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Braucht Osttirol eine 380-kV-Leitung?

Thomas Kienberger von der Montanuni Leoben hält das Projekt „Netzraum Kärnten“ für notwendig.

Mit Blick auf das Projekt „Netzraum Kärnten“, bei dem zwischen Lienz und Obersielach in Kärnten eine 380-kV-Stromleitung gebaut werden soll, haben sich bereits die unterschiedlichsten Akteur:innen zu Wort gemeldet. Während die APG als Projektverantwortliche aus naheliegenden Gründen die Notwendigkeit der neuen Verbindung betont und Unterstützung vonseiten der Osttiroler Industrie erhielt, übten Bürgerinitiativen und nicht zuletzt auch die Kärntner und Tiroler Umweltanwaltschaft Kritik.

Doch wie wird das Vorhaben von APG und KNG aus einer wissenschaftlichen Perspektive beurteilt? Rede und Antwort in dieser Frage steht gegenüber Dolomitenstadt Thomas Kienberger, Leiter des Departments „Umwelt- und Energieverfahrenstechnik“ an der Montanuniversität Leoben. In seiner Forschung und Lehre beschäftigt sich Kienberger schwerpunktmäßig mit dem Ziel, mittels interdisziplinärer und systemischer Ansätze die Effizienz und Flexibilität von öffentlichen Energiesystemen sowie von industriellen Energiesystemen zu optimieren.


Eine banale Frage am Beginn, wie unterscheidet sich eine 380 kV-Leitung von einer 110- oder 220-kV-Leitung?

Technisch betrachtet von der Betriebsspannung, die bei einer 110-kV-Leitung eben 110.000 Volt beträgt. Optisch sieht man sechs Leiterseile plus ein Erdseil. Bei einer 380-kV-Leitung sind es auch diese sechs Seile plus ein Erdseil, hier aber für 380.000 Volt. Das hat eine einfache Konsequenz: Wenn die Spannung höher wird, werden die entsprechenden Isolationsabstände größer und die Leitung muss viel mächtiger gebaut werden. Wenn man so will, kann man eine 110.000 Volt-Leitung am Waldrand verstecken, aber mit einer 380er geht das nicht mehr.

Aus einer höheren Leistung folgen somit automatisch höhere Strommaste?

Die höhere Betriebsspannung erlaubt eine höhere Leistung und somit werden die Maste höher. Das Erscheinungsbild einer 380.000 Volt-Leitung ist dadurch mächtiger in der Landschaft.

„Wenn man so will, kann man eine 110.000 Volt-Leitung am Waldrand verstecken, aber mit einer 380er geht das nicht mehr.“

Thomas Kienberger, Montanuniversität Leoben

Ein Argument für den Leitungsausbau zielt auf die Versorgungssicherheit ab. Braucht es die neue Stromleitung für die Versorgungssicherheit?

Hier muss man zwischen der kleinräumigen Versorgungssicherheit und dem großen, europäischen Bild differenzieren. Kleinräumig betrachtet kommt es in Kärnten und wohl auch in Osttirol bei Schneelagen im Winter oder bei Vermurungen immer wieder zu Stromausfällen, bei denen die Versorgung mehr oder weniger lang unterbrochen ist, wo aber Tinetz oder Kärnten Netz schnell reagieren. Diese kleinräumige Perspektive hat jetzt noch nicht viel mit der 380.000 Volt-Leitung zu tun.

Es geht aber auch darum, in die Zukunft zu schauen und da merkt man einfach, dass das übergeordnete Übertragungsnetz immer mehr Eingriffe braucht. Diese Eingriffe nennt man Redispatch-Maßnahmen, die dazu führen, dass man von einem sehr gemütlichen Betriebszustand der Vergangenheit in eine Stresssituation kommt. Wenn man dann nicht an einen Übertragungsnetzausbau denkt, wird irgendwann die Versorgungssicherheit aus der übergeordneten Perspektive zu leiden beginnen.

Welche Art von Eingriffen sind mit diesen Redispatch-Maßnahmen gemeint?

Strom wird auf langfristigen, kurzfristigen und ganz kurzfristigen Märkten gehandelt. Das Handelsergebnis bedeutet grundsätzlich, dass ein Kraftwerk eingeschaltet und ein anderes Kraftwerk nicht eingeschaltet wird.

