Im alten Lienzer Rathaus, ja da war früher was los!

Neben Stadtverwaltung, Post und Bank war hier auch der Lienzer Fasching zu Hause.

Woll, woll, es geht tatsächlich um das Haus auf dem Bild in der Muchargasse. Eben dort befand sich seit dem Jahr 1476 bis 1954 das Rathaus von Lienz. Das ganz alte Rathaus sozusagen. Erst später zog der Bürgermeister ein paar Häuser weiter und machte Platz für ein modernes „Rathauscafé“, das dem ehemaligen Amtsgebäude mit Musik, Tanz und Fröhlichkeit neues Leben einhauchte – und das vor allem, aber nicht nur im Fasching!

Gemeindeamt, Postamt, Gasthaus und Bank – dieses Gebäude hat eine bewegte Geschichte. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1905. Foto: Richard Tschurtschenthaler; Sammlung Oliva Lukasser – TAP

Schon im 16. Jh. gab es im Rathausgebäude eine Gastwirtschaft. Der Stadt genügte eine Stube für Ihre Angelegenheiten, die übrigen Räumlichkeiten wurden verpachtet. Der Bürgermeister war nämlich viel unterwegs, um seinen umfangreichen Überwachungsaufgaben nachzukommen. Er war u.a. zuständig für die Einhaltung der Sonntagsruh und der Feuerordnung, er musste Fleisch und Brot, Maß und Gewicht überprüfen, die Abrechnungen von Bürgerspital und Kirchen kontrollieren, den Schulmeister bestellen und noch vieles mehr.

So befanden sich im Amtshaus zumindest zeitweise die Brot- und Fleischbank, auch die Wohnung des Brothüters und eine Schule, auch ein Kornkasten für die städtischen Getreidereserven war angebaut worden. Die Sparkasse, das erste Geldinstitut von Lienz, bezog 1878 das Haus und einige Jahre später kam auch die Post dazu.

Auf diesem Bild aus dem Jahr 1920 gut zu erkennen: Der Johannesplatz hatte schon damals ein Salettl. Unter dem großen Kastanienbaum im Hintergrund erstreckte sich der Gastgarten des „Bräustübls“ (der niedrige Bau rechts, heute Lienzer Sparkasse), dahinter jenes Gebäude, das heute ein Braulokal beherbergt und auch für einige Zeit Rathaus war. Foto: Unbekannt; Sammlung Siegfried Papsch – TAP

Der Bürgermeister hatte außerdem für Zucht und Ordnung zu sorgen, was in Lienz – wie es scheint – keine leichte Aufgabe war: „Nachdem auch das übermäßige Trinken, Vollsaufen und Spielen unangesehen gegenwirtiger Teuerung im Schwung geht, dardurch nit allein ihrer viel zu schädlichen Verderben ihrer Haushabung sich hineinstecken und dadurch sambt Eheweib und Kinder an Bettelstab kummen, sondern auch andere grobe Laster (als Ehebruch, Huererei, Totschlag, Gottlästern und dergleichen Übltaten) vielmals damit verursacht werden.“

Deshalb sollte der Bürgermeister auf Anweisung der Obrigkeit auch Wirts- und „andere verdächtige Häuser zum öfteren visitiern“. Aber selbst höchste Beamte waren dem Alkohol nicht abgeneigt. Johann Sigmund von Rost, im 18. Jh. Herrschaftsverwalter von Lienz vermerkte in seinem Tagebuch: „Seint fein lustig gewesen und haben große dickhe Reisch gehabt.“

Weniger lustig war es, wenn der Bürgermeister aus dem ostseitigen Fenster zur versammelten Menschenmenge hinab das Todesurteil verkündete. Zumindest für den Delinquenten, über dem er anschließend als Zeichen den Stab brach. Das schaulustige Volk aber begleitete den Verurteilten neugierig zur Stadt hinaus bis zum Galgen.

