Importierte Frühkartoffeln kommen aus der Wüste

Lager sind voll mit heimischen Kartoffeln, in den Regalen liegen aber Erdäpfel aus der Sahara.

Frühkartoffeln haben in Österreich erst Ende Mai Saison, doch bereits jetzt sind die ersten „Heurigen“ in den Regalen der heimischen Lebensmittelgeschäfte zu finden. „Sie werden aus Ländern wie Ägypten oder Israel importiert, obwohl noch ausreichend heimische Lagerkartoffeln verfügbar sind“, kritisiert der Verein Land schafft Leben, der über die österreichische Lebensmittelproduktion und Themen wie Lebensmittelverschwendung und Gentechnik aufklärt.

Die Kartoffeln, die bereits im März als „Heurige“ in den österreichischen Supermärkten landen, werden unter anderem in einer der lebensfeindlichsten Gegenden der Welt angebaut: Mitten in der Sahara in Ägypten erstrecken sich über hunderte Quadratkilometer grüne Felder, auf denen Ackerbau betrieben und unter anderem Kartoffeln angebaut werden. Möglich ist das durch aufwendige künstliche Bewässerung in einer Region, in der Wasser ein knappes und hart umkämpftes Gut ist.

Die riesigen Kartoffelfelder in der Wüste müssen ständig bewässert werden. Foto: NASA

Dabei könnte Österreich nach Ansicht von „Land schafft Leben“ einen großen Teil des eigenen Bedarfs an Kartoffeln selbst decken. Die österreichischen Lagerkartoffeln sind auch jetzt verfügbar. Sie werden von August bis November geerntet und bis zur nächsten Frühkartoffelernte Ende Mai gelagert. Die steigende Anbaufläche, die gute Ernte 2020 und der coronabedingte Ausfall von Hotellerie und Gastronomie als Abnehmer führen zusätzlich dazu, dass in diesem Jahr noch mehr Kartoffeln in den österreichischen Lagerhallen liegen. Alleine in Osttirol sind es noch rund 800 Tonnen.

Die Lösung für das Dilemma liegt für den Verein auf der Hand: „Die überschüssigen heimischen Erdäpfel essen, statt Frühkartoffeln aus Ägypten zu importieren. Doch die typische Gastronomie-Kartoffel ist für die KonsumentInnen aufgrund ihrer Größe unattraktiv. Sie wollen lieber die feine und kleine Frühkartoffel und das am besten schon Ende Februar. Durch die Lagerfähigkeit haben wir das ganze Jahr über österreichische Kartoffeln zur Verfügung und müssen nicht zu Importware aus Ländern wie Ägypten und Israel greifen.“

Jeder Griff ins Regal sei auch ein Produktionsauftrag, meint die Geburtshelferin von „Land schafft Leben“, Maria Fanninger: „Nachgeschlichtet wird nur das, was vorher auch herausgenommen wurde. Greifen wir also nicht zu importierten Frühkartoffeln, werden diese auch nicht mehr nachbestellt.“

Auch ohne die importierten Frühkartoffeln käme Österreich nach Ansicht von „Land schafft Leben“ ganz gut über die Runden. Grafik: Land schafft Leben

Die heimischen Landwirte bleiben momentan auf ihren Kartoffeln sitzen, während Ware aus weit entfernten Ländern importiert wird – das kritisiert auch Tirols Landwirtschaftskammer-Präsident Josef Hechenberger. Er zeigte sich kürzlich entrüstet über Handelspraktiken der Supermarktkette Billa: „Unsere heimischen Kartoffelbauern stehen vor ihren vollen Lagern, da wichtige Abnehmer aus Gastro und Tourismus ausfallen. Seit Wochen arbeiten wir auf Hochtouren daran, die über 2.000 Tonnen Speisekartoffeln in den Absatz zu bringen und dann findet man im Gemüseregal der Lebensmittelkette Billa Kartoffeln aus Ägypten, die um das Vierfache des Kampfpreises, für den unsere Tiroler Kartoffeln zum Kauf angeboten werden, verkauft werden.“

Billa verkauft laut Hechenberger derzeit Kartoffeln aus Ägypten zum Preis von 1,99 Euro „während heimische Ware um 50 Cent verkauft wird.“ Die Rewe Group, der Billa angehört, äußerte sich auf Anfrage von dolomitenstadt.at zu den Vorwürfen. „Die genannten Erdäpfel aus Ägypten sind nicht flächendeckend in unseren Märkten gelistet. Hier steht grundsätzlich der Kundenwunsch im Vordergrund, da von Kundenseite nachgefragt wird, wann die sogenannten Frühkartoffeln wieder in die Regale kommen. Daher haben die Märkte individuell die Möglichkeit, das Ein-Kilo-Netz Frühkartoffeln bei Bedarf als Zusatzsortiment zu listen bis die ‚Heurigen‘ aus Österreich mit Erntebeginn im Frühjahr wieder in unseren Märkten verfügbar sind“, sagt REWE-Österreich-Pressesprecher Paul Pöttschacher.

