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Drogen in Osttirol: Klare Zunahme von Mischkonsum

Primar Hodzic am BKH Lienz sieht keine akute Drogenwelle, aber eine schleichende Verschärfung der Lage.

Das Bezirkskrankenhaus Lienz fungiert als zentrale Versorgungseinrichtung für akutpsychiatrische Erkrankungen. Einen bedeutsamen Anteil der stationären und notfallmäßigen Behandlungen stellen substanzassoziierte Störungen dar, also solche Erkrankungen, die durch den Konsum psychoaktiver Substanzen entstehen.

Im Jahr 2025 wurden insgesamt rund 210 bis 240 derartige Behandlungen verzeichnet, im ersten Quartal 2026 waren es 60 bis 75 Fälle. Auf Basis dieser Rohdaten rechnet das Krankenhaus mit einer Gesamtzahl von 240 bis 300 Fällen im gesamten Jahr 2026, ein steigender Trend wird somit angenommen.

Alkohol, Nikotin, Cannabis

Dabei dominieren drei Suchtmittel: Alkohol ist die führende Substanz und die Ursache für rund 55 bis 65 Prozent der Behandlungen. Danach folgen Nikotin, wo besonders Snus eine zentrale Rolle spielt, und Cannabis, das vor allem von jüngeren Patient:innen konsumiert wird.

Illegale Substanzen holen auf

Zunehmend relevant werde jedoch Kokain, wie Jadranko Hodzic, Primar der psychiatrischen Abteilung am BKH Lienz, erläutert: Gemeinsam mit Amphetamin wurde Kokain in zehn bis 15 Prozent der Fälle, die im Vorjahr auf der psychiatrischen Abteilung behandelt wurden, nachgewiesen. Diese Substanzen werden vorwiegend in Party- bzw. Leistungskontexten konsumiert, weswegen die Patient:innen vielfach jung, oftmals Schüler:innen oder Studierende, sind. Hintergrund des Konsums sei häufig der Wunsch, „nichts mehr spüren zu müssen und dem Alltag entkommen zu können“, beschreibt Hodzic.

Jadranko Hodzic, Primar der Abteilung für Psychiatrie am BKH Lienz, beobachtet besonders den Trend zum Mehrfachkonsum. Foto: Dolomitenstadt/Sint

Bei Frauen dominieren hingegen Sedativa, also Beruhigungsmittel, die häufig gemeinsam mit anderen Substanzen, wie beispielsweise Alkohol, eingenommen werden.

Immer mehr Mischkonsum

Insgesamt beschreibt Hodzic den Mischkonsum, also die gleichzeitige, oft wahllose Einnahme unterschiedlicher Substanzen, als prägenden Trend: Zwar breche kein „Drogen-Tsunami“ über Osttirol herein, sehr wohl werde der Konsum aber immer riskanter.

„In über der Hälfte aller akuten Fälle werden mehrere Substanzen gleichzeitig eingenommen - häufig in Kombination mit Alkohol“, schildert der Psychiater. Daraus lasse sich der Schluss ziehen, dass sämtliche Drogen sehr leicht und auch billig erworben werden können. „Die Fallzahlen explodieren nicht, aber die Fälle werden deutlich komplizierter und riskanter“, ordnet Hodzic die Entwicklung ein.

Akutfälle bleiben meist nur eine Nacht

Der häufigste Anlassfall für einen Aufenthalt in der Psychiatrie, der mit Sucht in Zusammenhang steht, ist die akute Intoxikation. Solche Vergiftungen bzw. Überdosierungen sind für rund die Hälfte aller Behandlungen verantwortlich. Die Behandlung des Abhängigkeitssyndroms, also der Sucht als solcher, kommt erst an zweiter Stelle, sie ist in 30 bis 40 Prozent der Fälle der Grund, dass Patient:innen die psychiatrische Station aufsuchen.

„Die Fallzahlen explodieren nicht, aber die Fälle werden deutlich komplizierter und riskanter“

Primar Jadranko Hodzic

Wenig Grund zur Hoffnung gibt die Schilderung von Primar Hodzic, dass Betroffene oftmals mit Unterstützung der Polizei eingeliefert werden müssen, da eine akute Gefährdung vorliegt. Diese Patient:innen verbringen dann zwar eine Nacht im Krankenhaus, würden auch Einsicht demonstrieren, seien am nächsten Tag aber wieder weg und somit erneut im Teufelskreis ihrer Sucht gefangen. Eine Behandlung gegen ihren Willen sei allerdings weder möglich noch sinnvoll.

Substanzkonsum als „gelernte“ Spur im Gehirn

„Suchtpatienten sind nicht kooperativ“, konstatiert Hodzic, da etwa ein Alkoholiker beim ersten Gasthausbesuch wieder seinem Trigger ausgesetzt sei. Ähnlich verhalte es sich bei anderen aufputschenden Substanzen: Das Gehirn habe mittels klassischer Konditionierung gelernt, dass der Weg zur besseren Laune und zum Vergessen von Sorgen durch Substanzkonsum am schnellsten und einfachsten ist, weshalb immer wieder dieser gleiche Weg beschritten werde. Einen positiven Aspekt gäbe es jedoch dennoch: „Das Gehirn kann eine Sucht auch wieder verlernen“, will Hodzic nicht unerwähnt lassen.

Als wichtigsten Hebel betrachtet der Primar jedoch die Prävention, die man besonders bei Jugendlichen noch verstärken will, um deutlich zu machen, welche massiven Auswirkungen der Drogenkonsum auf die Gehirnentwicklung nimmt: „Das BKH Lienz sieht daher vor allem in Prävention und Aufklärung bei Jugendlichen einen entscheidenden Ansatz, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.“

Männer dominieren bei Alkohol und Risikokonsum

Nach wie vor machen Männer den Großteil der Betroffenen aus, besonders im Hinblick auf den Konsum von Alkohol und Stimulanzien. Auch der Risikokonsum, der sich durch eine hohe Gefährlichkeit charakterisiert, tritt bei männlichen Patienten häufiger auf.

Frauen greifen hingegen eher auf Sedativa zurück und weisen eine höhere psychiatrische Komorbidität auf, leiden also zusätzlich an weiteren psychischen Erkrankungen, wie etwa Depressionen oder Angststörungen.

Alle Altersschichten betroffen

Auch hinsichtlich der Altersverteilung differenziert Hodzic: Die Gruppe der 18 bis 25-Jährigen macht 20 Prozent der Suchtpatient:innen aus, wobei sich Cannabis, Amphetamine und Ketamin als Hauptsubstanzen identifizieren lassen. In der Alterskohorte von 25 bis 40 Jahren dominiert der Mischkonsum sowie die Einnahme von Stimulanzien und Alkohol, der Anteil dieser Altersgruppe liegt bei 30 Prozent.

Ebenfalls 30 Prozent entfallen auf die 40- bis 60-Jährigen, hier ist besonders die Alkoholabhängigkeit zentral. Ähnliches gilt für die Personengruppe über 60 Jahren, immerhin rund 20 Prozent der Patient:innen, die neben Alkohol vor allem auch Benzodiazepine konsumieren.

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Ein Posting

lia
vor 3 Stunden

es dauert, bis der mensch erkennt, dass man zur erkenntnis nur ohne hilfsmittel gelangen kann. mit drogen kommen wir nicht zum mond.

 
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