Die Nazis zogen nach dem „Anschluss“ 1938 in das Lienzer Rathaus ein. Foto: Karl Felderer; Sammlung Oliva Lukasser – TAP
Und das waren die Folgen. Eine US-Fliegerbombe zerstörte 1945 das Lienzer Rathaus fast vollständig. Foto: Franziska Baptist; Sammlung Foto Baptist – TAP

Im 2. Weltkrieg beschädigten Bomben das geschichtsträchtige Gebäude stark. 1955 kam mit dem modernen Rathauscafé – ein Restaurant-Cafe mit Tanzlokal im 1. Stock – wieder Leben ins frisch renovierte Haus. Für eine ganze Generation unvergesslich bleiben die schwungvollen Tanzabende und der sonntägliche 5-Uhr Tee, fast immer mit Live-Musik. Es gab sogar eine eigene Hauskapelle: die „Joker“, in der Günther Unterweger, Sohn des Hauses, das Schlagzeug spielte. Seine Schwester Beatrix Erler, vielen bekannt als Wirtin der Schnitzelwelt, weiß einige amüsante Geschichten zu erzählen.

Das wieder aufgebaute Gebäude 1957, nun Rathauscafé, Eisdiele, Dancinglokal und Promitreff mit Walchegger-Erker und Terrasse zum Johannesplatz. Foto: Alois Baptist; Sammlung Foto Baptist – TAP

Die legendäre Band „Big Bees“ mit Werner Obermoser, Horst Schrettner und Seppl Tölderer, sorgten regelmäßig für gute Stimmung im Tanzlokal. Damals galt in der Adventszeit Tanzverbot, aber das Rathauscafé verfügte über eine eigene Genehmigung, damit die „Big Bees“ dort proben durften, und so wurde auch am Wochenende einfach aufgespielt. Jahre später wurde aus dem Tanzlokal im ersten Stock die „Kutschendiscothek“, mit DJ und echter Kutsche als Dekoration.

Legendär war auch das köstliche Eis des Rathauscafés. Meist stand der Chef Erwin Unterweger persönlich hinter der Softeismaschine. Es entstand eine regelrechte Konkurrenzschlacht mit dem benachbarten Bräustüberl, hinter dessen Softeismaschine Willi Schlanitz das noch köstlichere Eis zu kreieren versuchte.

Prominente Gäste kamen gerne zu Besuch, wie Heinz Conrads, Otto von Habsburg, Toni Sailer, Eva Maria Kaiser – mancher von ihnen musste wahrscheinlich auch über den zotteligen Puschkin drübersteigen, einen ungarischen Hirtenhund, der gerne auf der Terrasse vor sich hindöste.

Den jüngeren Leserinnen und Lesern wird der Name Karl Moik ebenso wenig bekannt sein wie einige der oben Genannten. Lange bevor er als Fernsehmoderator des Musikantenstadels berühmt wurde, spielte Moik im Rathauscafé mehrere Saisonen als Alleinunterhalter auf und lernte dabei seine Frau Edith kennen, die dort als Kellnerin arbeitete.

Erwin Unterweger (Mitte) gründete 1962 die Lienzer Faschingsgilde. Dieses Foto aus der Sammlung Baptist stammt aus dem Jahr 1971. Der Rathaus-Cafetier war zudem „Softeis-Guru“, Disco-Betreiber und begrüßte jahrelang viele prominente Gäste.

Der Wirt und Holzunternehmer Erwin Unterweger gründete 1962 die Lienzer Faschingsgilde. Vor allem ihm ist es zu verdanken, dass sich über Jahre im Fasching in Lienz solch ein reges Treiben abspielte, das wir uns heute nicht einmal mehr vorstellen können. Zahlreiche Geschäftsleute und Bürgerfamilien machten mit – der erste Faschingsprinz war Kommerzialrat Kurt Zuegg. Am Lienzer Bahnhof trafen jede Menge Waggons voller Faschingsnarren ein, ganze Gilden von anderen Ortschaften und Städten reisten an, um sich am kunterbunten Faschingsumzug zu beteiligen.

