Seit Roxanne A. mit ihrer Solidaritäts-Aktion an die Öffentlichkeit getreten ist, musste sie zwei Anzeigen wegen Verfolgung bei der Polizei einbringen. Leise sein kommt jedoch nicht in Frage. Foto: Dolomitenstadt/Huber

Seit Roxanne A. mit ihrer Solidaritäts-Aktion an die Öffentlichkeit getreten ist, musste sie zwei Anzeigen wegen Verfolgung bei der Polizei einbringen. Leise sein kommt jedoch nicht in Frage. Foto: Dolomitenstadt/Huber

Studentischer Aktivismus: „Be a voice for Iran“

Eine US-Amerikanerin mit iranischen Wurzeln initiierte eine Solidaritäts-Fotoaktion in Innsbruck. Ein Interview.

„Jin, Jîyan, Azadî“ –  „Frauen, Leben, Freiheit“ – proklamieren tausende Iraner:innen seit mehr als 50 Tagen auf den Straßen des Landes, dessen Alltag seit der sogenannten „Islamischen Revolution“ im Jahr 1979 von der nationalreligiösen Zwangsordnung der Islamischen Regierung geprägt ist.

Wenn Roxanne A. die Worte „Women, Life, Freedom“ ausspricht, dann spiegelt sich darin ihre persönliche Vergangenheit, aber noch viel mehr, vor allem eine Zukunft, in der Frauen – und alle Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft – nicht nur im Iran, sondern weltweit ein freies und selbstbestimmtes Leben führen können.

Roxanne A. hat iranische Wurzeln, seit fünf Jahren lebt sie in Innsbruck, geboren wurde sie allerdings in New Orleans, Louisiana/USA. Ihr Vater war zum Zeitpunkt der Revolution ausgewandert, ihre Mutter folgte ihm sieben Jahre später. „Für meine Mama war es nicht leicht. Sie wuchs in einer sehr strengen Familie auf und lebte dann noch für einige Jahre unter dem Islamischen Regime im Iran, bis sie meinem Vater in die USA nachfolgen konnte.“ Bis zu ihrem 16. Lebensjahr reiste Roxanne regelmäßig in den Iran, um ihre Familie und Freunde zu besuchen. „In Amerika hab‘ ich mich immer fehl am Platz gefühlt. Für mich war der Iran meine Heimat, da passte meine Kultur hin, meine Sprache, da konnte ich ich selbst sein“, erzählt sie, als Dolomitenstadt.at sie für ein Gespräch in Innsbruck trifft.

Richtig frei habe sie sich in Amerika nie gefühlt, „gerade rund um 9/11 hatten die Leute auch viele Vorbehalte gegenüber Menschen mit ostasiatischem Aussehen“, meint sie. Andere Formen der Freiheitsbeschränkung erlebte sie bei ihren Besuchen im Iran: „Ich bin, als ich 15 war, einmal von der Sittenpolizei auf der Straße aufgehalten worden. Sie hielten mich auf, weil ich meine langen Ärmel nach oben gekrempelt hatte – es war damals unglaublich heiß, einer der wärmsten Sommer überhaupt im Iran. Ich hatte unglaubliche Angst.“ Durch einen Erklärungsversuch ihrer Cousine endete der Vorfall zwar ohne Konsequenzen, ständig in dieser Angst zu leben sei für sie aber unvorstellbar, erzählt Roxanne. Für die Iraner:innen ist das die bittere Realität.

Sie gehen aus dem Haus und wissen, dass sie an diesem Tag sterben könnten, aber sie gehen trotzdem.

Roxanne A.

Ein Eingreifen der Sittenpolizei war es auch, das die Proteste im Iran ausgelöst hat: Mahsa Amini, ihr kurdischer Name lautete Jina Amini, wurde von der Polizei festgenommen, weil sie ihren Hidschab falsch getragen haben soll – sie starb während ihrer Inhaftierung. „Seitdem sterben immer noch Frauen bei den Protesten. Sie gehen aus dem Haus und wissen, dass sie an diesem Tag sterben könnten, aber sie gehen trotzdem. Für alle anderen Frauen, für ihre Kinder und Enkelkinder, für ein besseres Leben, für die Freiheit“, so Roxanne.

Wie ihre Verwandten und Freunde im Iran von den Protesten beeinflusst sind oder ob sie daran teilnehmen, weiß sie nicht: „Es gibt, seit die Proteste begonnen haben, fast keine Kommunikationsmöglichkeiten mehr“. Das bekräftigt sie umso mehr, so wie viele andere Menschen weltweit, ihre Stimme zu erheben und nicht leise zu sein. Denn: „Auch nichts zu sagen ist ein Statement.“

Mit Unterstützung der Studierendenorganisation „VSStÖ“ organisierte Ardekani eine Fotoaktion, bei der sie Studierende der Universität Innsbruck mit solidarischen Statements zu den Protesten im Iran ablichtete. „Ich habe nicht gedacht, dass die Aktion solche Wellen schlägt. Die Tiroler Tageszeitung hat darüber berichtet, seitdem bin ich zweimal von fremden Männern verfolgt worden.“ In beiden Fällen erstattete sie Anzeige bei der Polizei. Ob sie zu ihrer eigenen Sicherheit ihren Namen nicht auf Dolomitenstadt.at lesen möchte? „Nein, es ist nichts verglichen mit dem Risiko, dem sich Frauen im Iran jeden Tag aussetzen“, meint sie.

Nicht leise zu sein und nicht wegzuschauen, das treibt Roxanne A. an. Durch die große Solidaritätsbewegung auf der ganzen Welt erhofft sie sich, dass die aktuellen Proteste endlich zu einer Veränderung führen: „Es sind nicht die ersten Proteste dieser Art, aber bisher haben sie den Rest der Welt nicht interessiert.“ Warum, verstehe sie nicht, es gehe in den Aufständen nicht nur um den Iran, es gehe um Frauen- und Menschenrechte auf der ganzen Welt. „Da kann ich nicht sagen, dass mir das egal ist, das kann jeden betreffen. Der Iran war bis 1979 ein freies Land, niemand hätte sich damals vorstellen können, dass sich alles so verändert, so wie man es sich heute in Österreich nicht vorstellen kann, dass es auch anders sein könnte.“

Anna Maria Huber studiert in Innsbruck, schreibt nicht nur für dolomitenstadt.at sondern auch für die Straßenzeitung 20er und betreut unser Redaktionsbüro in der Landeshauptstadt. Annas Stärken sind penible Recherchen und die Fähigkeit, komplexe Inhalte in klare und verständliche Artikel zu verwandeln.

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Mit amerikanischer Unterstützung errichtete Schah Reza Pahlavi von 1941 bis 1979 ein autoritäres Regime im Iran und ließ die Opposition durch den Geheimdienst SAVAK brutalst unterdrücken.

 
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    SCHWARZER Hannes

    Aus wikipedia kopieren kann ich auch! Sollte eigentlich akademisch richtig als Zitat gekennzeichnet sein!!

     
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      aktuell

      Stimmt!

       
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Also, wir machen Fotos um einen Statement nach Iran zu senden und hier vor der Nase wird eine Iranerin verfolgt!

 
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gemeiner Waldkauz

Tolles und mutiges Engagement!

 
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