Die APG, die Austrian Power Grid, plant im Rahmen des Projekts „Netzraum Kärnten“ in Kooperation mit der KNG, der Kärnten Netz GmbH, die Neuerrichtung einer 380-kV-Stromleitung zwischen Lienz in Osttirol und Obersielach bei Völkermarkt in Kärnten. Parallel dazu soll das bestehende 110-kV-Netz ausgebaut und verstärkt werden. In Osttirol soll die Trasse durch die Gemeinden Nikolsdorf, Dölsach und Nußdorf-Debant bis zum Umspannwerk in Lienz führen.





Nicht zu verwechseln ist das Projekt mit dem im Planungs- und Genehmigungsverfahren bereits weiter fortgeschrittenen Vorhaben zur Erneuerung der Südverbindung, bei der die bestehende 220-kV-Leitung von Lienz bis zur italienischen Staatsgrenze ausgetauscht bzw. stellenweise versetzt werden soll. Auch dagegen regt sich, wie berichtet, Widerstand, der jedoch von anderen Akteur:innen forciert wird.
Projektstand: UVP startet erst, Bevölkerung wird informiert
Also zurück zur deutlich leistungsstärkeren 380-kV-Verbindung zwischen Kärnten und Osttirol, die laut APG wesentlich sei, „um die sichere Stromversorgung in Kärnten und Osttirol bzw. ganz Österreich zu gewährleisten.“
Hier erfolgte im April dieses Jahres der Antrag auf die Durchführung eines Vorantragsabschnittes, das ist eine vorgeschaltete Phase der Umweltverträglichkeitsprüfung, der im Mai bestätigt wurde. Das eigentliche UVP-Genehmingungsverfahren startet laut APG im Jahr 2027, die Kärntner Landesregierung rechnet bis Mai 2028 mit einem Ergebnis. Aktuell werden die entsprechenden Einreichunterlagen erstellt und weitere Untersuchen durchgeführt.
Bereits im Oktober letzten Jahres führte die APG in den betroffenen Regionen Informationsmessen durch, um die Bevölkerung über das Projekt „Netzraum Kärnten“ und die Grobtrasse der Leitung zu informieren. Auch im heurigen April wurden Bürgermeister:innen sowie Medien über den Stand zur Halbzeit in der Planungsphase in Kenntnis gesetzt. Damals hieß es, dass die Trasse mit 26 der 36 betroffenen Gemeinden fixiert worden sei und in den verbleibenden zehn Gemeinden noch ein bis zwei Varianten offen seien.
Widerstand von rund 20 Bürgerinitiativen
Massiver Widerstand an den Plänen von APG und KNG kommt von der Bürgerinitiative „Lebensraum Kärnten ohne Hochspannungs-Stromfreileitungen“, kurz „LKoS“. Deren Proponenten, allen voran Physiker Eberhard Burkel, Rechtsanwalt Wolfgang List und der lokal ansässige Robert Moser, erörterten am Dienstagvormittag im Rahmen einer Pressekonferenz in Lienz die Standpunkte und Forderungen ihrer Initiative. An die Osttiroler Bevölkerung hatte sich die befreundete und personell teilweise deckungsgleiche Bürgerinitiative „Stop 380 KV Monster-Starkstrommasten“ bereits im März im Rahmen eines Informationsabends im Lienzer Kolpinsaal gewandt.

Insgesamt hätten sich in Kärnten und Osttirol mittlerweile fast 20 Bürgerinitiativen gegen das geplante Projekt formiert, wobei „LKoS“ mit der Umweltorganisation „Pro Thayatal“ mit Sitz im Waldviertel kooperiert, um Parteistellung in der Frage zu erhalten.
Burkel sieht keine Notwendigkeit für neue Trasse
Der Grundtenor beim Pressetermin, dem auch rund 15 interessierte Zuhörer:innen beiwohnten, war folgender: Der vormals an der Universität Rostock tätige und mittlerweile pensionierte Physiker Eberhard Burkel stellte die Notwendigkeit der neuen Trasse in Frage und verwies auf eine Studie „zur Energiestrategie Kärnten“, welcher zufolge der Energieverbrauch bis 2040 deutlich sinke. Der Stromverbrauch würde demnach zwar um 40 Prozent steigen, auch diese Zunahme mache die 380-kV-Leitung Burkel zufolge aber nicht erforderlich.

