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Laut OECD wird in Österreich so viel Alkohol konsumiert wie in wenigen anderen Ländern. Die Auswirkungen sind dramatisch. Foto: iStock/Agrobacter

Laut OECD wird in Österreich so viel Alkohol konsumiert wie in wenigen anderen Ländern. Die Auswirkungen sind dramatisch. Foto: iStock/Agrobacter

„Keine Politikerbegrüßung ohne das Schnapserl“

Ein Blick hinter die Kulissen des Vereins AhA und auf die kulturelle Droge Nr. 1: Alkohol. Wie gelingt der Ausweg aus der Sucht?

Peter ist seit 14 Jahren trocken: „Es war die beste Entscheidung meines Lebens.“ Für unser Podcastgespräch öffnet er uns die Türen zum Lokal des Vereins „AhA“, wo sich in einem geschützten Rahmen sonst nur Alkoholkranke treffen. Er gewährt uns Einblicke hinter die Kulissen des Vereins und der Alkoholsucht. „AhA“ steht für „Alkoholkranke helfen Alkoholkranken“. Peter ist Leiter der Selbsthilfegruppe „AhA“, deren Ziel es ist, alle Betroffenen dabei zu unterstützen, dauerhaft vom Trinkzwang loszukommen und den Selbstwert und auch die Lebensfreude jedes Einzelnen wiederzuerlangen.

Evelin und Peter trinken Espresso und reden über Alkohol. Foto: Dolomitenstadt/Wagner

„Wenn ich Diabetiker bin und keinen Kuchen esse, findet das jeder normal. Wenn ich aufgehört habe zu rauchen, klopft mir jeder respektvoll auf die Schulter. Aber wenn ich ein Glas Alkohol ablehne, weil ich alkoholkrank bin, führt das zu ganz anderen Reaktionen.“  Peter nennt es einen Denkfehler unserer Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die Krankheiten moralisch bewertet. Wo Alkohol allgegenwärtig ist, ja, es oft sogar einer Rechtfertigung bedarf, wenn man keinen Alkohol trinken möchte, aber dann mit einem Alkoholkranken doch niemand etwas zu tun haben will.

„Wenn ich Diabetiker bin und keinen Kuchen esse, findet das jeder normal. Wenn ich aufgehört habe zu rauchen, klopft mir jeder respektvoll auf die Schulter. Aber wenn ich ein Glas Alkohol ablehne, weil ich alkoholkrank bin, führt das zu ganz anderen Reaktionen.“

Peter, Leiter der Selbsthilfegruppe „AhA“

Laut OECD-Gesundheitsbericht wird in Österreich so viel Alkohol konsumiert wie in wenigen anderen Ländern. Die Auswirkungen sind dramatisch: Man spricht von über 300.000 alkoholkranken Personen, allein im Bezirk Lienz sind es etwa 3.000 Menschen, die alkoholkrank sind. „Betroffen von der Alkoholabhängigkeit sind aber drei- bis sechsmal so viele. Dazu gehören die Familie, Freunde, Arbeitskollegen und viele mehr“, verdeutlicht Dr. Michael Linder, Leiter des Psychologisch/Psychotherapeutischen Dienstes im BKH Lienz, im Interview.

Die Erkrankung entwickelt sich meist schleichend. Alkohol wird konsumiert, um mit Stresssituationen besser umzugehen, aber mit der Zeit gewöhnt sich der Körper daran. Immer größere Mengen Alkohol werden benötigt, um den gleichen entspannenden Effekt zu erzielen und man schlittert in die Abhängigkeit. So wie Peter: „Das ganze Leben dreht sich um Alkohol. Ein Alkoholkranker entscheidet sich eher für den Alkohol als für die Partnerin.“

Die Suchthilfe Tirol bietet für alle Betroffenen von Suchterkrankungen - und davon gibt es viele - individuelle und anonyme Einzelberatungen, auch für Angehörige. Der problematische Alkoholkonsum, alkoholassoziierte Erkrankungen und Todesfälle sind seit Jahren rückläufig. Aufschrecken lässt aber, dass die Anzahl der Kinder und Jugendlichen mit einem gefährlichen Drogenkonsum auch in Osttirol in den letzten zwei Jahren drastisch gestiegen ist. 

„Keine Aschermittwochrede ohne Bier in der Hand, keine Politikerbegrüßung ohne das Schnapserl. Die kulturelle Droge Nr. 1 ist nach wie vor Alkohol, mit schlimmen Folgen für Körper und Psyche“, sagt Michael Linder. Übermäßiger Alkoholkonsum kann viele Organe schädigen und zu Frühdemenz führen. „Es ist nicht lustig, wenn eine 50-jährige Frau glaubt, es sei Sommer, obwohl es schneit.“ Weiterhin ist Alkohol eine depressiogene Substanz, kann also eine Depression überhaupt erst auslösen.

Aus dem Epidemiologiebericht Sucht 2022 geht hervor, dass etwa jede siebte Person in Österreich in einem gesundheitsgefährdenden Ausmaß trinkt, Männern doppelt so häufig wie Frauen. 

Ab welcher Menge Alkohol ist der Konsum nun problematisch? 

