Für die Ausstellung "Protokoll des Schweigens" nimmt Annelies Senfter unter anderem Bezug auf Zeitzeugenberichte, die der Journalist Michael Mayr in den 80er-Jahren in Sillian aufgenommen hat. Alle Fotos: Annelies Senfter

Für die Ausstellung "Protokoll des Schweigens" nimmt Annelies Senfter unter anderem Bezug auf Zeitzeugenberichte, die der Journalist Michael Mayr in den 80er-Jahren in Sillian aufgenommen hat. Alle Fotos: Annelies Senfter

Heinfelser Kirche gibt dem Nichtgesagten Raum

Kunstausstellung erinnert an Sillianer Fluchthelferin Rosa Stallbaumer und in Osttirol verfolgten Jüdinnen und Juden.

Viele Einwohnerinnen und Einwohner des Hochpustertals in Osttirol wissen es noch aus Erzählungen: In der NS-Zeit gab es einheimische Fluchthelfende, die unschuldig verfolgten Jüdinnen und Juden halfen, über die Grüne Grenze an den Südhängen des Tales nach Italien zu gelangen. Eine Podiumsdiskussion beschäftigte sich Anfang November in Heinfels mit der Osttiroler Fluchthelferin Rosa Stallbaumer. In diesem Rahmen wurde die Ausstellung „Protokoll des Schweigens“ in der Kirche St. Peter und Paul eröffnet. Diese ist bis Samstag, 3. Dezember 2022, täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Das Ziel einer lebendigen Gedenkkultur, die sich einer Annäherung an das historische Geschehen verpflichtet fühlt, ist eine größere Wachsamkeit für das Heute.

Bischof Hermann Glettler

Der Osttiroler Historiker und Leiter des Tiroler Fotoarchivs Martin Kofler hat die Ereignisse von damals erforscht und publiziert. Namentlich als Fluchthelfende nennt er: Hedwig Valyi (geb. Stallbaumer), Josef Valyi, Anton Stallbaumer, Rosa Stallbaumer (ermordet im KZ Auschwitz 1942), Aloisia Bürgler, Michael Weitlaner, Gertraud Schneider und Georg Schneider (beide vulgo Perlunger). Beim Fluchtversuch von Wien über Sillian nach Italien 1942 verhaftet und in Maly Trostinez ermordet wurden die Jüdinnen Irene Sputz und Kornelia Sputz.

Nach eingehender Recherche zu Widerstand und Fluchthilfe in der NS-Zeit und Auseinandersetzung mit den Forschungsergebnissen von Martin Kofler dazu, nimmt die Künstlerin Annelies Senfter zusätzlich Bezug auf Zeitzeugenberichte, die der Journalist Michael Mayr in den 80er-Jahren in Sillian aufgenommen hat. Darin kommen Verhörmethoden und Misshandlungen der Gestapo zur Sprache – vielmehr wird für die Künstlerin jedoch spürbar, was nicht mehr an die Zeit des NS-Regimes erinnert oder gesagt werden kann oder will.

Diese wahrnehmbare Kraft des Schweigens ist zentral in ihren beiden Arbeiten. Erniedrigende Handlungen und Misshandlungen bei Verhören setzt sie in „Ein Garten im Wald“ und „Protokoll des Schweigens“ um. Dafür legt sie Pflanzenknollen des Dolden-Milchsterns (engl. Star of Bethlehem), einer seltenen heimischen Wildpflanze, unter die Erdoberfläche und sie zerknüllt Papiere, um sie dann sorgfältig wieder zu glätten und in Form von Akten abzulegen.

An der Grünen Grenze zu Italien sollen im kommenden Frühjahr die ersten Blüten sprießen und an die gefährliche Flucht unschuldig verfolgter Jüdinnen und Juden erinnern.

So entstehen, analog zu den auf Schreibmaschine getippten und mit Durchschlagpapier vervielfältigten Verhörprotokollen aus den 40er-Jahren, zu den zehn bekannten Fluchthelfenden und Opfern in Sillian neue Akten, die in ihrer Kraft und Fragilität das nicht mehr Aussprechbare erspüren lassen. Aus dem, was jetzt verdeckt unter der Erdoberfläche liegt, erhofft sich die Künstlerin im folgenden Frühling an der „Grünen Grenze“ zu Italien erste Blüten.

Bischof Hermann Glettler betont bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der Eröffnung in Heinfels, dass das Gedenken an konkrete Personen, die innerhalb der herrschenden Tyrannei Widerstand geleistet haben, ein beredtes Zeugnis einer umfassenden und heilsamen Erinnerungskultur sei: „Das Ziel einer lebendigen Gedenkkultur, die sich einer Annäherung an das historische Geschehen verpflichtet fühlt, ist eine größere Wachsamkeit für das Heute.“ Die Ausstellung wird vom Seelsorgeraum Hochpustertal unter Dekan Anno Schulte-Herbrüggen ermöglicht.


Zur Künstlerin:

Annelies Senfter ist in Lienz geboren, lebt und arbeitet als bildende Künstlerin in Salzburg und Lienz. Das Werk von Annelies Senfter bewegt sich zwischen Fotografie, Recherche und poetischen Erforschungen. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, darunter das Österreichische Staatsstipendium für künstlerische Fotografie (2018) oder den Tiroler Förderpreis für zeitgenössische Kunst (2021). Institutionelle Einzel- und Gruppenausstellungen hatte sie in den vergangenen Jahren unter anderem im Salzburger Kunstverein, Kabinett („Coming to See“, 2017) im Museum der Moderne, Salzburg Mönchsberg („all natural. 100% Sammlungen“, 2019), im Kunstpavillon und Neue Galerie, Innsbruck („Convergence“, 2020). Außerdem ist sie mit ihrem Werk „Asking someone's permission…“ in der Dolomitenstadt-Galerie vertreten.


Mehr Informationen:

PROTOKOLL DES SCHWEIGENS
Kirche St. Peter und Paul, Panzendorf 1, 9919 Heinfels
Geöffnet: Sonntag, 6. November bis Samstag, 3. Dezember 2022, tägl. 10:00 bis 17:00 Uhr

EIN GARTEN IM WALD
In der Nähe des Perlunger Hofes in Sillian an der Grenze zu Italien. Blüte ab April/Mai 2023

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