Besonders äußerte der mittlerweile in Kärnten wohnhafte Physiker seinen Unmut dahingehend, dass diese 2025 veröffentlichte Studie als veraltet bezeichnet und nicht in die Planung einbezogen worden sei. Zudem sei bei der Bedarfsplanung die „rasant ansteigende Dezentralisierung mit Batteriespeichern, auch in der künftigen Generation der E-Autos, nicht berücksichtigt“ worden.
Folgen für Landschaft und Umwelt
Darüber hinaus wurde auf optische Aspekte eingegangen, da die Strommaste die Landschaft „verschandeln“ und dem Tourismus schaden würden. Des Weiteren prognostizierte Burkel eine Wertminderung von betroffenen Grundstücken, eine erhöhte Umweltbelastung sowie höhere Stromnetzkosten, da die Investitionssummen für Errichtung und Inbetriebnahme aus seiner Sicht zunächst den Netzbetreibern und anschließend den Verbraucher:innen aufgelastet werden würden.
Alternativ zur Errichtung der 380 kV-Leitung spricht sich Burkel für den Einsatz der Karbonfaserkern-Seiltechnik aus, durch welche eine deutlich höhere Kapazität der bestehenden Leitung erreicht werden könne.
Schreiben an Rechnungshof und EU-Kommission
Juristische Unterstützung erhält die Bürgerinitiative von Rechtsanwalt Wolfgang List, dessen Wiener Kanzlei sich unter anderem mit einer Stellungnahme an den Rechnungshof richtete, in der um budgetäre Prüfung des Projekts ersucht wird.
Im Schreiben formuliert List beispielsweise Bedenken an den von der APG veranschlagten Kosten in der Höhe von rund drei Milliarden Euro und stellt die Frage, ob „zweifelsfrei und auf Grundlage aktueller, unabhängiger und belastbarer Daten nachgewiesen“ sei, „dass genau dieses Projekt in genau dieser Dimensionierung tatsächlich benötigt wird?“

Auch an die Europäische Kommission richtet die „List Rechtsanwalts GmbH“ zahlreiche Fragen, die sich besonders auf den PCI-Status des Projekts beziehen. Dabei handelt es sich um Vorhaben von gemeinsamen Interesse („Projekts of common interest“), die als Infrastrukturvorhaben zur Vollendung des europäischen Energiebinnenmarkts beitragen sollen.
Ist ein Vorhaben als PCI anerkannt, folgen daraus unter anderem gestraffte Genehmigungsverfahren sowie schnellere Umweltverträglichkeitsprüfungen, was Wolfgang List zu der Einschätzung veranlasste, das Projekt werde „still und leise durchgewunken“. Insgesamt beurteilt die Bürgerinitiative den PCI-Status als „nicht nachvollziehbar“, weshalb die EU-Kommission darum ersucht wird, die Einstufung „nochmals zu überdenken und dem Projekt den Status im Zweifel zu entziehen“.
Ausarbeitung einer Volksbefragung
Für eine Kärntner Gemeinde arbeite Lists Kanzlei aktuell auch an der Formulierung einer Fragestellung für eine Volksbefragung, die dann als Muster für andere Gemeinden dienen soll. Von den Bürgermeister:innen der betroffenen Gemeinden in Osttirol sei diesbezüglich noch kein Interesse bekundet worden.
Für den Rechtsanwalt steht aber fest, dass „die Sache nicht im Gerichtssaal entschieden“ werde, sondern ein Ringen um die öffentliche Meinung stattfinde.
7 Postings
... dass ein sicheres Stromnetz für alle gut ist, ist keine Frage; dass die Energiepolitik dazu von vorgestern ist, eine andere; und das die Menschen hier schnell zufrieden mit bescheidenen armseligen Lebensraumgestaltungen sind, einfach nur traurig ...
Für mich wäre stimmig, wenn die APG alle zu berücksichtigenden Fakten wie geänderte Netzbelastungen durch dezentrale Batteriespeicher, E-Autos, Energiegemeinschaften etc. sich anschauen würde und neu bewertet, ob überhaupt eine Notwendigkeit besteht. Wenn ja, dann soll das 380 KV-Projekt in die Erde. Bezahlt werden soll das von jenen, die das Netz nutzen, in dem Fall offenbar von ganz Österreich, Teilen Italiens und als Netzstabilisierung scheinbar ja von ganz Europa. Dass Netzgebühren dabei mehr steigen als bei einer grauslichen Freileitung ist klar, allerdings kann jeder an Netzentgelten sparen, wenn er lokal seinen Strom bezieht. Alle anderen die das Netz aktiv nutzen werden europaweit diese Preissteigerung verkraften und damit den Netzbau unterstützen, der hier bei uns für sie gemacht werden muß. Im Vergleich ist auch der Transport von Waren per Schiff aus Fernost nicht das entscheidende Kriterium, dass jemand das Glumpat nicht von dort kaufen würde...