Jetzt kann es aber dazu kommen, dass dieses Handelsergebnis nicht mehr in die Realität umgesetzt werden kann. Das bedeutet, dass eigentlich sehr günstige Kraftwerke nicht betrieben werden können und es Ersatzkraftwerke braucht, die einen sicheren Lastfluss erlauben. Vereinfacht gesprochen bedeutet das, dass ein lokales, teures Kraftwerk eingeschaltet wird, anstatt einen günstigeren Strom aus dem Markt zu nehmen. Genau so macht es der Übertragungsnetzbetreiber in Europa, um die Versorgungssicherheit sicherzustellen.

Professor Thomas Kienberger forscht und lehrt an der Montanuniversität Leoben. Aus seiner Sicht besteht eine technische Notwendigkeit für den Bau der neuen Stromleitung zwischen Lienz und Obersielach. Foto: MUL

In den letzten Jahren sind diese Eingriffe stark nach oben gegangen. Jetzt kann man sich bestimmt noch einige Jahre „drüber retten“, aber gut ist das nicht. Wenn gar kein Netz mehr weiter ausgebaut wird, aber parallel dazu die Erneuerbare forciert wird - etwa in Form von modernen Verbrauchern, Wärmepumpen, E-Autos -, dann passt das irgendwann nicht mehr zusammen.

Eine neue Leitung wäre dann eine Möglichkeit, um die Entwicklungen stärker in Einklang zu bringen?

Ganz genau. Das ist aber auch die Herausforderung in der Kommunikation: Man braucht lokale Projekte, um ein gesamtes System zu designen. Vielleicht lässt sich das mit dem Koralmtunnel vergleichen: Rein aus einer steirischen und kärntnerischen Perspektive würde es den Koralmtunnel vielleicht gar nicht brauchen. Aber wenn man ihn im Kontext eines gesamten Verkehrssystems betrachtet, dann eben schon. So ist das mit diesen Leitungsprojekten auch.

Das Argument à la „Wir in Kärnten bzw. wir in Osttirol brauchen diesen Strom gar nicht“ hält also nicht Stand?

Nein, so lässt sich das nicht argumentieren. Man muss da auch immer darauf achten, wie viel Energie man über das Jahr braucht. Für Osttirol habe ich es mir nicht gesondert angeschaut, aber für Kärnten schon: Da gibt es viele Monate, wo Kärnten aus dem europäischen System Strom bezieht. In anderen Monaten ist Kärnten Exporteur. Aber man kann das Ganze nicht als abgeschlossenes System sehen.

Wie hängt die geplante 380-kV-Verbindung mit der Energiewende zusammen? Wie wirkt sich das aus, wenn mehr Strom aus Wasser, Sonne und Wind gewonnen wird?

Die Energiewirtschaft muss man sich als Dreieck vorstellen, das sich aus Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit sowie Resilienz und Ökologie zusammensetzt. Früher hat man geglaubt, dass der Ausbau der Erneuerbaren teurer ist, als wenn man auf ein konventionelles Energiesystem setzt. Das ist nicht mehr der Fall. Seit einigen Jahren sind Stromerzeugungstechnologien in Wind, Sonne und mit Batterien günstiger, als wenn man konventionell, beispielsweise mit Gaskraftwerken, Strom macht. Das sagt der Markt.

Den Klimaaspekt brauchen wir gar nicht großartig zu diskutieren, denn wir wissen natürlich, dass der Strom aus Gas- oder Kohlekraftwerken einen entsprechend höheren CO2-Fußabdruck zur Folge hat.

Der dritte Punkt betrifft die Frage der Resilienz und der Versorgungssicherheit, hier spielen auch Abhängigkeiten mit hinein. Durch den Ukraine-Krieg haben wir gesehen, dass wir ein Problem haben, wenn das Gas nicht mehr aus Russland kommt und wir von einem Diktator abhängig sind. Auch bei der Straße von Hormus zeigt sich eine Abhängigkeit. Entscheidend ist also die Standortfrage und wenn man hier den europäischen Standort verbessern will, sind solche Projekte essenziell.

„Wir Europäer sind doppelt abhängig und im Sinne einer Unabhängigkeitsdiskussion bringen solche Projekte aus meiner Sicht einen deutlich größeren Hebel.“

Thomas Kienberger, Montanuniversität Leoben

Europa steht riesigen Herausforderungen gegenüber, blicken wir nur auf einen wahnsinnigen Trump auf der anderen Seite vom Atlantik und das Wirtschaftswachstum in China, wo gerade ein größerer Wirtschaftsraum entsteht. Wir Europäer sind doppelt abhängig und im Sinne einer Unabhängigkeitsdiskussion bringen solche Projekte aus meiner Sicht einen deutlich größeren Hebel.

