Eigentlich ist die Situation am Debantbach recht überschaubar. Es gibt dort seit vielen Jahrzehnten bereits drei Wasserkraftwerke, die in die Gewässerökologie wesentlich eingreifen.
Zwei dieser Kraftwerksstufen betreibt die Tiwag, deren Anlagen mittlerweile alt und deshalb nicht nur ineffizient, sondern auch nicht mehr gesetzeskonform sind. Sie müssten mehr Restwasser abgeben, um die EU-Wasserrahmenrichtlinie zu erfüllen. Lässt man zusätzliches Restwasser ab, sind diese Kraftwerksstufen nutzlos.
Also hat die Tiwag im August 2025 ein Projekt eingereicht, um ihre beiden Kraftwerksstufen zu modernisieren. Angestrebt wird eine Genehmigung dieser Erneuerung noch heuer, mit dem Bau soll im kommenden Jahr, also 2027, begonnen werden.
Und hier kommt das aktuell diskutierte „Projekt Theurl“ ins Spiel. Dazu eine Klärung für die Leser:innen. Projektant ist die Firma Theurl Leimholz in Assling, geführt von Michael Theurl, nicht die – weit größere – Firma Theurl Holz der Brüder Hannes und Stefan Theurl.
Michael Theurl wirkt von diesem Projekt beseelt, um nicht zu sagen besessen. Er verfolgt den Bau eines Kraftwerks am Debantbach oberhalb der bestehenden Kraftwerksstufen der Tiwag seit 2007, also seit fast 20 Jahren.
Spannend ist, dass auch die Tiwag schon viel früher, nämlich 1993, versucht hat, diese oberste Energieetage des Baches anzuzapfen, allerdings erfolglos. Sie erhielt die erforderlichen Genehmigungen trotz mehrfacher Versuche nicht.
Projektbetreiber Theurl schreckt das nicht ab. Auch er hat sich bereits mehrmals die Hörner am Debantbach abgestoßen, zuletzt erst Ende des Vorjahres. Dabei sah es für Theurl zunächst recht gut aus.
Er hatte ab 2023 nicht nur die Kraftwerksbetreiber AAE in Kötschach-Mauthen als Partner an Bord, sondern auch die beiden zentralen kommunalen Spieler, die Bürgermeister der Anliegergemeinden Dölsach und Nußdorf-Debant, Martin Mayerl und Andreas Pfurner.
Dölsach und Nußdorf-Debant stimmten – mit recht wenig Widerstand in ihren Gemeinderäten – einer Beteiligung von jeweils 22 Prozent am geplanten Kraftwerk zu. Damit nahm Theurl den Kritikern ihr wichtigstes Argument aus den Segeln: die zurecht verpönte Privatisierung von Bächen zur privatwirtschaftlichen Energiegewinnung. Nun konnte argumentiert werden, dass auch Geld in die Gemeindekassen fließt.
Doch im Dezember 2025 kam es zum Bruch. Theurl wollte von den Gemeinden schon vor dem Start des Gemeinschaftsprojekts viel Geld als Rückerstattung seiner bisher angelaufenen Kosten. Sieben Millionen Euro habe er bereits ausgegeben, erklärte der Holzunternehmer aus dem Oberland. Ein Poker begann. Mayerl und Pfurner lizitierten Theurl auf drei Millionen hinunter.
Der Dölsacher Bürgermeister zeigte sich ab hier gesprächsbereit, bei 2,5 Millionen wäre er an Bord, doch Andreas Pfurner machte eine radikale Ansage: Maximal 500.000 Euro an Vorlaufkosten würden akzeptiert und unter den Gesellschaftern gedrittelt. Die AEE war zu diesem Zeitpunkt bereits ausgestiegen. Pfurners Hartnäckigkeit ließ den Deal Anfang Dezember 2025 platzen. Die Gemeinden stiegen gemeinsam aus.
Ab hier wird der Poker erst richtig spannend. Was von außen betrachtet wie ein Gleichschritt der beiden Gemeinden Dölsach und Nußdorf-Debant wirkte, war hinter den Kulissen tatsächlich das Ende des gemeinsamen Vorgehens. Ab hier verfolgen die Nachbargemeinden unterschiedliche Strategien.
Zentral ist ab hier nur noch eine Kommune: Dölsach, mit dem ÖVP-Landtagsabgeordneten und Bauernbündler Martin Mayerl an der Spitze. Er ist auch Energiesprecher der Landes-ÖVP und entsprechend eng verbandelt mit dem zuständigen Landesrat Josef Geisler, wie Mayerl Wasserkraft-Promotor.
Für Mayerl und Geisler war dieses Projekt de facto nie vom Tisch. Es ist auch von der Energieagentur Tirol gewünscht, als Teil der von der EU, dem Bund und dem Land Tirol vorgegebenen Klimastrategie, die – vereinfacht ausgedrückt – Energieautonomie bis 2050 für Tirol vorsieht, möglichst mit großteils erneuerbarer Energie aus eigener Produktion. Noch ambitionierter – und noch schwerer zu erreichen – sind die bundespolitischen Vorgaben, weshalb die Politik aktuell ein Schlagwort hat: „Beschleunigung!“
Die politische Logik hinter dem Schlachtruf: Wer den Ausbau von sauberer Energie beschleunigen will, muss die Verfahren für Kraftwerke verkürzen. Und weil vor allem der Naturschutz immer wieder Bremswirkung hat, müssen dessen Interessen hintangestellt und dem großen Ziel untergeordnet werden.
