Viel öfter als hinter dem Trauungstisch im westlichen Turm der Lienzer Liebburg - hier mit Timo und Beatrice - sitzt Standesbeamtin Sabine Istenich an ihrem Schreibtisch im Büro. Alle Fotos: Dolomitenstadt/Wagner

Viel öfter als hinter dem Trauungstisch im westlichen Turm der Lienzer Liebburg - hier mit Timo und Beatrice - sitzt Standesbeamtin Sabine Istenich an ihrem Schreibtisch im Büro. Alle Fotos: Dolomitenstadt/Wagner

„Trauungen machen nur fünf Prozent meiner Arbeit aus“

Standesbeamtin Sabine Istenich erzählt aus ihrem Arbeitsalltag und nimmt uns zu einer Vermählung mit.

„Meine erste Hochzeit war ganz spontan“, lacht Sabine Istenich, Standesbeamtin in Lienz. Damit meint sie natürlich nicht ihre eigene Hochzeit, sondern die erste standesamtliche Vermählung, die sie durchführen durfte. „An meinem zweiten Tag als Standesbeamtin kam ein Pärchen zur geburtsurkundlichen Eintragung ihres Kindes und fragte, wie lange es denn dauere zu heiraten“, erinnert sich Istenich. So stand sie wenige Minuten später unverhofft im westlichen Turmzimmer der Liebburg, um die beiden standesamtlich zu trauen.

Seitdem hat Istenich schon zahlreiche „Ja-Worte“ beurkundet, wie viele, weiß sie genau: 159 waren es an der Zahl. Um einen kleinen Einblick in den Arbeitsalltag einer Standesbeamtin zu bekommen, besucht Dolomitenstadt.at Sabine Istenich an ihrem Arbeitsplatz in der Lienzer Liebburg. Dort erwartet sie uns gemeinsam mit Beatrice und Timo, einem Pärchen aus Kiel, das sich in Lienz trauen lässt. Warum sie in Osttirol heiraten? „Einfach, weil wir gern in den Bergen unterwegs sind“, lachen die beiden.

Standesamtlich heiraten kann man überall auf der Welt – Beatrice und Timo aus Kiel reisten für ihren besonderen Tag nach Osttirol.

„Standesamtlich heiraten kann man grundsätzlich überall auf der Welt, Voraussetzung ist ein Ehefähigkeitszeugnis aus dem jeweiligen Herkunftsstaat“, meint Sabine Istenich, darauf angesprochen, warum ein deutsches Pärchen in Lienz heiraten kann. „Was mich an meiner Arbeit im Standesamt am meisten überrascht, ist, mit wie vielen verschiedenen Nationen wir zu tun haben. Allein in diesem Jahr hatten wir Kontakt zu Personen aus 39 verschiedenen Ländern, die aus unterschiedlichen Gründen – nicht nur für Eheschließungen – das Lienzer Standesamt aufgesucht haben.“ Darunter fallen EU-Staaten, aber auch beispielsweise die USA, Japan, China, Algerien oder Aserbaidschan.

Das kann die Arbeit am Standesamt durchaus kompliziert machen: „Wenn ein Franzose und eine Tschechin in Lienz heiraten, gilt das österreichische Recht, bei der Namensbestimmung beispielsweise jedoch das französische und das tschechische.“ Mit Hilfe des Internationalen Privatrechtes müssen dann drei Gesetze vereinbart werden, „das ist oft wie Puzzlespielen“, erklärt Istenich.

Nicht nur, aber auch deshalb verbringt man als Standesbeamtin viele Stunden im Büro bei Schreibtischtätigkeiten. Neben dem Zusammenführen von unterschiedlichen Ehegesetzen, dem Vorbereiten von Dokumenten oder dem Aufsetzen von Ehefähigkeitszeugnissen zählen auch die Beurkundungen von Geburten und Todesfällen sowie das Ausstellen von Staatsbürgerschaftsnachweisen zum Aufgabenbereich des Standesamtes.

„Einen sehr großen Teil unserer Arbeit machen die Nacherfassungen von Geburten, Ehen und Todesfällen aus, die vor der Einführung des Zentralen Personenstandsregisters (ZPR) analog erfasst wurden. Heute bildet das ZPR, wo sämtliche Daten digital abgerufen werden können, die Grundlage für die Arbeit am Standesamt“, erklärt Istenich. Ein Aufgabenbereich ist in den letzten Jahren verstärkt hinzugekommen: Menschen mit Asylstatus haben ein Recht auf österreichische Urkunden. Für das Ausstellen der Nachbeurkundungen, beispielsweise einer Geburtsurkunde, ist ebenfalls das Standesamt zuständig. „Das ist ein unglaublicher zusätzlicher Aufwand und dieser wird in Zukunft noch größer werden“, erklärt Istenich. Am Lienzer Standesamt stehen Istenich ihre Kolleginnen Sabine Gutwenger und Manuela Mühlmann zur Seite. 