Manche Prognosen gehen von einem stagnierenden Strombedarf in den kommenden Jahrzehnten aus, auch die Kärntner Umweltanwaltschaft bezieht sich darauf. Ist diese Einschätzung zutreffend?

Nein, hier widerspreche ich. Die Szenarien, die wir kennen, gehen von steigenden Strombedarfen aus, weil zunehmende Elektrifizierung im Verkehr, in der Regulierung der Raumtemperatur und in der Industrie stattfindet. Dann kommt noch das Thema der Datencenter dazu, das wir noch nicht gut greifen können, wo aber ebenso von einem höheren Bedarf auszugehen ist.

„Unter der Annahme eines prosperierenden Wirtschaftssystems werden wir steigende Strombedarfe sehen.“

Thoma Kienberger, Montanuniversität Leoben

Die Szenarien, die von einem stagnierenden Strombedarf ausgehen, kenne ich auch, aber die leiten sich von einer sinkenden Wirtschaftsleistung ab. Wenn wir tatsächlich eine sinkende Wohlfahrt und geringere Wirtschaftsleistungen haben, brauchen wir auch weniger Strom. Aber davon ist aus meiner Sicht nicht auszugehen und das wäre in Wirklichkeit ein Krisenszenario. Unter der Annahme eines prosperierenden Wirtschaftssystems werden wir steigende Strombedarfe sehen.

Wie wirkt sich die Dezentralisierung von Batteriespeichern aus? Ich sehe vor meinem inneren Auge das Bild des E-Autos, das vor dem Haus steht und speichert.

Das ist sehr wichtig. Aber auch hier muss man trennen zwischen dezentralen Netzen und Übertragungsnetzen. Bei dezentralen Netzen kann es uns helfen, den Netzausbau zu reduzieren. Denn beim richtigen Einsatz können die Batterien dazu führen, dass das Netz nicht für den allerärgsten PV-Peak gebaut sein muss. Tag-Nacht-Ausgleiche kann man durch private Speicher, E-Autos, intelligent betriebene Wärmepumpen usw. auf jeden Fall schaffen.

Der Übertragungsnetzausbau ist hingegen großräumiger zu sehen. Da geht es eher um langfristige Ausgleiche zwischen Sommer und Winter, auf die kleine Batterien im Haushalt kaum Auswirkungen haben, der Verteilernetzausbau, also die kleineren regionalen Netze, hingegen schon.

Der Bau der 380-kV-Leitung ist eine große Investition. Ist davon auszugehen, dass die Kosten auf die Stromnetzkosten und somit auf die Endverbraucher:innen umgelegt werden?

Das wird sicher der Fall sein. Aber diese Eingriffsmaßnahmen, der erwähnte Redispatch, kosten auch Geld, weswegen die Vorteile überwiegen.

In der Stellungnahme der Kärntner Umweltanwaltschaft werden Karbonfaserkern-Leiterseile als Alternative zum Neubau präsentiert. Wie schätzen Sie diesen Vorschlag ein?

Es gibt Hochtemperaturbeseilungen, die in Zukunft auch verstärkt eingesetzt werden. Wir haben in unserem Institut im Rahmen unterschiedlicher Studien untersucht, ob man mit der bestehenden Trasse und einem „Auffetten“ auskommt. Hier sind wir zu dem Schluss gekommen, dass sich das mit den zu erwartenden Leistungen nicht ausgeht.

Auch die Möglichkeit einer Erdverkabelung wird immer wieder diskutiert. Kann das eine sinnvolle Alternative sein?

Erdkabelverbindungen sind teurer und technisch aufwendig, denn sie haben sehr, sehr große Kapazitäten. Außerdem sieht man auch die Erdkabelleitung im Landschaftsbild, da man die Trassen trotzdem frei halten muss. In Europa haben sich solche Verkabelungen nicht durchgesetzt. Wenn, dann kommen sie in ganz stark besiedelten Gebieten zum Einsatz. In Wien gibt es ein 380.000 Volt-Kabel, das in betonierten Schächten unter der Stadt durchgeht, aber das sind andere Ausgangsvoraussetzungen.

Was ist aus Ihrer Sicht mit Blick auf das Projekt „Netzraum Kärnten“ noch wichtig zu ergänzen?