So auch am Debantbach. Unterordnung unter ein großes Ziel bedeutet neuerdings auch – siehe Umfahrung Greifenburg oder Stromtrasse APG – im Notfall Enteignung unwilliger Grundbesitzer. Die geplante neue „Oberstufe“ liegt zu 98 Prozent auf Dölsacher Gründen, Nußdorf-Debant wird kaum tangiert. Das Krafthaus für dieses neue KW ist auf Gemeindegrund geplant.
Weil es vom Land eine explizite Zusicherung gibt, dass Gemeinden niemals enteignet werden, wäre das die zentrale Trumpfkarte zur Verhinderung des Projekts. Stimmt Dölsach gegen ein Kraftwerk, müsste ein Projektant im schlimmsten Fall das Krafthaus verlegen, was die Wirtschaftlichkeit massiv beeinträchtigt. Womit wir in der Gegenwart angelangt sind.
Der von Dolomitenstadt vor Kurzem veröffentlichte Beitrag zur rigorosen Ablehnung des Kraftwerksprojekts durch den Debanter Gemeinderat – mit der Drohung, bis zur letzten Instanz zu kämpfen – enthält einen wesentlichen Fehler. Wir zitieren in diesem Beitrag aus einem Schreiben von Andreas Pfurner das suggeriert, in Dölsach stünde noch eine Entscheidung an. Doch diese Entscheidung zugunsten des Kraftwerksprojekts ist längst gefallen.
Bereits am 25. Februar schreibt der Dölsacher Bürgermeister Martin Mayerl in einer Mail an die zuständigen Abteilungen des Landes und an Projektbetreiber Michael Theurl: „Im Namen der Gemeinde Dölsach teile ich mit, dass der Gemeinderat von Dölsach bei der Sitzung am 24.2.2026 das beiliegende Optionsanbot genehmigt hat. Damit ziehen wir unsere Einwendungen von der Wasserrechtsverhandlung vom 17.9.2024 und das Ablehnungsschreiben vom 22.12.2025 zurück. Die benötigten Grundstücke für das Krafthaus stellen wir hiermit zur Verfügung.“
In anderen Worten, am Debantbach hat Michael Theurl plötzlich wieder gute Karten und das nicht nur, weil Dölsach die Blockade aufgibt. Jetzt kommt nämlich die Pointe in dieser Geschichte. Theurl macht gar kein Hehl daraus, dass er im Grunde ein Gesamtprojekt am Bach weit vernünftiger finden würde, als zwei aneinander grenzende getrennte Projekte. Anders ausgedrückt: Wenn die Tiwag ihre beiden Kraftwerksstufen erneuert, könnte man eine dritte Oberstufe effizient, sinnvoll und in einem Baudurchgang integrieren.
Zwar haben bis jetzt weder der Landesenergieversorger noch die Landesregierung oder der Dölsacher Bürgermeister diese Variante öffentlich ins Spiel gebracht, doch wer das engmaschige Netzwerk der Landes-ÖVP und der Tiwag kennt, sollte nicht daran zweifeln, dass Josef Geisler und Martin Mayerl hier eine perfekte WinWin-Situation basteln.
Die Tiwag gewinnt, weil sie mit einer Oberstufe, die auf 5 MW-Leistung ausgelegt ist und jährlich 20 GWh Strom produziert ihr Debantbach-Kraftwerk maßgeblich aufwerten könnte. Dölsach gewinnt, weil die Tiwag – siehe Tauernbach – die Anliegergemeinden grundsätzlich gut bedient. Und das Land kommt seinen Energiezielen einen Schritt näher, ohne sich zum Buhmann zu machen.
Der Buhmann ist derzeit Michael Theurl. Er muss noch die Genehmigung für das Vorhaben erkämpfen, bevor er es der Tiwag auf dem Silbertablett servieren kann. Wasser- und forstrechtlich ist das schon gegessen, naturschutzrechtlich nicht. Gelingt der Coup, hat Theurl seine Kosten plus Zinsen wieder in der Tasche. Er würde also auch gewinnen.
Und Nußdorf-Debant? Hier hat Andreas Pfurner mit seiner 500.000-Euro-Ansage hoch gepokert und riskiert damit, am Ende mit nichts vom Tisch aufzustehen. Dann kommt ein Kraftwerk und seine Gemeinde schaut durch die Finger. Also versucht der Debanter Bürgermeister, den Einsatz noch einmal zu erhöhen und spielt seinen letzten Trumpf aus.
Wenn sich nämlich Nußdorf-Debant engagiert querlegt und tatsächlich einen Prozess riskiert, ist eines in jedem Fall schon jetzt sicher: Das kann Jahre dauern, Beschleunigung hin oder her. Und weder Theurl noch die Tiwag haben Zeit, weil das alte Tiwag-KW in jedem Fall sehr bald erneuert werden muss.
Was wird passieren? Hinter den Kulissen wird man versuchen, Pfurner mit einem neuen, möglichst schmackhaften Angebot noch einmal umzustimmen. Fragt sich nur, wie er und seine Fraktion dann aus der nun losgetretenen öffentlichen Diskussion aussteigen.
2 Postings
Spannend, spannend, das Ganze...... Der Politpoker läuft, aber wer fällt auf Zero?
... wir der Dolomitenstadt.at Redaktion wieder einmal dankbar für diesen Artikel sein dürfen, danke und bitte weiter so ...
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