Heimische Kartoffeln werden laut Pöttschacher das ganze Jahr über in Billa- und Merkur-Märkten angeboten, außerdem arbeite man mit über 1.400 lokalen und regionalen Lieferanten in ganz Österreich zusammen. Dennoch gibt es tausende Tonnen an überschüssigen österreichischen Kartoffeln, die – wenn sie keine Abnehmer finden – an Nutztiere verfüttert werden. Hinzu kommt auch der ökologische Aspekt: Die importierten Frühkartoffeln legen einen Transportweg von bis zu 5.000 Kilometern zurück, bis sie in Österreichs Supermarktregalen ankommen. Damit sie überhaupt produziert werden können, versickert viel Wasser im buchstäblichen Wüstensand. Klimaschutz und Regionalität gehen anders.

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19 Postings bisher
Kapatieme

Ich sehe schon auch die Schuld bei den Lebensmittelkonzernen. Schliesslich entscheiden die Einkäufer was in den Laden kommt, oder ? Muss ich als Konsument echt schon bei den Kartoffeln auf solche Sachen achten ? Persönlich kaufe ich meine nur Kartoffeln direkt beim Bauer. Wie Eier, Brot, Äpfel , usw . Von mir aus können die Märkte auf ihrer Importware gerne sitzen bleiben. Dann hört sich das ganz schnell auf, wetten ?

    steuerzahler

    Als Konsument muß man leider immer genauer hinterfragen, was einem die Lebensmittelbranche vorsetzt. Steirische Äpfel aus Chile sind nur ein Beispiel. Ich lese auch immer das Kleingedruckte. Meistens lasse ich das Zeug dann liegen.

      unholdenbank

      Ja, so muß man es machen. So weit sind wir gekommen, dass man nicht mehr nur einkaufen geht, sondern auch noch kontrollieren muss, woher das Zeug wirklich stammt. Dazu kommt noch, dass dabei offiziell gelogen werden darf (Wenn etwas in Österreich verpackt worden ist, gilt es als "made in Austria" - siehe FFP2 Masken von Lenzing oder die Biolüge). Wer hat aber wirklich Zeit, Lust und Verantwortungsbewusstsein, um bei jedem Produkt auf den Zettel mit der Winzaufrischt "Herkunftsland" zu achten. @Steuerzahler: Ich achte Ihr Verhalten sehr. Hut ab, Wirklich. Ich ertappe mich selbst leider allzuoft dabei, das nicht zu tun - Unachtsamkeit, Hudelei, Stress- ein geschickt ausgenutzter Trick für die Lebensmittelindustrie.

baur.peter

ich möchte jeden ans herz legen, wenn mal ein wenig zeit übrig ist, sich die webseite vom verein "land schafft leben" anzuschaun. sehr informativ, aktuell und faktenbasierend, es wird aufgezeigt, wieso es so ist wie es ist. stichwort: kälbertransporte, klimasünder landwirtschaft, ...

Neutral92

Der Verbraucher ist gefragt. Wenn jeder ein wenig auf die Herkunft schauen würde, gäbe es so etwas garnicht. Ich persönlich meide manche Geschäfte von Haus aus. Gemüse, Obst, Fleisch, Milchprodukte... die nicht aus Österreich kommen lasse ich liegen.

Bergtirol1

Frühkartoffel aus Ägypten gibt es schon lange - - ja fast schon ewig, leider oder gottseidank!! Es ist wie bei allen anderen Artikeln im Lebensmittelhandel, z. B. Wer will schon im August Lebkuchen? - - Angebot und Nachfrage oder wer will schon auf Bananen das ganze Jahr über verzichten? - - auch Angebot und Nachfrage. Und so ist es auch um heimische Kartoffel bestellt - - Angebot und Nachfrage - - so war es bisher und wird es auch bleiben - - wie gesagt Leider oder Gottseidank!!

