In Virgen ballt sich Widerstand gegen die Impfung. Foto: EXPA/Groder

In Virgen ballt sich Widerstand gegen die Impfung. Foto: EXPA/Groder

Die Impf-Aversion des „geschlossenen Völkchens“

Osttirol fällt durch eine schwache Impfrate auf. In Virgen beißt ein Landarzt auf Granit.

Starten wir mit einem Ausflug in die Vergangenheit. Nicht vor die Pandemie, aber an deren erstes Aufflackern in Osttirol. Das Ziel unserer Reise ist Virgen. Das beschauliche Sonnendorf gerät im März 2020 in den Mittelpunkt der Berichterstattung. Zwei positive Fälle in Virgen bedeuten, dass das Virus Osttirol erreicht hat. Die Infektionen hatten ihren Ursprung im Paznauntal, betrafen also „Heimkehrer“ aus Nordtirol. Stichwort Ischgl.

Zurück im November 2021. Wieder wird über Virgen gesprochen und wieder bekleckert sich der Ort nicht mit Ruhm. Die Gemeinde hat die geringste Impfquote aller Osttiroler Kommunen. Die schwache Impfbereitschaft der Virger:innen fällt umso mehr ins Gewicht, weil Osttirol im Vergleich der 94 österreichischen Bezirke mittlerweile ein Hinterbänkler ist. Mit Stand Mittwoch, 3. November, ist etwas mehr als 64 Prozent der Gesamtbevölkerung in Österreich vollständig gegen Covid-19 immunisiert. Laut Daten des Gesundheitsministeriums liegt die Impfquote noch in 25 Bezirken unter 60 Prozent – mittendrin: Osttirol. Nicht mehr viele Bezirke stehen in Sachen Impfquote schlechter da als das „zehnte Bundesland.“

Trauriger Spitzenreiter ist Braunau in Oberösterreich, wo 52,62 Prozent ein gültiges Impfzertifikat haben. Dahinter folgen Hallein (55,87 Prozent), die Stadt Wels (55,54 Prozent) und Spittal an der Drau (55,21 Prozent). Mit 57,48 Prozent reiht sich der Bezirk Lienz ein und rittert mit Vöcklabruck um den fünften Platz in dieser Statistik. Bei den Bundesländern liegt Tirol mit einer Impfrate von 62,7 Prozent knapp unter dem Österreichschnitt. Auf Bezirksebene hat Osttirol die niedrigste Impfquote Tirols.

Die Hochburg der Impfverweigerer

Gräbt man noch tiefer, fällt auf, dass mit Prägraten, Virgen, Innervillgraten, Schlaiten und St. Johann im Walde gleich mehrere Osttiroler Gemeinden beim Anteil der Vollimmunisierten noch immer deutlich unter der 50-Prozent-Marke liegen. Schlusslicht im Bezirk ist Virgen. Das Sonnendorf entpuppt sich als „Hochburg der Impfverweigerer“, nur 44,92 Prozent der Bevölkerung sind voll immunisiert. Damit ist der Anteil der Ungeimpften in Virgen ähnlich hoch wie Tirols Impfrate. Auf diesen schwachen Wert angesprochen, reagiert der niedergelassene Arzt Anton Huber mit Ironie: „Ich glaube, dass wir ein ziemlich geschlossenes Völkchen sind.“

Wirklich lachen kann der Mediziner über seinen Scherz nicht. Zu ernst ist die Lage. „Wir erreichen die Jungen nicht. Bei den Älteren und den Über-60-Jährigen haben wir hingegen eine gute Impfrate“, so Huber. Warum das so ist, wisse er selbst nicht. „Ich bin aber der Meinung, dass die Impfkampagne nicht ganz glücklich verlaufen ist. Jetzt stellt sich die Situation so dar, dass wir einerseits – und das meine ich wertfrei – die klassischen Impfverweigerer haben. Das sind etwa zehn Prozent, die wir sowieso nie erreichen werden. Und dann gibt es jene, die die Impfung noch auf die lange Bank schieben, weil sie Bedenken haben. Da führen wir als Ärzte intensive Gespräche, viele hören aber lieber auf Dr. Google und landen bei Verschwörungstheorien“, erzählt der Landarzt.

„Wir erreichen die Jungen nicht. Bei den Älteren und den Über-60-Jährigen haben wir hingegen eine gute Impfrate“, erklärt der Virgener Landarzt Anton Huber. Foto: Brunner Images

So würden unentschlossene Patienten etwa fehlende Langzeitstudien ansprechen und junge Frauen sich um ihre Fruchtbarkeit sorgen: „Natürlich sind diese Standpunkte zu akzeptieren, aber wir klären gerne auf. Derartige Sorgen wurden ja schon wissenschaftlich widerlegt.“ Huber impft in seiner Ordination jeden Freitag 40-50 Leute: „Mittlerweile sind es aber mehr Drittimpfungen als Erst- oder Zweitstiche.“ Damit die Impfquote steigt, müsse man sich an die jungen Erwachsenen wenden. „Da wäre viel mehr gewonnen. Kinder zu impfen sollte nicht die Priorität sein. Generell befinden wir uns in einer schwierigen Situation, weshalb der Impfdruck steigen wird“, sagt der Arzt und erlaubt sich noch einen Scherz: „Wir bohren in harten Brettern.“

Dass es noch schlechter geht, beweist ein Blick in die Nachbarschaft. Auch im Mölltal – vom Standard als das „Tal der Ungeimpften“ bezeichnet – ballt sich ein breiter Widerstand gegen die Impfung. Besonders die Einwohner:innen von Stall (35,81 Prozent Vollimmunisierte), Mörtschach (41,53 Prozent) und Rangersdorf (42,40 Prozent) scheuen den Stich. Auch das schmale Kärntner Tal ist nicht vor Verschwörungstheorien gefeit.


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