Mir ist schon klar, dass es manche Leute stört, wenn Leitungen gebaut werden. Aber gerade in einer modernen Welt sind Leitungen auch Teil vom Landschaftsbild. Das, was wir als Kulturlandschaft betrachten, hat ja auch der Mensch geprägt.

Ich glaube, dass es auch den Verantwortlichen, die in solche Projekte involviert sind, ganz wichtig ist, dass Umweltverträglichkeit herrscht, dass die Menschen dabei sind und dass nicht auf Teufel komm raus zubetoniert wird. Aber es gibt eine technische Notwendigkeit und die langfristigen Vorteile von solchen Projekten überwiegen aus einer techno-ökonomischen Perspektive klar. Ich erhoffe mir daher, dass es auch bei euch in der Region gelingen wird, die Idee aus einer sozialen bzw. gesellschaftlichen Perspektive akzeptabel zu machen.

Kristina Sint

Kristina Sint hat Lehramt studiert und den Masterlehrgang „Journalismus und Medienarbeit“ abgeschlossen. Sie unterrichtet an der MS Egger-Lienz und lebt bei dolomitenstadt.at ihre Faszination fürs Schreiben und spannende Geschichten aus. Mehr von Kristina Sint

2 Postings

RJMoses
vor 2 Stunden

Von Herr Kienberger als APG Gutachter werden nicht alle und zum Teil nur unvollständige Fakten genannt. Daher sagt er nichts dazu, dass der in Osttirol produzierte Strom zu zwei drittel ins Ausland exportiert wird und Osttirol sich von diesem einen Drittel selbst das ganze Jahr erhalten kann. Herr Kienberger spielt die Reserven der bestehenden Leitungen und das Aufrüstungspotentiale herunter. Er verschweigt auch die Explosion der Netzkosten durch dieses Projekt, welche dann vom Endverbraucher bezahlt werden müssen und er verschweigt noch vieles mehr. Herr Kienberger sollte Daten und Fakten auf den Tisch legen ………

 
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Blacky
vor 2 Stunden

Braucht Osttirol eine 380-kV-Leitung?

Diese Frage kann man mMn nach diesem Interview mit nein beantworten. Er windet sich da rum und argumentiert nur mit ganz Kärnten, wo allein die Stadt Klagenfurt schon viel mehr Einwohner hat als das komplette Osttirol. Wäre es notwendig für Osttirol, dann wäre es doch in Vorbereitung eines Interviews mit einem expliziten osttiroler Medium mehr als einfach gewesen, sich da auch mit entsprechenden Daten und Argumenten zu "bewaffnen".

Erdverkabelung nur nicht zu machen weil es teurer ist und man auch da die Trasse freihalten muss, ist doch ein Scheinargument. In Wien scheint es ja dann schon auch zu gehen. Sagt ja niemand dass das überall gemacht werden soll, aber es gibt nun landschaftlich sensible Bereiche, wo "Aber gerade in einer modernen Welt sind Leitungen auch Teil vom Landschaftsbild" einfach Spott und Hohn ist. Ich glaube nicht, dass der Herr Kienberger das so sehen würde, wenn die Leitung an seinem Haus vorbeiführen würde, hm?

Was jetzt eine 380-kV-Leitung durch Osttirol mit Wirtschaft in China oder fragwürdigen Despoten wie Trump oder Putin zu tun haben soll, ist überhaupt nicht zu erschließen. Dass man vermehrt energieautark sein sollte, klar... dass man auch in Osttirol und Kärnten drüber nachdenken muss, wie und wo man z. B. mit Windenergie Löcher füllen kann und über Energiespeicherung sich Gedanken machen muss, logisch. Aber auch das hat nicht viel mit einer 380-kV-Leitung zu tun.

"die langfristigen Vorteile von solchen Projekten überwiegen aus einer techno-ökonomischen Perspektive klar." Das glaube ich gerne, vor allem ökonomisch. Das wird aber wie so oft so sein, dass einige ganz Große mal wieder durch Stromhandel sich noch mehr ihre Taschen füllen können, für keinen Osttiroler wird der Strom deswegen billiger werden.

Ich gehe davon aus, dass das kleine Osttirol, das für die hohen Herren in Wien, Leoben, Graz und sonstwo einfach keine Bedeutung hat und ihnen komplett am Ar... vorbei geht, die Zeche zahlen soll und die Leitung soll einfach so billig wie möglich dort durchgebaut werden, um ihre ökonomischen Vorteile zu maximieren.

 
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