kennt er nicht. Mag sein, dass er durchschnittlich intelligent ist, jedenfalls fehlt ihm aber jegliche soziale und emotionale Intelligenz. Und gerade das macht Trump ja so unberechenbar und gefährlich! Er setzt sich über alle demokratischen Entscheidungen hinweg, der nichts dabei findet, seine Anhänger zu allem zu instrumentalisieren, was ihm persönlich nutzt. Ein großer Teil seiner Anhängerschaft lässt sich schlimmer manipulieren als so manche Bevölkerung von Diktaturen. Das hat sein Aufruf und die Stürmung des Kapitols seiner gewaltbereiten Anhänger gezeigt.

Warum ist das so? Trump versteht es mit der einfachen Sprache des Volkes zu sprechen. Er erreicht in seinen Ansprachen viele Menschen und gibt mit seiner Symbolpolitik vielen Amerikanern Hoffnung auf eine bessere Zukunft - Stichwort „America first“. Gerade in der anhaltenden Zeit der Pandemie wächst die Unzufriedenheit in der Bevölkerung und die Perspektivenlosen werden sehr leicht Opfer von populistischen Politikern, die gezielt auf „Verführen und Spalten“ aus sind. Nicht nur Trump, Bolsonaro oder Maduro sind zu erwähnen, auch in Europa kann man weit mehr als ein Handvoll Popolisten aufzählen, die auf Spaltung aus sind. Sie schaffen Feindbilder und hetzen die Leute gegeneinander auf „divide et impera“. Sofern gerade keine Migranten auffällig oder greifbar sind, funktionieren auch andere Themen, wie aktuell mit Corona und Einschränkungen. Verführer, Spalter in Form von Populisten gibt es in jedem Land. Teilweise haben Popolisten die Macht und bekleiden Regierungsämter. Teile der Bevölkerung lassen sich lieber gegen Menschen aufhetzen, auf die sie runtertreten können, als ihre geliebten politischen „Führer“ zu „entmachten“.

Die neuen Entwicklungen von Aufmärschen oder Protesten von der Querdenkerbewegung muss ernst genommen werden. Alleine Polizei dagegenstellen wird nicht reichen. Dort vereinen sich vollkommen unterschiedlichen Gruppen unter dem Dach der Rechten, wie ich meine. Sind es die momentanen extremen Umstände, die linke Gruppierungen Hand in Hand mit Rechtsextremen gegen Freiheitseinschränkungen marschieren lassen? Die Grenzen verschwimmen. Was haben die Regierungen dem entgegen zu setzen? Wie kann man sich nicht manipulieren lassen? Was kann jeder Einzelne dagegen tun? Sind wir zu bequem?

    Daniela Ingruber

    Danke für die vielen Gedanken, die ich teile, Chronos. Wenn wir alle tun, was Sie in ihrem Posting machen, nämlich sich Fragen zum eigenen Denken und zu den eigenen Bewertungen zu stellen, dann gehen wir schon einige gute Schritte, weil wir nicht automatisch annehmen, richtig zu liegen. Der Zweifel kann heilsam sein. Ob wir aber aus der Geschichte lernen? Vermutlich nicht, weil sich Geschichte entgegen allen Gerüchten nicht wiederholt, sondern besten- (oder schlimmsten)falls in Spiralen bewegt. Das dürfte uns jedoch nicht davon abhalten, aufmerksam zu bleiben, denn etwas dabei lernen können wir immer; und genau das kann sehr wohl jede/r Einzelne tun.

    Wer mit wem marschiert, trotz sehr unterschiedlichem Gedankengut, wird uns noch länger beschäftigen, fürchte ich; vor allem die Frage, was dies bewirken wird. Den Regierungen allein (welchen auch immer) würde ich es jedenfalls nicht überlassen wollen, damit umzugehen. Es wird mehr als die politischen Antworten brauchen, auch soziale, psychologische …

spitzeFeder

So wahr. So erschreckend.

Und als einzelnes Individuum so hilflos gegenüber dem, was da gerade passiert.

😲

    unholdenbank

    Gerade das ist die gefährliche Sichtweise. Sie hat immer wieder bei solchen Situationen dazu geführt, dass "Mächtige" mächtig geworden und geblieben sind. Einzelne, die dagegen aufgestanden sind hat man nicht unterstützt, sondern diffamiert und teilweise sogar getötet (Volksschädlinge). Diese mangelnde Unterstützung und die eigene Mutlosigkeit ist das Übel. Ich weiß aus eigener, persönlicher politischer Erfahrung wie untergriffig Mitmenschen werden können, wenn man es wagt, deren Weltbild anzuzweifeln.