„Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“

Reinhold Wieser liest aus einer rührenden Kurzgeschichte von Wolfgang Borchert.

Wolfgang Borchert wurde 1921 in Hamburg geboren. Bereits mit siebzehn Jahren veröffentlichte er erste Gedichte im „Hamburger Anzeiger“. Kurz vor Kriegsbeginn begann er zunächst eine Buchhändlerlehre, nahm aber gleichzeitig auch privaten Schauspielunterricht. Nach einem kurzen Engagement an der Landesbühne in Lüneburg wurde er im Juni 1941 zum Militärdienst eingezogen.

Von der Ostfront kehrte er mit Verletzungen und schweren Erkrankungen zurück. Zwei Mal wurde er zudem wegen staatsfeindlicher Äußerungen und Zersetzung der Wehrkraft verhaftet und auch verurteilt. Bei seinem letzten Fronteinsatz im Westen geriet er 1945 in französische Gefangenschaft. Borchert gelang es, aus der Haft zu fliehen. Er marschierte zu Fuß sechshundert Kilometer nach Hamburg.

Nach kurzer Arbeit beim Kabarett und im Theater fesselten ihn seine vielen Erkrankungen aus Kriegstagen ans Krankenbett. Borchert erholte sich nicht mehr, wurde aber schriftstellerisch sehr produktiv. Wenn er auch bisher fast ausschließlich Gedichte schrieb, entstanden während dieser Zeit Erzählungen und Prosatexte. Bitterkeit und Trauer fanden unter anderem im Kriegsheimkehrer-Stück „Draußen vor der Tür“, das er innerhalb einer Woche verfasste, ihren Ausdruck. Borchert starb am 20. November 1947 in Basel im Alter von nur 26 Jahren.

Wolfgang Borchert. Foto: Carl von Ossietzky (Universitätsbibliothek Hamburg), 1940, Creative Commons-Lizenz.

„Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“ ist eine rührende Geschichte, die humorvoll und sanft im Ton von Freundschaft, Toleranz und Würde spricht. Eine für Wolfgang Borchert untypische Erzählung – so lebensfroh, so kindlich und bunt. Sie handelt von einer ganz besonderen Begegnung zweier Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Da gibt es zum einen den Onkel: Lebenslustig, abenteuerlustig, kraftvoll – trotz Kriegsverletzung. Alles an ihm ist groß, auffallend und laut. Und dann gibt es noch den Kellner: Klein, grau, niedergedrückt und vom Leben gezeichnet. Alles an ihm wirkt schäbig.

Was sie eint, ist ein Sprachfehler. Dem Onkel wurde in Frankreisch die Tschungenschpitze weggeschoschen, der Kellner trägt die sch-Laute scheid Geburt mit schich herum. Als sie sich das erste Mal begegnen, im Gartenlokal, fühlen sich beide vom jeweils anderen gehänselt. Was sich daraus entwickelt, ist wunderbar.


Die Lesereihe „Unerwartete Begegnungen“ wird vom Literaturkreis der Stadtbücherei Lienz realisiert, dessen Mitglieder die Texte ausgewählt und selbst eingelesen haben. Ursprünglich waren adventliche Lesungen in der Bücherei geplant, die aber der Pandemie zum Opfer fielen. 

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