Auf dem Bahnhof Lienz trafen 1964 die Wagen für die Faschingsparade ein, hier ein Lkw aus Kuba, bestückt mit einer russischen Atomrakete. Das waren halt noch Zeiten! Foto: Alois Baptist; Sammlung Foto Baptist – TAP

Nach 23 turbulenten Jahren schlossen sich die Türen des Rathauscafés für immer. Das Haus wurde abgerissen und 1979 neu aufgebaut. Allein die Korbstühle erfüllten weiterhin über Jahrzehnte ihre Funktion auf der anderen Seite der Drau im Stüberl des Tennisclub TCL. Das Wandgemälde von Franz Walchegger wurde vom östlichen Erkerfenster an die Südfassade übertragen und blickt nun auf jenen Platz, wo früher die Johanneskirche stand. Aber das ist eine andere Geschichte …..

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8 Postings bisher
unholdenbank

Danke für diesen tollen Artikel. Ich habe heute in diesem Haus zu tun, leider nicht mehr als Gast auf der wunderbaren Terrasse vor dem Rathauscafé. Das war ein perfekter Treffenplatz zum "Leitschaugn". Man beklagt immer wieder den Rückgang der gastronomischen Betriebe und opfert gleichzeitig einen so perfekten Caféstandplatz dem Mietmammon. In Lienz welln holt olle lei a Gscheft mochn.

    rebuh

    hast wohl einen sehr verklärten blick in die vergangenheit! damals führt dort noch die hauptstrasse vorbei. " Leitschaugn" kannst heut ein paar meter weiter sicherlich wesentlich besser, wie's überhaupt deutlich mehr "perfekte" cafestandplätze im stadtzentrum gibt, zum leitschaugn. für uns landeier war damals der höhepunkt vor dem heimfahren ein frankfurter am würstlstand gegenüber dem alten postamt!

Majo

Danke für diesen tollen, geschichtlichen Bericht über Lienz. Ja das müssen wahrlich schöne Zeiten gewesen sein. Niemand hatte zuviel, jeder brauchte jeden und man respektierte sich. Auch wenn die Zeiten damals nach dem Krieg schwierig und nicht einfach waren, die Menschen waren trotzdem irgendwie zufriedener. Hoffe noch auf so manche solcher toller Berichte, herzlichen Dank !!!

Gregor Samsa

Schade eigentlich um das Haus. Warum wurde es nach so kurzer Zeit dann vollständig abgerissen, weiß das wer?

    Kiew

    Ich glaube,l de Abriss und Umbau erfolgte mit der Neuverwendung durch das Schuhhaus "Stifelkönig"

Kiew

Danke für den interessanten Bericht. Als altem Lienzer ist mir die Geschichte dieses Hauses sehr bekannt und das Rathauscafé mit seiner tollen Musik war ein toller Freffpunkt zur Jugendzeit!

    bergfex

    Es kommen bei diesen Berichten doch wieder Erinnerungen auf. Ich besuchte damals eine Sendung von und mit Heinz Conrads. Auch der Fasching bleibt in Erinnerung. Habe einmal selbst mit einer Gruppe mit gemacht. Das "Bräustübl" war ein Pflichtbesuch.

    Ach, war es früher doch schön.

isnitwahr

sehr geehrte Frau Gander! Als Fan von Geschicht bedanke ich mich herzlich für diesen Geschichtsunterricht über unser Stadtl. Ich kann mich noch sehr gut an das Eis im Rathauscafe erinnern, das wir Kinder immer bekamen, wenn wir mit in die Stadt fahren durften. Das war immer eine Aufregung, manchmal bekamen wir dann auch einen "Indianer" (darf man das heute noch sagen?) von der Konditorei, ich glaube die hieß Sailer. Bitte weiter so mit Geschichtsunterricht, lenkt von dem ewigen Dauerthema ab und ist für Viele von uns eine Revival Tour!