Tiroler Widerstand gegen das Impfen hat Tradition

1807 wurde hierzulande die Pockenimpfung Pflicht. Die Freiheitskämpfer lehnten sie ab.

Vor Kurzem verwies der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher auf der Spurensuche nach Gründen für die Impfskepsis im Land darauf, dass schon Andreas Hofer ein Impfgegner war und tatsächlich finden sich in der Geschichte des Tiroler Freiheitskampfes erstaunliche Parallelen zur Gegenwart.

1806 übernahm Bayern als Verbündeter Napoleons die Herrschaft in Tirol, ein Jahr später wurde im Zuge umfassender Reformen die Vorherrschaft der katholischen Kirche beschnitten und die Pocken-Pflichtimpfung eingeführt. Für den sagenumwobenen Kapuzinerpater Joachim Haspinger, einen Kampfgefährten Andreas Hofers, der Versuch, in Tiroler Seelen „bayerisches Denken“ einzuimpfen.

Dolomitenstadt-Leser Martin Reiter aus Reith im Alpbachtal schildert in einem aufschlussreichen Gastbeitrag die Geschichte der Pocken-Epidemiebekämpfung in Tirol zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Es ist eine Geschichte, die manches Déjà-vu auslöst.


Landarzt Edward Jenner „vakziniert“ den Oberarm eines Kindes. Die Kuh im Hintergrund ist kein Zufall. Ihre Erreger wurden zur Immunisierung gegen Pockenviren verwendet. Historischer Holzstich, Repro: Reiter

1796 übertrug der englische Landarzt Edward Jenner den Inhalt einer Kuhpockenblase über einen Schnitt im Oberarm auf einen Jungen (siehe Bild) und schützte ihn damit gegen Pocken. Die Methode wird Vakzination genannt, weil die Erreger der Kuh verwendet wurden – vom lateinischen Wort vacca, die Kuh.

Kaiserin Maria Theresia ebnete den Weg für die Impfung für einen Großteil der Bevölkerung. Sie errichtete ein „Inokulationshaus“, wo sich die Bevölkerung kostenlos impfen lassen konnte. Bei der Pockenepidemie im Jahr 1800 wurden in Österreich erstmals Massenimpfungen durchgeführt.

Schon um 1800 gab es die ersten Pockenimpfungen in Tirol und am 27. August 1807 führte Bayern als erstes Land der Welt die Pockenimpfung ein. Somit galt die Impfpflicht auch für die „bayrischen Untertanen“ in Tirol, ob sie wollten oder nicht.

Damals starb in Tirol fast noch jedes dritte Kind an einer Infektionskrankheit, vor allem an „Blattern“, sprich Pocken. Trotzdem verweigerten viele Eltern vorwiegend aus religiösen Gründen eine Impfung. Alois Zangerle, Kreisphysikus von Rattenberg schrieb 1808 über den Widerstand in der katholischen Bevölkerung: „… Philosophisch-medizinische Gründe belehren das Volk nicht, und werden in alle Ewigkeit wenigstens jenen Theil des rohen Volkes, welcher seinen Kindern lieber die Engelsglorie, als längeres Leben zu eigener Unterstützung im Alter wünscht, nie belehren.“

Kurz nach Bayern führte auch die Regierung in der Habsburgermonarchie die Pockenimpfung verpflichtend für alle Kinder ein. Erkrankungen und Todesfälle an Pocken gingen zurück, sie verschwanden aber nicht völlig. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts sank die Zahl der Todesfälle an Pocken nahezu auf Null.

Die gesetzliche Pockenschutzimpfung musste insbesondere gegen den Widerstand der katholischen Kirche durchgesetzt werden; 1824 wurde die Impfung von Papst Leo XII. sogar verboten. In Europa galten Pocken teilweise als Kinderkrankheit.

Ab dem 18. Jahrhundert häuften sich die Pockenfälle und lösten die Pest als schlimmste Krankheit ab. Nach Schätzungen starben jedes Jahr 400.000 Menschen an Pocken. Oft zählten Kinder erst zur Familie, wenn sie die Pocken überstanden hatten. Seit 1980 sind die Pocken weltweit ausgerottet.

Autor: Martin Reiter


Zwei Schriften von 1783 (Dr. Johann Michael Luzenberg) und 1803 (Dr. Anton Canestrini), die sich mit dem Thema Pocken im Stubaital und in und um Schwaz beschäftigen. Auch damals ging es schon um die „zweite Aufmunterung und Widerlegung einiger noch hie und da herrschenden Vorurtheile.“ Stiftsarchiv Fiecht, Gemeinde Vomp. Repro: Reiter

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