Wenn jemand den Klimawandel nicht berücksichtigt , dann sind es eigentlich die Ersteller des ÖNIP, denn dort wurden keine Klimaszenarien berücksichtigt. Nur die Transition Szenarien. Dem ÖNIP 2024 liegt als zentrale energiewirtschaftliche Grundlage das vom Umweltbundesamt erarbeitete Transition-Szenario zugrunde und keine Klimaszenarien wie z.B. ÖKS15! Es wurden "nur" die Transition-Szenarien Rep0995 vom Umweltbundesamt verwendet! Beim ÖNIP 2024 wurde nicht berücksichtigt, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Energieerzeugung hat z.B. Wasserkraft. Der Netzentwicklungsplan 2025 der APG beruht aber auf dem ÖNIP2024. Somit werden eigentlich Netze erstellt, die der vermutlichen Realität in der Zukunft nicht meht entsprechen! Hier geht es nicht um kleine Summen sondern um Projekte wie die 380 kV Leitung von Netzraum Kärnten wo Milliarden € im Spiel sind. Es müsste eigentlich hinterfragt werden, warum die Ersteller den Klimawandel nicht berücksichtigen, denn damit beschäftigen wir uns eigentlich schon länger.
es müsste auch hinterfragt werden, wieso bei der 380kV-Leitung mit allem möglichen argumentiert wird, aber nicht mit dem Argument das es schon vor 30 Jahren gab: der Lückenschluss im österreichischen 380kV-Ring um Ausfallsicherheit zu gewährleisten.
Der Wolfgang List wieder einmal mit einem seiner Obskuranten. Manchmal ist es schade dass es in Österreich ein quota litis-Verbot gibt.
Samariter nehmen ohnehin nix, es reichen meist aber auch Hutsammlungen ... :-)
Zur einordnung welche agenda burkel vertritt:
Geowissenschaftler Eberhard Purkel Prof. (iR) tritt als Unterzeichner einer von der niederländischen Klimaleugnerorganisation CLINTEL initiierten internationalen Petition aus dem Jahr 2019 auf…
"Die Climate Intelligence Foundation (kurz: Clintel) ist eine niederländische Stiftung die Klimawissenschaftsleugnung betreibt. Die Organisation, die gegen den Klimaschutz kämpft, gilt als kontinentaleuropäisches Gegenstück zur britischen Global Warning Policy Foundation. Sie wurde von dem Wissenschaftsjournalist Marcel Crok und dem Geowissenschaftler Guus Berkhout gegründet, der seine Karriere beim Ölkonzern Shell begonnen hatte. CLINTEL unterhält enge Verbindungen zu weiteren Klimaleugnerorganisationen wie dem US-amerikanischen Heartland Institute, den von der Ölbranche finanzierten Friends of Sience und dem europäischen Netzwerk European Climat Realist Network, EIKE und vielen bekannten Klimaskeptikern…
Bekannt wurde die Climate Intelligence Foundation durch die von ihr federführend vorangetrieben Deklaration There is no climate emergency [die burkel unterschrieben hat!], in der laut Clintel mehrere Hundert Wissenschaftler und Fachleute die Existenz der Klimakrise abstreiten. Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem als Klimawandelleugner bekannte Akademiker, Politiker, Lobbyisten und hochrangige Personen aus der Öl- und Gasindustrie sowie weitere Personen, die in Verbindung stehen mit verschiedenen Klimawandelleugnerorganisationen…
Die Unterzeichner sind, im Themenfeld Klimawandel so gut wie gar nicht wissenschaftlich aktiv. Zudem ordnen die Autoren dieser Analyse die Deklaration als Desinformationskampagnen ein, die in der Öffentlichkeit Verwirrung über den wissenschaftliche Konsens zum Klimawandel stiften solle. Gleichzeitig stellen sie die Deklaration in die Tradition früherer ähnlicher Initiativen zur Klimawandelleugnung wie der Leipziger Erklärung oder der Oregon-Petition, deren Aussagen auch teilweise übernommen worden seien"
https://de.wikipedia.org/wiki/Clintel
Man kann dem projekt ja kritisch gegenüberstehen. Aber mit solchen "experten" tut sich diese initiative selber keinen gefallen.
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