    unholdenbank

    Angebot und Nachfrage - ja richtig. Wo kein Angebot, da auch keine Nachfrage. Wenn es keine ägyptischen Frühkartoffeln gibt, gibt es auch keine Nachfrage. Dasselbe gilt für Avocados und Spargel aus Peru, Weintrauben aus Südafrika, Bohnen aus Ägypten usw. Mir geht das auf den Keks, dass immer der Konsument ausschließlich den schwarzen Peter zugeschoben bekommt. Wer hat schon Zeit und Lust minutiös die klitzekleine Schrift über das Herkunftsland zu lesen. Die meisten Kunden im Supermarkt kontrollieren ja nicht mal den Kassazettel oder das Wechselgeld. Wer schaut schon nach, ob der Preis am Regal mit dem verrechneten an der Kassa übereinstimmt? Wichtig ist die gekonnte, verkaufstechnische Präsentation. Produktehrlichkeit ist zweitrangig. Und dann soll man noch bei jedem Produkt auf die Herkunft schauen. Wann nimmt denn der "Handel" endlich seinen Teil der Verantwortung wahr?? Die versuchen doch mit aller Gewalt, den Kunden das Zeugs aufs Auge zu drücken und zu verkaufen. Ich habe es noch nie erlebt, dass im Supermarkt jemand ausdrücklich nach ägyptischen Frühkartoffeln oder peruanischen Avocados gefragt hat. Sie waren "eben da". Siehe auch Artikel über den Biomüll.

      AlterSchwede

      Wer "keine Zeit und Lust hat" sich zu informieren der hat auch keinen Grund zu meckern.

bergfex

..........Sie wollen lieber die feine und kleine Frühkartoffel...........

Denen gehört 4 Wochen bei Wasser und hartem Brot.

so ist es vielleicht

Es liegt auch am Gesetzgeber! Das einzig gute an Trumps Ideen war, dass er auf heimische Produkte setzen wollte, um der Wirtschaft IM Land zu helfen! Heut zu Tage will jeder alles jeden Tag bekommen, dann ißt man halt Erdbeeren aus Chile, Kiwis aus Neuseeland oder Kartoffel aus der Wüste. 🙈 Die Menschheit ist schon sowas von dekadent und ignorant, wenige interessierts, welchen ökologischen Fingerabdruck diese Produkte aufweisen. Aber jeder möchte, dass man etwas gegen den Klimawandel tut, nur halt nicht bei sich selbst. Ich als Konsument kann entscheiden, aber auch die Handelsketten, ob mir etwas daran liegt, ob der heimische Landwirt oder in diesem Fall die Saudis ihre Produkte los werden. Dann bekomm ich halt erst im Mai meine Frühkartoffel, ich halte das ganz leicht aus...... 👍🏻

realist

Direkt Vermarktung in 10 oder 25kg Säcken - zu vernünftigen Preisen - ohne Zwischenhandel zur Abholung und regional richtig bewerben! Kenne Viele die kaufen würden!

    bergfex

    Ihre Meinung in Ehren, bin auch dafür, aber kleinere Mengen sind gefragt. Wer kann schon einen 25 kg Sack lagern und zeitlich verbrauchen. beim heutigen Wohnungsbau. Nebenbei lassen sich "ältere" Kartoffeln für gewisse Speisen besser verarbeiten.

senf

wir haben uns im herbst mit schmackhaften und kostengünstigen kartoffeln aus dem talboden (dölsach) bis zum juni eingedeckt, wir brauchen also keine ägypter im keller.

wer keine ideale lagermöglichkeit hat, muß sich leider jeweils nach bedarf kartoffeln aus dem regal besorgen, die preisschwankungen unterliegen. das betrifft die meisten konsumenten, vor allem in den städten.

angebot heute bei uns im dorfladen: drei verschiedene sorten, herkunftsland tirol, preis ab 50 cent/kg, mehlig etwas teurer.

"kartoffel aus dem orient kommen bei uns nicht ins regal, auch wegen des verkaufspreises von 1,99 euro/kg - so die verkäuferin. bravo!

wenn jemand nach den ägyptern zugreift, dann soll er es - wir haben ja die freie marktwirtschaft. manche leute brauchen auch ein auto mit 400 und mehr ps.

Chitina

HIER liegt die Macht beim Konsumenten. So lange es Menschen gibt, die diese Erdäpfel kaufen, werden sie in unseren Regalen zu finden sein. Bleiben sie liegen, zieht der Lebensmittelhandel schnell Konsequenzen.

    unholdenbank

    Nein, immer nur die Schuld dem Konsumenten zuzuschieben ist nicht seriös. Zuerst sind ja die Kartoffeln im Regal, dann erst werden sie von "Konsumenten" gekauft. Niemand fragt ausdrücklich nach ägyptischen Kartoffeln. Eher im Gegenteil. Wenn Kunden das wüssten, würden sie diese eher nicht kaufen. Allerdings steht das Herkunftsland im Vergleich mit der Bezeichnung "Frühkartoffeln" absichtlich so klitzeklein auf dem Sack. Der Handel muß endlich auch seine Verantwortung wahrnehmen. Das scheint aber in unserer entfesselten "Markt- oder besser Konsumwirtschaft" nicht möglich.

phoenix

Wir könnten den Ägyptern im Gegenzug ein paar Container Schnee anbieten. Nur glaub ich nicht, dass die Ägypter so dämlich sind wie wir.

genaugenommen

das problem sind nicht jene die afrikanischen kartoffel anbieten, sondern jene die sie kaufen!