Als Grenzwert für ein deutlich erhöhtes Risiko einer Gesundheitsgefährdung für gesunde erwachsene Personen wurde in Österreich ein täglicher Konsum festgelegt, der etwa zwei großen Bier oder etwas weniger als einer Flasche Wein für Frauen und drei großen Bier oder einer Flasche Wein für Männer entspricht. Michael Linder hält nichts von der Unterscheidung zwischen risikoarmem und problematischem Konsum. Schon ein Glas Wein sei problematisch. „Ist die Tür nicht schon offen, wenn sie einen Spalt offen ist? Alkohol ist ein legales Nervengift. Ich trinke auch Alkohol, aber es geht um das Bewusstsein der Gefahren.“ 

„Ist die Tür nicht schon offen, wenn sie einen Spalt offen ist? Alkohol ist ein legales Nervengift.“ Michael Linder ist Leiter des Psychologisch/Psychotherapeutischen Dienstes im BKH Lienz. Foto: BKH Lienz

Auch der gängigen Vorstellung, Alkoholismus liege in der Familie, kann Linder nichts abgewinnen. „Wenn jemand sagt, er hat es genetisch, dann sage ich provokant, wir können es gleich bleiben lassen. Weil so einfach darf man es sich nicht machen. Jeder kann etwas gegen seine Alkoholsucht tun.“ Dass in manchen Familien die Alkoholkrankheit vermehrt auftritt, sei vielmehr darauf zurückzuführen, dass dort Alkoholkonsum über Generationen vorgelebt werde.

Alkoholkrankheit ist eine Krankheit wie jede andere und bedarf ärztlicher Behandlung. Wenn ich mich von meiner Alkoholsucht befreien möchte, wie gehe ich vor? „Als erstes wird oft mit dem Hausarzt, der Suchthilfe oder einer anderen Vertrauensperson gesprochen. Dann folgt meistens ein stationärer 14-tägiger Entzug auf der Psychiatrie. Der Weg dort hin ist für viele kein einfacher. Ich werde damit konfrontiert, dass ich wirklich ein Problem habe, dem ich mich stellen muss und man sollte deshalb nicht nach z. B. Villach ausweichen.“ Der körperliche Entzug im Krankenhaus wird medikamentös unterstützt und ist nicht schmerzhaft. Ein Selbstentzug zu Hause ohne ärztliche Betreuung kann sehr gefährlich sein!

„Es ist kein Sprint, es ist ein Marathon, aber es ist machbar.“

Anschließend wird eine zweimonatige Entwöhnung empfohlen, z. B. in Treffen, Hall oder Mutters. Dort lernt man einiges über die Sucht und wird psychologisch auf ein Leben ohne Alkohol vorbereitet. Bleiben nach dem körperlichen Entzug nur fünf Prozent der Alkoholkranken abstinent, sind es nach dem zweimonatigem Aufenthalt schon 30 Prozent.

Im ersten Jahr nach dem Entzug ist die Gefahr des Rückfalls sehr hoch, deshalb sind Nachsorgegruppen wie die AA (Anonyme Alkoholiker), die AhA und die Suchthilfe Tirol von großer Bedeutung. Michael Linder empfiehlt, mindestens zwei Jahre eine solche Gruppe zu besuchen. Dann beträgt die Wahrscheinlichkeit abstinent zu bleiben tatsächlich 95 Prozent. „Es ist kein Sprint, es ist ein Marathon, aber es ist machbar.“

Peter sagt, er lebe nun frei und unabhängig und wünscht sich eine Gesellschaft, die den Mut hat ehrlich und offen über Alkohol und Sucht zu sprechen. Ohne Doppelmoral!

Selbsthilfe Osttirol 4852 606-290, 0664/3856606
Suchthilfe Tirol, Rosengasse 12, 9900 Lienz, 0512 580080 650, 0680 3248268
A-h-A  - Alkoholkranke helfen Alkoholkranken 0664/38 56 606
AA - Anonyme Alkoholiker Lienz 0676/6166989
AL - ANON - Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholikern, 0664/9371606


In der Serie „Reden hilft“ stellen Evelin Gander und Sabine Buchberger die unterschiedlichen Angebote und Gruppierungen der Selbsthilfe Osttirol vor, die mit mehr als 40 aktiven Gruppen ein breites Auffangnetz für all jene anbietet, die sich mit einem Problem, einer Krankheit oder einem sozialen Anliegen alleine oder auch allein gelassen fühlen.

Evelin Gander ist nicht nur Stadtführerin und Biobäuerin, sondern auch Ideenlieferantin und Geschichtenerzählerin mit viel Einfühlungsvermögen. Thema ihrer Reportagen und Podcasts ist das Leben in all seinen Facetten.

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2 Postings

isnitwahr
vor einem Monat

es ist schon interessant, dass die Werbung für Zigaretten verboten ist, aber bei Alkohol??? Fast wöchentlich sieht man in den diversen Flugblätter dass diese und jene Biersorten verbilligt sind, man sieht dann, wie Einkaufswagerl aufgetürmt mit Bierkisten zu den Autos geschoben werden, Aktionen 3+1 gratis für Wein/Prosecco/Spirituosen, Schnapsbrenner & Co. werden prämiert und gehuldigt! Bitte nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen ein Glasl Wein oder ein Bier oder.... bin aber doch der Meinung, dass man auch hier mit demselben Maß messen sollte wie beim Nikotin - das sollte übrigens auch für ungesunde, hochverarbeitete Lebensmittel und solche mit hohem Zucker- und Fettgehalt so sein. Die Londoner haben es getan, dort gibt es keine öffentliche Werbung für ungesunde Lebensmittel mehr.

 
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Elisabeth
vor einem Monat

Tolle Aktion, weil reden wirklich helfen kann.

 
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