Die Arbeit am Standesamt umfasst viel mehr als Trauungen durchzuführen, das sei der kleinste Part, erklärt Sabine Istenich.

 „Von außen sehen die Leute ja immer nur den angenehmen Part, wenn wir schön angezogen sind und die Trauungen durchführen“, lacht Istenich. In Wirklichkeit würden die Vermählungen aber gerade einmal fünf Prozent ihrer Arbeit ausmachen. Trotzdem merkt man, dass ihr gerade dieser Teil ihrer Arbeit große Freude bereitet, nicht nur, wenn man einer ihrer Trauungen beiwohnt – wie Dolomitenstadt.at es bei Beatrice und Timo durfte  – sondern auch, wenn man mit ihr darüber spricht, wie sie sich auf die Vermählungen vorbereitet.

„Gerade an Samstagen sind es oft bis zu fünf Trauungen hintereinander, trotzdem versuche ich mich auf jedes Pärchen gut vorzubereiten und die Vermählung so zu gestalten, als wären sie das erste und einzige Pärchen, das ich an diesem Tag traue“, meint Istenich. Auch versuche man am Lienzer Standesamt bestmöglich alle Wünsche zu erfüllen, was Musik und Texte oder andere Rahmenbedingungen der Gestaltung betreffe, allen Vorstellungen könne man aber nicht gerecht werden: „Eine standesamtliche Trauung ist trotz aller Romantik eine Vertragsunterzeichnung und so etwas ist an gewisse Rahmenbedingungen gebunden.“ So muss dieses rechtliche Prozedere beispielsweise in einem geschlossenen Raum stattfinden, sodass ausgeschlossen werden kann, dass außenstehende Personen anwesend sind und die Papiere müssen vor Wind und Wetter geschützt sein.

„Eine standesamtliche Trauung ist trotz aller Romantik eine Vertragsunterzeichnung und so etwas ist an gewisse Rahmenbedingungen gebunden.“

Sabine Istenich, Standesbeamtin

Am Standesamt in Lienz gibt es die Wahl zwischen der Liebburg und der Schlosskapelle auf Schloss Bruck als Orte für eine standesamtliche Trauung, wobei für eine Eheschließung auf Schloss Bruck ein Aufpreis bezahlt werden muss. „Dem Wunsch nach einer Vermählung im Freien oder am Berg können wir aufgrund des gesetzlichen Rahmens nicht entgegenkommen. Wenn ein Pärchen das wünscht, empfehle ich ihnen immer, für die Zeremonie am Wunschort eine:n freie:n Trauredner:in zu engagieren und die standesamtliche Trauung im Vorfeld in kleinem Kreis zu organisieren“, erklärt Istenich. „Den meisten Hochzeitsgästen fällt gar nicht auf, ob es sich um eine standesamtliche oder eine freie Trauung handelt.“

In dieser Form haben auch Beatrice und Timo ihre Hochzeit in Osttirol gestaltet: Am Dienstag ließen sich die beiden von Sabine Istenich in der Liebburg standesamtlich trauen, am nächsten Tag ging es dann für die Frischvermählten zur freien Trauung auf die Dolomitenhütte, wo sie mit Familie und Freunden den Start in ihr Eheleben feierten. Darauf angesprochen, aus welchem Grund die beiden heiraten, schmunzeln sie: „Eigentlich hab' ich mir immer gedacht, wir brauchen nicht heiraten, das ist nicht mehr zeitgemäß. Und irgendwann hab' ich keinen Grund mehr gesehen, es nicht zu tun“, lacht der Bräutigam.

Beatrice und Timo mit ihrer Heiratsurkunde vor der Liebburg: Unter dem guten Segen von Sabine Istenich können die beiden beruhigt in ihr Eheleben starten.

So geht es in der Frage, ob heiraten noch einem modernen Lebensstil entspricht, wohl vielen. Einen Rückgang an Trauungen kann Sabine Istenich am Lienzer Standesamt jedenfalls nicht verzeichnen. „Ich merke nur, dass der Aufwand, der für standesamtliche Hochzeiten betrieben wird, immer größer wird“, meint sie. Da wünsche sie sich manchmal, dass sich die Pärchen wieder darauf besinnen, dass eine standesamtliche Hochzeit im Grunde genommen eine rechtliche Angelegenheit ist und nicht alle Wünsche erfüllbar sind.

Was die Lienzer Standesbeamtin aber besonders freut ist, dass ihre „Quote“ bei 100 Prozent liegt: „Von den Pärchen, die ich bisher verheiratet habe, hat sich noch niemand scheiden lassen.“ Unter diesem guten Segen können auch Beatrice und Timo beruhigt in ihr Eheglück starten und sich von Familie und Freunden hochleben lassen.

Anna Maria Huber studiert in Innsbruck, schreibt nicht nur für dolomitenstadt.at sondern auch für die Straßenzeitung 20er und betreut unser Redaktionsbüro in der Landeshauptstadt. Annas Stärken sind penible Recherchen und die Fähigkeit, komplexe Inhalte in klare und verständliche Artikel zu verwandeln.

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