„Finger weg, wenn die Weiberleit aufstehn!“

Die 92-jährige Marianne Gratz erzählt von kargen Zeiten, mutigen Frauen und einem Gipfelsieg mit 15 Jahren. 

Marianne Gratz, vulgo Kerer, hat im Laufe ihres Lebens viele gesellschaftliche Umbrüche nicht nur miterlebt, sondern auch mitgestaltet. Sie wuchs auf einem kleinen Bauernhof in Raneburg im Tauerntal auf, ohne Strom und Wasser, und lange vor dem Bau jeglicher Straße Richtung Felbertauern. Hartes Arbeiten auf dem elterlichen Hof, stundenlange Schul- und Kirchwege bei jedem Wetter und die ständige Konfrontation mit den Naturgewalten prägten ihre Kindheit. Lebensbedingungen, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können.

Marianne Gratz (ganz rechts) mit ihren Eltern und Geschwistern.
Marianne (rechts) wuchs auf einem kleinen Bauernhof in Raneburg auf. Fotos: privat

Rückblickend empfindet Marianne die Kinder- und Jugendjahre als unbeschwert: „Die Fröhlichkeit kam nie zu kurz.“ Diese Art des Aufwachsens – davon ist die 92-Jährige überzeugt – hat ihr im weiteren Leben geholfen. Als junge Frau arbeitete Marianne am Ködnitzhof in Kals als Stubenmädchen und lernte dort ihren Mann Peter kennen. Sie wurde Kererbäurin – und Mutter von neun Kindern. 

Politischer Aktivismus war in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur in Kals eher Männersache – bis Kraftwerkspläne auftauchten und Marianne Gratz als Ortsbäuerin mit anderen mutigen Frauen ins Rampenlicht trat. Die „Kalser Frauen“ gründeten eine Bürgerinitiative gegen ein geplantes Mega-Kraftwerk im Dorfertal. Es gab Pläne für zahlreiche große Speicherseen in Osttirol im heutigen Nationalparkgebiet, die nach und nach verworfen wurden. Nur am Dorfertal-Kraftwerksprojekt hielten die Tiwag und die Tiroler Landesregierung fest: eine 220 Meter hohe Talsperre mit gigantischem Speichersee. 

Mutig und zupackend – Marianne Gratz setzt ihre Überzeugungen in Taten um, oft wider die Konventionen. Foto: privat

Viele Männer in Osttirol erhofften sich Arbeit durch den Kraftwerksbau, viele Frauen und manche Bauern waren aber gegen die Zerstörung des Dorfertales mit seinen Almflächen und fühlten sich von der Staumauer bedroht. Bei einer Volksbefragung im September 1987 entschied sich überraschend 63 Prozent der Kalser Bevölkerung gegen das Kraftwerk, beeinflusst auch durch die Überzeugungsarbeit der Frauen, die selbst dem legendären Eduard Wallnöfer Respekt einflößten. Er meinte damals: „Finger weg, wenn die Weiberleit aufstehen!“

Marianne Gratz war aber nicht nur politisch mutig und zupackend, sie setzte ihre Überzeugungen immer in Taten um, oft wider die damaligen Konventionen. Mit 15 stand die junge Kalserin bereits auf dem Gipfel des Großglockners, den Führerschein machte sie mit Mitte Vierzig und leidenschaftliche Schifahrerin war Marianne schon zu einer Zeit, als manche sicherlich munkelten: „Hat denn die Kererbäurin gar nichts zu tun?“


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Evelin Gander ist nicht nur Stadtführerin und Biobäuerin, sondern auch Ideenlieferantin und Geschichtenerzählerin mit viel Einfühlungsvermögen. Thema ihrer Reportagen und Podcasts ist das Leben in all seinen Facetten.

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Ein Posting

Doelsach

Danke für diese wunderbsre Geschichte... Jaja - die Weiberleut darf man nicht unterschätzen mit ihrer Urschöpferkraft❤ ....mich tät nicht wundern, wenn bei einem"Chatprotokoll😉" rauskommt, dass GOTT eine Frau is😇... 🙏🧚‍♂️🌍💑

 
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